Die Kitzinger Siedlung ist spannend. Und das gilt erst recht für ihre Gründungszeit. Doris Badel hat die Daten – und die lebendige Geschichte dahinter. „Die Möglichkeiten zur Schaffung eines neuen Wohnraumes waren kurz nach Weltkriegsende 1918 sehr gering“, erinnert die Leiterin des Stadtarchives. Es herrschte Wohnungsnot – und die sollte bis hinein in die Zeit des Nationalsozialismus Thema bleiben. Für einen Menschen wie Anselm Caliz war die Not noch ein wenig größer. 1882 wurde er in der Provinz Udine in Italien geboren, kam als Neunjähriger nach Deutschland. In einer Baufirma fand er Arbeit, kam in diesem Zug nach Kitzingen, wo er beim Bau von Wasserleitungen half und auf dem Flugplatz außerdem für italienische und französische Kriegsgefangene dolmetschte. Caliz sollte nach Kriegsende abgeschoben werden, der damalige Landtagsabgeordnete Hans Hartmann setzte sich für ihn ein. Das damals knapp über 10.000 Einwohner zählende Kitzingen wurde seine neue Heimat. Aber wo wohnen?

Zwei Jahre Hausbau

Caliz sparte eisern und hatte bald 1500 D-Mark zusammen. Die reichten, um ein 1890 Quadratmeter großes Grundstück neben der Kreisgeflügelanstalt zu erwerben – und nach und nach für den erträumten Hausbau vorzubereiten. Caliz rodete 57 Bäume, holte sich aus Steinbrüchen in Hohenfeld und Albertshofen Material und konnte noch im selben Jahr, nach der Fertigstellung des ersten Raumes, mit seiner Familie einziehen. Insgesamt dauerte der Hausbau zwei Jahre. „Mit dieser Pionierleistung wurde Anselm Caliz zu Kitzingens erstem Siedler“, berichtet Doris Badel.

Einsam blieb die Familie aber nicht sehr lange. Schnell wuchsen neue Häuser rund um die heutige Adresse Texasweg 3. Bereits 1927 lebten 16 Personen in acht Häusern rund um den Galgenwasen. Der prominenteste von ihnen: Richard Rother, der ein Atelier in unmittelbarer Nähe von Anselm Caliz' Heim errichtet hatte.

In den 1930er-Jahren wurde das Gelände baureif und planmäßig erschlossen, so genannte Kleinsiedlungshäuser entstanden. Die Stadt Kitzingen selbst baute im Jahr 1933 am Galgenwasen sechs Blöcke mit insgesamt 50 Wohnungen und zwei Vierfamilienhäusern. „Nach und nach entstand ein völlig neuer Stadtteil“, berichtet Doris Badel. Einer, der sich grundlegend von den anderen Stadtteilen unterschied und nach wie vor unterscheidet. Die Siedlung hatte keinen gewachsenen Kern, sie entstand vielmehr aus einer Aneinanderreihung von Einfamilienhäusern, die mit möglichst geringem Kostenaufwand gebaut wurden.

Wohnungsnot nach dem Krieg

Gleich nach Kriegsende 1945 musste, so schnell wie möglich, neuer Wohnraum geschaffen werden. Die bestehende Siedlung wurde über die Egerländerstraße nach Osten erweitert – allerdings waren die Ausdehnungsmöglichkeiten in diese Richtung begrenzt, hatten die Amerikaner doch eine schnurgerade Panzerstraße zum Flugplatz gebaut. Südlich der B8 entstand deshalb eine weitere (An)Siedlung. Evakuierte, Flüchtlinge und Heimatvertriebene waren die ersten, die in diesem Gebiet um die Liegnitzer- und Tilsiter Straße lebten.

Anselm Caliz hat diese Zeit noch miterlebt. Mit seinem Sohn Michael und dessen Familie wohnte er bis zu seinem Tod im selbst erbauten Eigenheim im Texasweg 3. Seinen letzten großen Auftritt hatte er bei der Siedler-Kirchweih im August 1963. Gemeinsam mit Oberbürgermeister Dr. Oskar Klemmert fuhr er im offenen Wagen beim Umzug mit. Ein Jahr später verstarb er nach einem Magenleiden. Eine Bronzefigur vor der Haupt- und Grundschule erinnert an den ersten Siedler. „Der Name Caliz ist untrennbar mit der Siedlung verbunden“, sagt Doris Badel. Dank ihm wird der größte Stadtteil in Kitzingen heuer 100 Jahre alt.

Aus der Geschichte

Weihnachten 1926: Gastwirt Ludwig Zull eröffnet am Galgenwasen im neuen Stadtteil Siedlung seine Schankwirtschaft „Zum Kugelfang“.

September 1933: Der Neubau eines katholischen und eines evangelischen Kindergartens am Galgenwasen wird genehmigt.

1934: Mit Bäcker Emil Wolf aus Rottenbauer zieht 1934 das erste Lebensmittelgeschäft in das neue Siedlungsgebiet. Er erhält Ende April des Jahres die Erlaubnis zum Betrieb einer Bäckerei und eines Kolonialwarenladens am Galgenwasen.