Alois Kraus fährt mit dem Finger fest über eine Ähre. Er kann die Hüllen platt drücken: kein Widerstand, kein Korn. Es sind die Folgen der Frostnacht vom 11. auf den 12. Mai, die er in der Hand hält. So wie diese Ähre sehen viele im Landkreis Kitzingen aus: Ein großer Teil der Wintergerste ist erfroren.

Dass die Winzer und die Obstbauern von den Eisheiligen im wahrsten Sinne des Wortes kalt erwischt werden, ist nichts Neues. Dass der Frost im Mai auch das Getreide schädigen könnte, damit hat keiner gerechnet – auch nicht die Bauern und Behördenvertreter, die sich bei Thomas Schmitt in Willanzheim versammelt haben. An einem seiner Felder wollen sie zeigen, wie hart es die Wintergerste getroffen hat. Immer wieder schütteln sie dabei fast ungläubig die Köpfe. „Ich bin schon so lange dabei, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt BBV-Kreisobmann Alois Kraus.

„Ich bin schon so lange dabei, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.“
BBV-Kreisobmann Alois Kraus über die Wintergerste-Schäden

Vor wenigen Wochen hatte es für die Landwirte noch nach einer ganz normalen Ernte ausgesehen. Anfang Mai war es warm, über 20 Grad wurden im Landkreis gemessen. Doch dann wurde zu den Eisheiligen ein Temperatursturz vorhergesagt, der auch tatsächlich eintraf. Am 11. Mai regnete es bis zu 23 Liter, in der Nacht sank die Temperatur. Minus 0,6 Grad wurden in Albertshofen gemessen, berichtet Anton Lesch vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, anderswo war es noch ein kleines bisschen kälter. „Das hört sich nicht viel an“, sagt Lesch. Trotzdem war es verheerend, denn die Wintergerste stand gerade in der Blüte. „Die Staubbeutel wurden so geschädigt, dass keine Befruchtung stattfinden konnte.“ Die Folge: Die Ähre ist leer.

So genannte Laternenähren kommen immer mal vor. Der Ausdruck wird benutzt, wenn ein, zwei Körner sich nicht ausbilden. Der jetziger Zustand auf vielen Wintergerste-Äckern geht weit darüber hinaus. Auf über 4000 Hektar wird im Landkreis Kitzingen Wintergerste angebaut. 80 Prozent der Flächen sind betroffen. Die Schäden auf diesen Flächen liegen zwischen 30 und 100 Prozent.

Zwischen dem letzten Arbeitseinsatz für die Wintergerste und der Ernte, die normalerweise Anfang Juli stattfindet, liegen etwa acht Wochen. Die Bauern schauen in der Zeit zwar immer wieder mal an den Wintergerste-Äckern vorbei, aber Arbeiten fallen nicht an. Erst bemerkte daher niemand, dass die Wintergerste durch die Kälte geschädigt worden war. „Auch die Experten haben es nicht gesehen“, macht Gerd Düll, Leiter des Amtes für Landwirtschaft, deutlich. „Das ist das Problem im Vergleich zum Weinbau. Der Traube sieht man es an. Dem Getreide nicht“, sagt er. Die Wintergerste schiebt die Ähre, bevor sie mit einem Korn gefüllt ist. Sie ist also optisch vorhanden, sieht zunächst nicht schadhaft aus.

Inzwischen wissen die Landwirte, wie ernst die Situation ist. Und einige Wochen nach der Frostnacht ist auch beim Hinschauen deutlich zu erkennen, dass etwas mit der Wintergerste nicht stimmt: Ein Teil der Ähren neigt sich, bedingt durch das Gewicht der inzwischen gewachsenen Körner. Die meisten aber schauen weiter senkrecht nach oben - sie sind leicht, weil sich keine Körner gebildet haben. Und während die guten Ähren grün sind, erscheinen die anderen schon jetzt gelb. „Die Ähren sind flach geblieben. Das wird jeden Tag deutlicher“, erklärt Alois Kraus.

Thomas Schmitt baut auf zehn Hektar Wintergerste an. Mancherorts hat er 80 Prozent Schaden, an anderer Stelle 60 Prozent. Was nun anfangen mit dem Getreide? „Ich lasse es zum Dreschen stehen“, sagt der Willanzheimer. Er braucht die Gerste für seine Tiere, das Stroh zum Einstreuen. Jetzt zu häckseln und später Futter zukaufen zu müssen, ergibt wenig Sinn. Auch Ernst Drobek, BBV-Ortsobmann, der auf 16 Hektar Wintergerste anbaut, wird das Getreide stehen lassen und dreschen. „Das ist Futtergetreide für unser Milchvieh. Wir wollen es mit unserem eigenen Futter ernähren.“ Eine Alternative vor allem für Betriebe, die kein Milchvieh haben, ist es, die Wintergerste jetzt als Ganzpflanzensilage zu ernten und beispielsweise an Biogasanlagen zu liefern.

Wer jetzt erntet, dem stellt sich die Frage, wie er die Fläche anschließend nutzt. Die Diskussion in der Runde zeigt, dass das nicht leicht zu entscheiden ist. „Mais könnte als Nachbau funktionieren“, sagt Anton Lesch. „Aber er braucht viel Niederschlag.“ Ob der kommt? „Man bräuchte eine Glaskugel“, so Lesch, eher sehe es nach einem weiteren Dürrejahr in Folge aus. Kleegras oder Weidelgras als Zwischenfrucht? Hirse? Oder Sommergerste, die dann im Oktober als Futter geerntet werden kann? Überall stellt sich das gleiche Problem: Damit das klappt, muss es genug regnen. Daher muss die Frage laut Gerd Düll von Betrieb zu Betrieb differenziert beantwortet werden. Der Milchviehhalter braucht Futter, der Marktfruchtanbaubetrieb geht einen anderen Weg.

Die Frostschäden an der Wintergerste haben die Landwirte überrascht. Sie hängen, wie so vieles, mit dem Klimawandel zusammen. „Die Pflanzen haben keinen Kalender“, sagt Gerd Düll, „sie steuern sich über die Temperaturverlauf.“ Ist es im Winter nicht kalt genug, wachsen sie und entwickeln sich weiter. So kommen sie früher in die Phase, in der Spätfröste für Schäden sorgen können, wie es jetzt bei der Wintergerste war, als Frost und Blüte zusammengefallen ist. Geht der Klimawandel weiter, wird es wohl nicht nochmal 50 Jahre dauern, bis die Landwirte wieder kopfschüttelnd vor ihren Wintergerste-Feldern stehen.