Da ist etwas ganz Besonderes entstanden, ein bisschen außerhalb von Geiselwind, an der Staatsstraße nach Wasserberndorf. Die Familie Haubenreich hat einen neuen Kuhstall gebaut. Das letzte Mal, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb einen Kuhstall im Landkreis Kitzingen aussiedelte, ist eine Zeit her. 2013 war das. „Das hier ist schon außergewöhnlich“, sagt Claus Schmiedel, Fachberater am Amt für Landwirtschaft.

Fünf Kinder hat die Familie Haubenreich. Sohn Johannes ist 22 Jahre jung – und übernimmt die Verantwortung. Die Kosten nötigen ihm durchaus Respekt ab. Auf rund 600.000 Euro werden die Kosten für einen einzigen landwirtschaftlichen Arbeitsplatz laut Amtsleiter Gerd Düll taxiert. Auf 30 Jahre ist das Millionenprojekt der Geiselwinder Familie finanziert, zwischendurch wird es immer wieder neue Anschaffungen und damit auch Ausgaben geben. Aber Johannes Haubenreich ist überzeugt von dem Vorhaben, er glaubt an die Zukunft der Landwirtschaft. Sein Vater Hans sowieso. „Ich weiß, dass die Landwirtschaft gebraucht wird“, sagt er. Wer sonst solle Nahrungsmittel produzieren und die Landschaft pflegen?

Die Haubenreichs stemmen sich mit ihrer Investition gegen den Trend. Als Hans Haubenreich im Jahr 1987 seinen landwirtschaftlichen Meister machte, gab es rund 137.000 Milcherzeuger in Bayern. Im Dezember 2019 waren es nur noch 24.276. Die Zahl der Milchviehbetriebe im Landkreis Kitzingen ist innerhalb von zehn Jahren von 391 auf aktuell 140 gesunken. „Dieser Trend wird sich fortsetzen“, prophezeit Amtsleiter Gerd Düll. Warum also investieren, wie es die Geiselwinder Familie in großem Stil getan hat?

Hans Haubenreich zieht bei dieser Frage die Schultern hoch. Die negativen Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate ärgern ihn. Bauern hätten schon immer nachhaltig gedacht und gewirkt, argumentiert er. Haubenreich senior glaubt an die Zukunft seiner Branche. Also hat er schon vor acht Jahren begonnen, sich zu informieren. Er hat moderne Betriebe im Umland angeschaut, Messen besucht, die Beratung beim Fachzentrum Rinderhaltung in Anspruch genommen. 2018 hat er das richtige Grundstück gefunden, zentral gelegen zu seinen rund 150 Hektar Acker- und Grünlandfläche – und direkt an der Straße. „Damit das Milchauto uns gut anfahren kann.“ Dass Tierhaltung und Tierwohl kein Widerspruch sein muss, wollen die Haubenreichs mit ihrem neuen Stall beweisen.

Derzeit befinden sich 100 Milchkühe mit der dazugehörigen Nachzucht in dem 27 auf 100 Meter großen Gebäude.„Wir kaufen nicht zu“, erklärt Johannes Haubenreich. Der Nachwuchs wird selbst gezogen. Die Jungtiere sind im Frühjahr als Erste umgezogen, haben einen separaten Bereich bekommen – genauso wie die Kühe, die kurz vorm Abkalben sind. Zwei geräumige Boxen mit Stroh stehen ihnen zur Verfügung. Und ein Melkstand, der von Hand betrieben wird. Etwa 30 Meter entfernt befinden sich die zwei Melkroboter für die anderen Tiere. Rund 250.000 Euro haben die Haubenreichs alleine in diese Technik investiert. Tag und Nacht läuft der Roboter, die Kühe werden durch ein spezielles Kraftfutter angelockt, dann schließt sich die Box und das Melkgeschirr findet dank eingebauter 3D-Kamera die Zitzen am Euter der Tiere. Über Leitungen fließt die Milch in einen Tank. „Da ist viel Software verbaut“, sagt Johannes Haubenreich und hebt zum Beweis die Abdeckung des Gehäuses auf. Technik, die wertvolle Informationen liefert.

„Die Technik ist hilfreich für Mensch und Tier.“
Johannes Haubenreich, Landwirt

Die Sensoren können zum Beispiel erkennen, ob das Euter der gerade gemolkenen Kuh gesund ist. „Der Computer erkennt das schneller als der Mensch“, weiß der 22-Jährige, der alle seine Kühe beim Namen nennt. „Ich war schon als kleiner Bub im Stall“, erklärt er und muss lachen. Die Landwirtschaft hat ihn von klein auf fasziniert. Die Technik ebenso.

Die Kühe der Haubenreichs tragen Bänder mit einem Sender um den Hals. „So lassen sich deren Aktivitäten messen“, erklärt Johannes. Sollte sich ein Tier sehr wenig oder sehr auffällig bewegen, wird der Bauer darauf schnell aufmerksam und kann sich das entsprechende Tier genauer ansehen. „Die Technik ist hilfreich für Mensch und Tier“, sagt der 22-Jährige. Das gilt auch für den Einstreu-Roboter und die Rollos an den Seitenwänden, die per Knopfdruck auf- und zuzuziehen sind. So lassen sich die Sauerstoffzufuhr und die Temperatur im Stall gut regeln – zumal sich die warme Luft nicht mehr unter dem Dach staut. Öffnungen sorgen für eine Zirkulation. Im Sommer lässt sich die Sonneneinstrahlung regulieren, im Winter die Kälte abhalten. Die Kühe können sich in so genannten Tiefbuchten ausruhen, deren Kopfbereich mit ausreichend Stroh befüllt ist. Platz zum Laufen haben die Tiere auch. Der Wandel in der Arbeitswelt ist im neuen Stall der Familie Haubenreich mit Händen zu greifen. Statt körperlicher Belastung steht nun die Überwachung und Steuerung der Technik im Vordergrund. „Kürzer sind die Arbeitszeiten deshalb aber nicht geworden“, sagt Johannes Haubenreich und muss schmunzeln. Als Familienbetrieb wollen die Haubenreichs die landwirtschaftliche Zukunft gestalten. Johannes' Freundin Ramona Rippel hat Lebensmittel-Management in Triesdorf studiert und kann sich weitere Standbeine durchaus vorstellen. Eine Milchtankstelle, ein Stallcafé: Ideen gibt es einige. „Es wäre schön, wenn der Trend bei den Verbrauchern weiter in Richtung Direktvermarktung ginge“, sagt sie. Einen engen Kontakt zu den Verbrauchern wollen die Haubenreichs in Zukunft pflegen, ihr Projekt präsentieren und ihre Philosophie nach außen tragen. Der Stall zwischen Geiselwind und Wasserberndorf soll auf viele Jahre etwas ganz Besonderes bleiben.