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Gesichtsfeldausfälle

Sehstörung nach Schlaganfall: Das hilft Betroffenen

Und rechts ist plötzlich gar nichts mehr: Anton Müller hat seit einem Schlaganfall ein neurologische Sehstörung, die sein Sichtfeld stark einschränkt - obwohl seine Augen eigentlich gesund sind. Die Beratungsstelle für neurologische Sehstörungen in Würzburg unterstützt Betroffenen bei mit wichtigem Training für den Alltag.
Katja Schmitt schaut genau hin: Wie schnell findet Anton Müller (Name geändert) die vier Teile in einer Reihe? Nicht einfach, wenn man auf beiden Augen im rechten Sehfeld nichts erkennen kann. Bei der neurologischen Sehberatung des Würzburger Blindeninstitutes lernt der Schlaganfall-Patient, die Einschränkung zu kompensieren. Foto: Daniela Röllinger

Wörter im Buchstabensalat entdecken. Die 86 inmitten vieler winziger Zahlen finden. So schnell wie möglich auf einen kleinen blinkenden Punkt auf dem Bildschirm klicken. Was aussieht wie ein Zeitvertreib, ist für Anton Müller (Name geändert) weit mehr. Nach einem Schlaganfall ist sein Gesichtsfeld eingeschränkt. Er kann nicht sehen, was sich rechts befindet – obwohl seine Augen völlig gesund sind. Die Übungen helfen ihm, diesen Ausfall zu kompensieren.

„Man sieht in diesen Bereichen einfach gar nichts. So wie man nicht sehen kann, was hinter dem eigenen Kopf passiert.“ Katja Schmitt, Neurologischen Sehberatung

Hätte jemand Anton Müller vor einem Jahr gefragt, was eine homonyme Hemianopsie ist, er hätte verständnislos den Kopf geschüttelt. Kaum jemand kennt den Fachbegriff. Kaum einer kann sich etwas unter einem eingeschränkten Gesichtsfeld vorstellen. Kaum einer denkt, dass es ihn mal treffen könnte. Auch der Mann aus dem Landkreis Kitzingen nicht.

Neurologische Sehstörung: Was kann man dagegen tun?

Anton ist Anfang 40. Völlig gesund, schlank, keine Diabetes, kein Bluthochdruck. Kein Zeichen dafür, dass er einen Schlaganfall bekommen könnte. „Es ist einfach passiert“, sagt er über jenen verhängnisvollen Tag im Spätsommer 2019. Dass er ein Loch im Herzen hatte, durch das sich ein Gerinsel den Weg in den Kopf bahnte, wusste er nicht. „Ich war dagesessen und plötzlich war meine komplette rechte Seite gelähmt.“ Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Sprachverlust. „Ich konnte nur noch lallen.“ All das spürte er gleich. Dass auch mit dem Sehen etwas nicht mehr stimmte, wurde ihm erst im Krankenhaus bewusst.

Der Patient hatte Glück im Unglück: „Die Sprache und alles andere war nach einem Tag wieder zurück“, erzählt er. „Aber das Sehen nicht.“ Und während das Loch im Herzen noch Ende letzten Jahres bei einer Operation geflickt werden konnte, fehlt ein Dreivierteljahr nach dem Schlaganfall auch heute noch bei beiden Augen ein Teil des rechten Gesichtsfeldes. Das Gehirn kann die Informationen, die aus diesem Bereich kommen, nicht mehr verarbeiten.

Das Gesichtsfeld ist das, was man sieht, wenn man den Kopf gerade hält und einen Punkt fixiert. Es umfasst etwa 180 Grad. Ist dieser Bereich eingeschränkt, kann man einen Teil des Sehfeldes nicht erkennen. In der Regel sind beide Augen betroffen – in unterschiedlichen oder im gleichen Bereich. Wie bei Anton Müller, der mit beiden Augen rechts nichts erkennt, wofür das Wort homonym steht. „Man sieht in diesen Bereichen nicht schwarz“, erklärt Katja Schmitt von der neurologischen Sehberatung des Blindeninstituts Würzburg. „Man sieht in diesen Bereichen einfach gar nichts. So wie man nicht sehen kann, was hinter dem eigenen Kopf passiert.“

Blindeninstitut Würzburg: Vorreiter für Behandlung von Gesichtsfeldausfällen

Gesichtsfeldausfälle sind eine häufige Folge von Hirnschädigungen durch Schlaganfälle, Tumore oder Schädel-Hirn-Traumata nach Unfällen. 20 bis 50 Prozent der Patienten mit Hirnschädigung leiden unter Sehstörungen, darunter 77 Prozent unter Gesichtsfeldausfällen.

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In so einer Situation stellen sich Betroffene natürlich die Frage: Was kann man dagegen tun? Die entmutigende Antwort lautet oft: „Nichts.“ Was richtig und falsch zugleich ist. „Man kann die Situation nicht ändern. Man kann das nicht wieder lernen wie beispielsweise das Gehen“, erklärt Katja Schmitt. Aber die Patienten können lernen, den Ausfall zu kompensieren. Genau das übt Müller. Diese Beratung ist relativ neu, wird im Blindeninstitut erst seit etwa einem Jahr angeboten, erklärt Pressesprecherin Sabine Tracht. Die Würzburger seien so etwas wie Vorreiter auf diesem Gebiet. Sie bringen die beiden für die Patienten wichtigen Bereiche zusammen: das Auge, um dessen Gesundheit sich der Augenarzt kümmert, und das Gehirn, für das der Neurologe zuständig ist. Meist arbeitet jeder Bereich nur für sich. „Der Bedarf war ersichtlich“, sagt Tracht.

Katja Schmitt bezeichnet Anton Müller als ihren besten Patienten. „Er ist schnell“, sagt sie. Wer ihn bei den Übungen beobachtet, stimmt ihr sofort zu. In kürzester Zeit erledigt er Aufgabe für Aufgabe – und genau das ist das Ziel: Das Auge soll schneller werden. Der Blicksprung ist Schmitt dabei besonders wichtig. Weil das Auge rechts nicht sieht, muss der Blick möglichst schnell dorthin gewendet werden. „Gerade sitzen, Kopf nicht bewegen, nur die Augen“, leitet sie an. Müller fixiert ein grünes Kreuz auf dem Bildschirm. Es piepst, ein gelber Punkt erscheint rechts vom Kreuz.

„Ohne das Training wäre mir im Alltag bestimmt schon was passiert.“ Anton Müller, Patient (Name geändert)

Den muss er finden. Die Schwierigkeitsstufen lassen sich steigern, der Punkt wird kleiner, er blinkt auf und verschwindet wieder, die Farbe wird weniger kontrastreich, der Hintergrund ändert sich. Eine langweilige Übung, weiß die Ansprechpartnerin für Diagnostik und Reha-Sehtraining am Blindeninstitut, „aber effektiv“. So sind Müllers Augen anfangs nur ein kleines Stückchen in Richtung des gelben Punktes gewandert. Ganz normal und nachvollziehbar für die Therapeutin: „Wer kommt denn auch auf die Idee, wohin zu gucken, wo er nichts sieht“, sagt Katja Schmitt.

Anton Müller hat gelernt, dass er den Blick weiterführen muss und schaut inzwischen bei den Übungen direkt vom grünen Kreuz zum bunten Punkt. Nicht nur daran erkennt er die Fortschritte, die er dank der neurologischen Sehberatung macht. Am Ende jedes Trainings steht eine diagnostische Kontrolle, das Ergebnis wird mit dem des letzten Treffens verglichen. „Ohne das Training wäre mir im Alltag bestimmt schon was passiert“, betont Müller.

Andere Patienten tun sich deutlich schwerer. Katja Schmitt erzählt von einem Mann, der den linken Teil des Gesichtsfeldes nicht mehr erkennt. „Im Supermarkt hat er sich gewundert, dass alles so günstig war. Er hat nur die Centziffern gesehen.“ Mancheiner findet das Telefon oder die Fernbedienung nicht, wundert sich beim Interview im Fernsehen, mit wem die Person auf dem Bildschirm da spricht, erkennt bei nebeneinander liegenden Socken nicht, dass sie nicht zusammenpassen. Es gibt Patienten, die nur die Hälfte des Essens auf dem Teller essen, die sie erkennen. „Sie ignorieren die Seite, die sie nicht sehen.“

Katastrophe für Anton Müller - Fahrverbot seit Schlaganfall

Anton Müller ist froh, dass er den Schlaganfall so gut überstanden hat. Wer ihn sieht, hält ihn für völlig gesund, körperliche Einschränkungen sind nicht erkennbar. Trotzdem bedeutet die Situation für ihn eine Katastrophe. Wegen des eingeschränkten Gesichtsfeldes darf er nicht Auto fahren. Es wäre nicht hundertprozentig auszuschließen, dass er ein Kind, das von rechts auf die Fahrbahn läuft, zu spät sieht, argumentieren die zuständigen Behörden. „Wäre er auf einem Auge vollständig blind, und das andere würde funktionieren, dürfte er fahren“, erklärt Katja Schmitt.

Das Fahrverbot war nach dem Schlaganfall zunächst auf drei Monate beschränkt. „Als danach beim Gesichtsfeldtest festgestellt wurde, dass sich nichts verändert hat, war ich geschockt“, erzählt der junge Mann. Er ist beruflich auf den Führerschein angewiesen, ist jetzt berufsunfähig. Er trainiert weiter, hofft weiter. Eine Garantie gibt es nicht, aber es ist auch nicht auszuschließen, dass sich da eines Tages was tut im hinteren Bereich seines Schädels. Katja Schmitt klopft bei ihrem eigenen Kopf dreimal auf die Region, in der das Problem liegt. So als wünsche sie ihrem besten Patienten “Toi, toi, toi“.

Beratung bei neurologischen Sehstörungen

Neurologische Sehberatung: Patienten mit neurologischen Erkrankungen oder hirnorganischen Schädigungen haben häufig Gesichtsfeldausfälle, Doppelbilder oder andere Sehbeeinträchtigungen. Das Blindeninstitut Würzburg unterstützt sie durch Untersuchungen und therapeutische Maßnahmen, passt Hilfsmittel an, bietet Kompensationstraining und vermittelt zu weiterführenden Maßnahmen. Infos unter Tel. 0931 / 20922316 oder per E-Mail unter beratungszentrum@blindeninstitut.de

Die Blindeninstitutsstiftung: Die Blindeninstitutsstiftung wurde 1853 in Würzburg von Moritz Graf zu Bentheim-Tecklenburg gegründet. Mit umfangreichen pädagogischen und therapeutischen Angeboten in Würzburg und an sechs weiteren Standorten ist sie europaweit eine der größten Institutionen ihrer Art. Rund 2300 Mitarbeitende setzen sich dafür ein, dass Menschen mit Blindheit oder Seh- und Mehrfachbeeinträchtigung hohe Lebensqualität und bestmögliche Entwicklungschancen erhalten.