Trauernde zu begleiten ist wichtiger Teil der kirchlichen Seelsorge. Den Hinterbliebenen zeigen, dass man diesen schweren Weg mit ihnen geht. Sie unterstützen, zuhören, für sie da sein. All das war Pfarrern und anderen kirchlichen Mitarbeitern in den vergangenen Monaten nur eingeschränkt möglich. Eine schmerzliche Erfahrung, nicht nur für die Trauernden, sondern auch für Dekanin Kerstin Baderschneider.

Seelsorge, so wie sie in den vergangenen Monaten, seit dem Lockdown im März, möglich war, ist nicht das, was sich Kerstin Baderschneider und ihre Kollegen vorstellen. „Wir wollen Seelsorge gern anders betreiben. Aber wir mussten uns beschränken“, bedauert sie. Und fügt an: „Es war wichtig, dass wir als Seelsorger da waren, und das waren wir.“ Eben im Rahmen dessen, was vertretbar war.

Was vertretbar war, das durften die Pfarrer selbst nicht festlegen. Der Staat gab und gibt vor, was zu Corona-Zeiten erlaubt ist und was nicht. Keine Gottesdienste, Beerdigungen nur im engsten Familienkreis – so sahen es die Regeln in den ersten Wochen vor. Nach und nach wurde gelockert, Kirchen wieder für gemeinsame Gottesdienste geöffnet, bei Beisetzungen der Kreis der Trauernden erhöht. Von 15 auf 50, inzwischen sind 200 möglich. Wobei 1,5 Meter Abstand gehalten werden muss und deshalb auf kleinen Friedhöfen, vor allem auf dem Land, auch jetzt längst nicht so viele bei einer Beerdigung dabei sein dürfen. Der Träger des Friedhofs ist verantwortlich dafür, dass das Sicherheitskonzept eingehalten wird, erklärt die Dekanin. Auch viele Aussegnungshallen dürfen aufgrund ihrer Größe noch nicht genutzt werden. Baderschneider empfiehlt außerdem, auch bei Beerdigungen einen Mund-Nasenschutz zu tragen, auch wenn es im Freien nicht vorgeschrieben ist – wegen des Gesangs, aber auch um ein Signal an diejenigen zu geben, die sich Sorgen wegen einer möglichen Ansteckung machen.

„Freunde und Bekannte konnten nicht

Abschied nehmen.

Das war schmerzhaft.“

Kerstin Baderschneider, evangelische Dekanin

Die Beerdigung ist ein wichtiger Schritt der Trauerbewältigung, weiß Kerstin Baderschneider. Es sei schwierig gewesen, dass sich zunächst nur die Kernfamilie versammeln durfte und auch danach erst nur ein kleinerer Kreis. „Freunde und Bekannten konnten nicht Abschied nehmen“, sagt sie. „Das war sehr schmerzhaft.“ Gerade diesen „erweiterten Kreis“ der Trauergemeinde konnte die Kirche in den letzten Monaten kaum unterstützen. Direkten Kontakt wie sonst auf Beerdigungen gab es ja nicht. „Aber man konnte und kann uns jederzeit anrufen.“ Auch Dekan Peter Göttke, Leitender Pfarrer des Pastoralen Raums St. Benedikt, spricht von massiven Einschränkungen für die Trauergemeinde. „In manchen Fällen wären normalerweise viel mehr Menschen zur Beerdigung gekommen, aber sie konnten nicht.“ Deshalb hat er mit seinem Team bereits im Mai einen Gottesdienst in der St. Mauritiuskirche gefeiert, um aller Verstorbenen zu gedenken. Dieser Gottesdienst wurde im Live-Stream übertragen und konnte zuhause von den Menschen mitgefeiert werden. Auch gestern Abend hielt der Dekan noch einmal einen Gottesdienst für all diejenigen, sie seit dem ersten Termin verstorben sind. Trauergottesdienste in den Kirchen abzuhalten hält Peter Göttke derzeit noch nicht für sinnvoll.

„Was aber nicht aufgehört hat, ist, dass wir Sterbende begleitet haben und begleiten“, betont Pfarrer Göttke. Er und sein Team seien auch in den letzten Monaten zu Sterbenden gerufen worden und auch zu den Menschen gegangen, um sie in ihren letzten Stunden zu begleiten. „Ich war bei Sterbenden daheim, im Krankenhaus und im Altenheim. Da gab es keinerlei Behinderungen“, berichtet der Dekan. „Wenn jemand gerufen hat, sind wir gekommen.“

Auch die evangelischen Pfarrer haben auf Anfrage Sterbebegleitung geleistet. „Wir durften auch physisch für die Sterbenden da sein, wenn jemand uns gebeten hat. Allerdings natürlich mit Schutzmasken“, so Baderschneider. Um die Kernfamilien anschließend in ihrer Trauer zu begleiten und zu unterstützen, waren Dekanin Baderschneider und ihre Kollegen in den ersten Wochen vor allem aufs Telefon angewiesen. „Wir haben lange Telefongespräche geführt. Nach den ersten Lockerungen haben wir uns mit der Familie getroffen, im Garten, mit Abstand“, erzählt die evangelische Dekanin. Aus diesen Gesprächen weiß sie, dass die Menschen Verständnis für die Einschränkungen hatten. Auch der katholische Dekan Göttke hat das so erlebt. „Die große Zahl der Menschen versteht die Zurückhaltung.“

Kerstin Baderschneider ist erleichtert, dass die Vorschriften nun gelockert wurden. Singen zum Beispiel war bei Beerdigungen untersagt. „Die Musik vermittelt Trost“, sagt Baderschneider. Deshalb wurden teilweise Lieder vom Band abgespielt. Trotzdem fehlte der Gesang. „Man kann sich in Geborgenheit hineinsingen. Das war nicht möglich“, bedauert die Dekanin.

Für die Hinterbliebenen sei es wichtig zu wissen, dass jemand da ist, der den Weg mit ihnen geht – nicht nur der Pfarrer, sondern auch Verwandte, Freunde und Bekannte. „Es hilft, wenn jemand signalisiert: Er oder sie fehlt uns auch.“ Daher ist sie froh, dass jetzt wieder größere Trauergemeinschaften möglich sind.

Weil sie auf diese Lockerungen gewartet haben, ließen manche Familien ihre Verstorbenen nicht gleich beisetzen. „Aber auch für sie waren die letzten Wochen keine einfache Zeit“, weiß Kerstin Baderschneider. Ohne die Beisetzung fehle ein Schritt in der Trauerbewältigung. „Man hängt in der Luft. Das war für manche Angehörige ganz schwierig.“

Nicht nur bei Beerdigungen, sondern auch bei Gottesdiensten allgemein wurden die Vorschriften inzwischen gelockert. Der Abstand zwischen den Gläubigen in den Kirchen wurde von zwei auf eineinhalb Meter verringert, es darf teilweise wieder gesungen werden.

„Man kann nicht einfach zur Tagesordnung

übergehen. Das

Infektionsgeschehen ist noch nicht vorbei.“

Peter Göttke, katholischer Dekan

„Die Normalität ist aber noch lange nicht zurückgekehrt“, sagt Dekan Göttke. Er hält es für wichtig, weiterhin vorsichtig zu sein, steht zu schnellen Lockerungen skeptisch gegenüber. „Man kann nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen. Das Infektionsgeschehen ist noch nicht vorbei.“ Er hält es für besser, die Einschränkungen lieber etwas länger aufrecht erhalten, als dass sich die Zahl der Opfer aufgrund zu schneller Lockerungen wieder erhöht. Es sei besser, sagen zu können, „wir haben aufgepasst“ als „hätten wir doch aufgepasst.“