Der ländliche Raum muss gestärkt werden. Diese Forderung stellt der Vorstandsvorsitzende der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft in Unterfranken, Wolfgang Fieber. Unterstützung erhält er unter anderem von Iphofens Bürgermeister Josef Mend und Landrat Eberhard Nuß aus Würzburg.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft schlägt Alarm. Fachkräftemangel, Demografischer Wandel, Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Digitalisierung: Es gibt jede Menge Themen, die angepackt werden müssen, um möglichst gleichwertige Lebensbedingungen im Freistaat zu schaffen. Vor einem deutlichen Stadt-Land-Gefälle beim Thema Bevölkerungsentwicklung warnt Fieber – und belegt dies mit Zahlen.

In Unterfranken werden bis ins Jahr 2036 Geburtenrückgänge von 7,6 Prozent prognostiziert. Gleichzeitig steigt der Altersdurchschnitt. Im Jahr 2036 werden laut Prognose fast 57 Prozent der Unterfranken älter als 65 Jahre sein. Für die Stadt Würzburg schauen die Zahlen allerdings ganz anders aus als für die meisten ländlichen Regionen. In Würzburg werden auch in 20 Jahren noch mehrheitlich junge Menschen wohnen. Im Landkreis Rhön-Grabfeld soll der Anteil der über 65-Jährigen dagegen von derzeit rund 36 Prozent auf rund 63 Prozent steigen.

„Die Zahl der

Erwerbstätigen wird weiter sinken. Davon sind alle Branchen betroffen.“

Wolfgang Fieber, Vorstandsvorsitzender vbw

Für die Unternehmen wird es damit noch schwerer, geeignetes Personal zu finden. Heute schon müssten manche unterfränkischen Betriebe Einschränkungen in ihrer Produktion hinnehmen, weil ihnen Fachpersonal fehlt. „Die Zahl der Erwerbstätigen wird weiter sinken“, prognostiziert Fieber. „Davon sind alle Branchen und Qualifikationsniveaus betroffen.“ Hinzu kommt eine Abwanderung von Fachkräften in Großstädte wie München oder Nürnberg. Was also tun?

Iphofens Bürgermeister Josef Mend hat eine klare Vorstellung und sieht die bayerische Staatsregierung in der Pflicht. Die „urbane Politik“ der letzten Jahre müsste gestoppt und umgekehrt werden. Zu viel Geld sei beispielsweise in die städtebauliche und verkehrstechnische Entwicklung Münchens geflossen. Zwei Milliarden für eine neue U-Bahn-Strecke sind Mend deutlich zu viel Geld. „Eine halbe Milliarde für den ländlichen Raum und wir könnten unseren ÖPNV im Freistaat super aufstellen“, sagt er.

Auch in Sachen Digitalisierung sieht er Handlungsbedarf. Immer noch gebe es Kommunen, die nicht ans schnelle Internet angeschlossen sind. Gerade die Unternehmen auf dem Land leiden darunter, wie Verena Müller-Drilling Geschäftsführerin der Müller GmbH Edelstahl-Feinbautechnik in Frammersbach bestätigen kann. „Wir haben den Internetausbau auf eigene Faust organisieren müssen“, sagt sie. Die Telekom verlegte Glaskabel für ihre Firma – andere Kleinbetriebe im Ort schauen nach wie vor in die Röhre.

Dass viele Schulen immer noch „ganz schlecht mit der Breitbandversorgung ausgestattet sind“, will Bürgermeister Mend nicht in den Kopf. Er fordert ein entsprechendes Förderprogramm und kritisiert, dass es nach wie vor keine entsprechenden Förderrichtlinien von Seiten des Kultusministeriums gebe.

„Wir müssen alles tun, um die Menschen von einem Leben auf dem Land zu

begeistern.“

Eberhard Nuß, Landrat Würzburg

Eine Binnenwanderung sei nicht nur in Richtung München zu beobachten, konstatiert Landrat Eberhard Nuß. Auch im Landkreis Würzburg konzentriere sich der Zuzug auf die Stadt. Etwa 160 000 Einwohner habe der Landkreis, etwa 130 000 davon leben im Speckgürtel Würzburg. Die Folge für die ländlichen Regionen: Kindergärten sind nicht voll belegt, Bauplätze werden nicht verkauft, Arbeitskräfte fehlen. „Wir müssen alles tun, um die Menschen von einem Leben auf dem Land zu begeistern“, fordert er.

Argumente gebe es genug: Die Attraktivität der Landschaft beispielsweise, die gerade von Touristen geschätzt wird. Oder die günstigen Kosten für Wohneigentum, die sich im Vergleich zu Städten im bezahlbaren Rahmen hielten. Während in Würzburg oder Aschaffenburg freistehende Ein- und Zweifamilienhäuser für 550 000 Euro und mehr gehandelt werden, gebe es vergleichbare Häuser im Landkreis Kitzingen für 350 000 und im Landkreis Haßberge für 250 000. „Der Erwerb von Eigentum ist in diesen Regionen auch für junge Familien noch erschwinglich“, meint Fieber. Gerade junge Eltern müssten mit entsprechenden Informationen angelockt und mit einem attraktiven Arbeits-, Freizeit- und Wohnumfeld gehalten werden. „Der ländliche Raum muss Wirtschafts-, Wohn- und Kulturort bleiben“, so Fieber.