Landkreis Kitzingen Der Start ins Schuljahr 2020/21 läuft in diesem Jahr ganz anders ab. Sozialpädagogin Corinna Grün weiß, warum sich die Erstklässler an Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen nicht groß stören werden. Und wie der Erste Schultag trotzdem ein besonders schöner Tag werden kann.

Bei manchen Eltern schmälert die Aussicht auf Betretungsverbot in der Schule und Schulstartgottesdienst ohne Großeltern die Vorfreude. Bei den Schülern auch?

Corinna Grün: Wie groß die Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen auf den ersten Schultag der Kinder ausfallen, wird vor allem durch die Eltern beeinflusst. Es kommt darauf an, wie sie darüber sprechen und wie sie es den Kindern vermitteln. Man sollte versuchen, dabei möglichst wert- und vorurteilsfrei zu bleiben. Eltern sollten sich darauf fokussieren, dass der Tag für die Kinder etwas Besonderes wird. Was drumherum passiert, ist für die Schüler nicht ausschlaggebend. Sie müssen so viele neue Eindrücke aufnehmen und verarbeiten, dass es sie nicht zwangsläufig stören wird, ob Oma und Opa nun am Morgen schon dabei waren. Wenn sie am Nachmittag zur Feier in den Garten kommen, wird das den Kindern vollkommen reichen. Schade ist es natürlich für die Erwachsenen, die es nicht miterleben können. Aber die Kinder kennen es nicht anders und sind da eher unbedarft.

Was würden Sie Eltern raten, um den Schulstart im Corona-Jahr trotz der Einschränkungen zu einem schönen Tag zu machen?

Gelassen bleiben! Eltern sollten versuchen, auch sich selbst, so gut es geht, auf den Tag zu freuen und eine fröhlich gestimmte Erwartungshaltung aufzubauen. Sie können sich eigene, schöne Erinnerungen an die Schulzeit ins Gedächtnis rufen und sie mit dem Schulkind teilen. So erzeugt man Vorfreude, bei sich und beim Kind.

Wie kann man sich und seine Kinder ganz praktisch auf den Schulstart vorbereiten?

Es beginnt damit, in Ruhe die Schulsachen zu besorgen und das Kind mit einzubeziehen – es wird sich riesig freuen, wenn es lauter neue Sachen einkaufen darf. Dazu kann man in der Woche zuvor die Aufsteh- und Abendroutine anpassen, also früher ins Bett und früher aufstehen. Man kann zusammen den Schulweg ablaufen. Am Abend davor sollte schon der Ranzen gepackt und die Kleidung herausgelegt werden, so dass es ein möglichst entspannter Morgen werden kann. Eltern sollten dem wahrscheinlich aufgeregten Kind mit möglichst viel Ruhe und Geduld begegnen und nicht vor lauter Stress laut werden. Und wenn das Frühstücksgeschirr stehen bleiben muss, weil die Zeit knapp wird, dann ist das halt mal so. Eltern sollten Sicherheit ausstrahlen, ihr Kind bestärken, damit es selbstbewusst in seinen großen Tag und in den neuen Lebensabschnitt gehen kann.

Welche Rolle spielt die Schultüte dabei? Manche Kinder scheinen sich regelrecht daran festzuhalten...

Ja, eine Schultüte gibt Halt, die hat man von Mama und Papa oder einer anderen Bezugsperson mitbekommen. Das hilft in der neuen Situation, die einen großen Umbruch im Leben des Kindes darstellt. Früher hieß sie noch „Zuckertüte“ und sollte den Schulstart versüßen. Heute ist sie viel mehr, sie soll dem Kind zeigen, dass man sich Gedanken gemacht hat, dass der Tag auch für Mama und Papa und alle anderen bedeutungsvoll ist und dass man es bei allem, was jetzt kommt, begleitet und unterstützt.

Was muss also hinein in die Schultüte?

Das Kind soll sich geschätzt fühlen – das heißt aber nicht, dass man die Schultüte mit Geschenken überfrachten sollte. Es muss auch keine rein pädagogisch wertvolle Füllung werden. Man muss ein Mittelmaß finden. Eltern sollten sich in ihre Kinder hineinversetzen, sich besinnen, womit es gerne spielt, an die Lieblingssüßigkeiten denken. Oder einen Schritt zu mehr Selbstständigkeit und Verantwortung gehen, mit einem Geldbeutel für das erste Taschengeld oder einem Wecker zum selbstständigen Aufstehen.

Selbstständigkeit ist ein gutes Stichwort. Die Schule wird mit Regelbetrieb starten. Was bedeutet es aber für Erstklässler, wenn Sie doch wieder ins (teilweise) Homeschooling ausweichen müssen? Dann sind sie doch sehr auf die Hilfe der Eltern angewiesen. Wie bleibt die Lage entspannt?

Es kommt wieder darauf an, wie die Erwachsenen es bewerten. Natürlich ist die Situation schwierig für Vollzeit arbeitende Eltern und Kinder, die in Familien mit unsicheren finanziellen und sozialen Verhältnissen oder auch mit Migrationshintergrund leben und die Schule meistern sollen. In vielen Familien wird das trotzdem sehr gut laufen. Wichtig ist, dass man seine eigenen Erwartungen herunterschraubt. Das Kind ist zu Hause, alles andere muss stehen und liegen bleiben, damit das Homeschooling läuft – da liegen die Nerven irgendwann blank. Es braucht aber eine möglichst gelassene Lernatmosphäre, die ganz individuell verschieden sein kann. Es gibt Kinder, die brauchen ihren eigenen Raum. Für andere bietet sich der Küchentisch an, weil sie sich leichter tun, wenn jemand in der Nähe ist und für Fragen zur Verfügung steht. Hier gilt es, sein Kind zu beobachten, es ein- und wertzuschätzen. Was ist für Ihr Kind „eine gute Leistung“, wie kann ich es positiv bestärken, vielleicht auch belohnen. Damit, eine Geschichte vorzulesen oder seine Lieblingssendung in Aussicht zu stellen. Dabei gilt es aber vor allem auch, konsequent zu bleiben. Die Kinder wissen schließlich auch, dass es eben so sein muss.

Genauso wie die Maske in der Schule?

Das ist ja nichts komplett Neues mehr. Die Kinder finden das nicht unbedingt schlimm, es wird sehr schnell zur Selbstverständlichkeit werden.

Wenn die erste Euphorie verflogen ist: Wie macht man Kindern die Schule

schmackhaft?

Als Eltern muss man vor allem da sein für das Kind. Es muss sich einfügen, seinen Platz in einer neuen Sozialstruktur finden, der/die KlassenlehrerIn als neue Autoritätsperson akzeptieren. Dazu kommt der Konkurrenz- und Leistungsdruck – das sind viele Herausforderungen, die das Kind bewältigen muss. Eltern sollten sich Sorgen und Nöte anhören, das Kind immer wieder bestärken, loben, honorieren. Wenn es größere Probleme gibt, sollte man schauen, wo das Problem liegt, ist es die Taktung, die Zeit, die Mitschüler. Man sollte ruhig auf die Lehrkraft zugehen oder auch aus der eigenen Erfahrung erzählen. Eltern sollten zeigen, dass sie sich damit beschäftigen, dass sie nach Lösungen suchen – und dem Kind klar machen: Es gibt eine Lösung für dein Problem, und gemeinsam finden wir sie.