Noch ist die Schneise deutlich zu sehen. Sturmtief Fabienne hat vor anderthalb Jahren zwischen der Hallburg (Volkach) und Schönaich im Nachbarlandkreis Schweinfurt eine langgezogene Fläche rasiert. Wer heute auf der Prichsenstädter „Traumrunde“ unterwegs ist, dem fallen im Ilmbacher Wald mittlerweile aber auch Farbtupfer überm braunen Waldboden auf: dünne Holzpfähle, deren Spitzen blau, rot, gelb oder grün leuchten. Worum es sich dabei handelt? Ein Anruf beim Förster bringt Klarheit – und nicht nur das. Der Mann berichtet von einer großen Wiederaufforstungs-Aktion und davon, dass aus einer Krise auch Gutes erwachsen kann.

Christian Belz leitet die Schönbornsche Forstverwaltung. Fabienne hat seine Wälder gleich doppelt getroffen: im Kreis Kitzingen und im Kreis Bamberg bei Pommersfelden, wo der Sturm eine weitere Schneise schlug. Statt 7000 Festmetern Hiebsatz wie in normalen Jahren war da auf einmal die dreifache Menge Windbruchholz. Urplötzlich war der Holzmarkt an minderwertigem Sturmholz mehr als gesättigt, die Preise fielen in den Keller. Mit diesem Problem hatten alle Waldbesitzer gleichermaßen zu kämpfen. Auch die Wiederaufforstung ging und geht alle an. Deshalb freut sich Belz auch über Kooperationen: „Sehr gut war und ist die Zusammenarbeit mit der Forstbetriebsgemeinschaft FBG Kitzingen in punkto Holzvermarktung und revierübergreifendem Forstmaschineneinsatz.“

Belz hat in den Wäldern östlich von Geesdorf mit dem Aufforsten begonnen. „42.000 junge Bäume haben wir inzwischen gepflanzt, und zwar auf etwa 14 Hektar Fläche“, stellt Belz fest. Insgesamt hat Fabienne etwa das Fünffache dieser Fläche gestreift, schätzt der Förster; große Kahlflächen gab es allerdings nur in der Schneise.

Der Wald dort bestand früher zum großen Teil aus Kiefern, Fichten und Buchen. „Wenn wir nach Fabienne nichts gemacht hätten, wäre das in zehn Jahren wieder so. Und der neue Wald würde Wetterextremen vielleicht wieder nicht standhalten“, erklärt der Forstverwaltungsleiter. Deshalb hat er der Naturverjüngung nicht einfach ihren Lauf gelassen, sondern gezielt eingegriffen und klimatolerante Hölzer hinzugefügt. Und da sind wir nun bei den farbigen Stickeln.

„Um jeden dieser Stickel haben wir truppweise zahlreiche Jungpflanzen gesetzt – die Farbe Rot markiert zum Beispiel den Spitzahorn, die Farbe Gelb steht für die Esskastanie, Grün für die Stieleiche und Blau für die Roteiche“, stellt Belz klar. Die truppweise Pflanzung habe den Vorteil, dass die Bäumchen nur innerartlich konkurrieren, sich aber nicht über die Arten hinweg im wahrsten Sinn des Wortes „im Wege stehen“. So könne im neuen Wald eine größtmögliche Vielfalt garantiert werden.

Vor Weihnachten haben Mitarbeiter einer Forstbaumschule Laubhölzer und heimische Weißtannen gepflanzt, im Frühjahr die fremdländischen Douglasien. „Die Douglasie ist hoffentlich resistenter gegen Trockenheit als die Fichte und sie ist wirtschaftlich auch sehr interessant“, erklärt Christian Belz, der den Naturschutz- und den Wirtschaftsfaktor Wald gleichermaßen im Blick behalten muss. „Auf lange Sicht wollen wir 60 Prozent Laubholz und 40 Prozent Nadelholz haben.“ Die bekannten Laubbaumarten ergänzt Belz' Team mit Hainbuche, Feldahorn, Feldulme, Walnuss und Elsbeere. „Es ist eine sehr kunterbunte Mischung, die dem Klimawandel trotzen kann.“

Damit die jungen Bäumchen nicht von der allgegenwärtigen Brombeere überwuchert werden, müssen die Pflanzflächen in den ersten Jahren immer wieder freigeschnitten werden. „Außerdem müssen wir intensiv jagen, sonst frisst und fegt das Rehwild uns die Jungpflanzen einfach kaputt.“ Wo es möglich ist, werden Flächen umzäunt. „Allerdings ist das auch eine finanzielle Frage: Für jeden Meter Zaun muss man mit Baukosten zwischen vier und fünf Euro rechnen.“

„Das ist kein G'schlamp“

Neben den bunten Pfählen fallen Wanderern und Spaziergängern auch andere Markierungen ins Auge – direkt an den Bäumen. Was bedeuten zwei schmale Streifen, je ein weißer und ein blauer, rund um die Stämme alter, abgebrochener und zum Teil dürrer Bäume? Christian Belz erklärt: Es handelt sich um Totholz- und Biotopbäume. „Über 100 davon haben wir im Ilmbacher Forst gemeinsam mit dem AELF Kitzingen gekennzeichnet.“ Sie geben Vögeln, vor allem Höhlenbrütern, Fledermäusen und Insekten Lebensraum. „Ein artenreicher Lebensraum hilft den natürlichen Feinden des Schwammspinners und anderer Schädlinge. Wir machen den Wald also weniger anfällig für Schädlinge, wenn wir Totholz- und Biotopbäume stehen und liegen lassen.“ Genau das – die Förderung der Vielfalt – ist auch der Grund dafür, dass viele vom Sturm ausgerissene Wurzelballen, abgebrochene und verwehte Zweige an Ort und Stelle liegen bleiben. „Manche Leute fragen mich, wann wir denn endlich 'des G'schlamp' mal aufräumen“, sagt Belz. „Wir lassen es extra liegen, damit es verrottet und den nachwachsenden Bäumen Nährstoffe gibt.“

Ein Miteinander

Wie wahrscheinlich ist es, dass es nochmal zu einer Sturmkatastrophe wie Fabienne kommt? „Das kann niemand genau sagen.“ Was Christian Belz aber weiß: „Wenn es in Zukunft so eine Krise gibt, dann sind wir alle besser vorbereitet.“

Mit „alle“ meint er nicht nur die Forstkollegen im Landkreis Kitzingen, sondern auch Kommunen, Staatliches Bauamt, Kreisverwaltung, Feuerwehr, Polizei und Bauhöfe. Nach Fabienne hatte es wegen umgestürzter Bäume und Stromleitungen mehrere gesperrte Straßen und offene Fragen gegeben: Wer beseitigt den Windbruch? Wer ist verantwortlich für die Kontrolle, dass Sperrungen eingehalten werden? „Vertreter aller betroffenen Stellen haben sich im Winter 2018 zusammengesetzt und all solche Fragen beantwortet“, sagt Belz.

„Man hat offen und konstruktiv miteinander gesprochen. Daraus ist ein Krisenmanagement entstanden, das einen detaillierten Fahrplan für Krisensituationen erstellt hat.“ Nach dem Motto „Miteinander statt gegeneinander“ sei man für künftige Herausforderungen im Stile von Fabienne gerüstet. „Die Krise hat uns zusammengeschweißt.“