Plötzlich ist er eingeschlafen. Gerade hat der vierjährige Matthias noch mit seinem neuen Freund gespielt. Jetzt liegen beide eng aneinandergekuschelt auf der Couch. Der Bub lächelt im Schlaf, so dass ihm der Schnuller aus dem Mund fällt. Auch der weiße Labrador kann nach all der Aufregung eine Pause gebrauchen. Er legt die Schnauze auf Matthias' Bauch, als wolle er sich vergewissern, dass das Herz des Kleinen richtig schlägt. Alles ist gut. Sam ruht sich nun auch ein bisschen aus, ganz nah bei Matthias.

So friedlich und glücklich hat Susanne Till ihren Jüngsten selten gesehen. „Ich bin sehr dankbar“, sagt die Kitzingerin und schaut gerührt auf ihr Sorgenkind – und auf Sam, den Reha- und Therapiehund. Der zweieinhalbjährige Rüde wurde in Rostock speziell auf Matthias' Krankheit geschult. Ende November kam er zu Familie Till nach Kitzingen, wo er schon sehnsüchtig erwartet wurde.

„Ich weiß, auf Sam ist hundertprozentig Verlass.“
Astrid Ledwina, Cheftrainerin

Viele Menschen hatten für Sams 25 000 Euro teure Spezialausbildung gespendet, nachdem „Die Kitzinger“ vor einem Jahr über Matthias berichtet hatte. Der Bub kam im Oktober 2010 als Frühchen zur Welt. Er wog gerade mal 900 Gramm, war nur 32 Zentimeter groß. Kurz nach seiner Geburt wurde ein Lungenriss diagnostiziert, mit vier Monaten bekam der Winzling eine Hirnhautentzündung. Seit dieser Zeit wird Matthias mit einem Monitor überwacht, wenn er schläft, da er immer wieder Atemaussetzer hat und die Sauerstoffsättigung unter den kritischen Wert fällt.

Obwohl Matthias auf den ersten Blick ein goldiger, aufgeweckter Junge ist, leidet er an einer schweren Wahrnehmungsstörung mit autistischen Zügen. Auch körperlich wirkt sich sein überstürzter Start ins Leben aus: Der Vierjährige ist heute gerade mal 94 Zentimeter groß. Mit dem Essen hat der Bub immer wieder Schwierigkeiten. Es gibt Phasen, in denen er mit Hilfe einer Sonde künstlich ernährt werden muss.

All die Probleme will die sechsköpfige Familie Till – Matthias hat zwei ältere Schwestern und einen älteren Bruder – gemeinsam meistern. „Gemeinsam“ – das bedeutet nun auch: mit Sam, dem ebenso intelligenten wie lieben und zuverlässigen Reha-Hund.

Astrid Ledwina sitzt am anderen Ende der Couch. Sie betrachtet das schlafende Kind und den dösenden Vierbeiner – und lächelt. „Besser hätten wir es nicht treffen können.“ Die erfahrene Cheftrainerin des gemeinnützigen Vereins Rehahunde e.V., der seinen Sitz in Tessin bei Rostock hat, ist zufrieden. „Ich weiß, auf Sam ist hundertprozentig Verlass.“

Der kastrierte Rüde ist darauf trainiert, Alarm zu schlagen, sobald Matthias Atemfrequenz sinkt. Er wird dem Buben im Alltag Sicherheit geben – physisch und psychisch. Astrid Ledwina, aber vor allem ihr Kollege Ulrich Zander haben ein Jahr lang intensiv mit Sam geübt. Sie sind sich einig: „Er hat sehr gut gelernt.“

Sam soll den Jungen und seine Familie beschützen und ihnen das Leben leichter machen. „Man muss beim Training unheimlich viel beachten – ganz individuell, je nach Ziel-Familie.“ Bei den Tills war es wichtig, dass der Hund sich harmonisch ins Familienleben integriert, aber seine lebensrettenden Aufgaben nie außer Acht lässt. „Zudem wird Sam Matthias dabei helfen, seine innere Mitte zu finden und soziale Kontakte herzustellen“, hebt Ulrich Zander hervor. Der Hund soll das Selbstwertgefühl des Kindes steigern und dessen taktile Wahrnehmung fördern.

„Ein Leben lang verantwortlich“

Vor drei Wochen brachten Ulrich Zander und Astrid Ledwina Sam nach Kitzingen. Die Trainer blieben fünf Tage lang hier, zur so genannten „Zusammenschulung“. Sam und Matthias sollten sich langsam aneinander gewöhnen, ihre jeweilige Rolle finden. Das Trainer-Team begleitete Familie Till auf all den täglichen Wegen, unter anderem zu Matthias' Förderkindergarten in der St.Martin-Schule. In einem Einkaufszentrum in Würzburg durfte Sam zeigen, wie verlässlich er Matthias auch im Gedränge schützt und leitet.

„Wir Trainer ziehen uns während der Zusammenschulung immer mehr zurück“, erklärt Astrid Ledwina. „Wenn wir sicher sind, dass auch ohne uns alles klappt, verabschieden wir uns.“

Ein Wiedersehen wird es auf jeden Fall geben. „Wir sind ein Leben lang für die Hunde verantwortlich“, stellt Astrid Ledwina klar. Ulrich Zander fügt hinzu: „Natürlich fällt mir der Abschied von Sam nicht ganz leicht, immerhin hat er ja lange Zeit bei uns gelebt. Andererseits freue ich mich riesig für ihn und den kleinen Matthias: Es hätte wohl keine bessere Freundschaft entstehen können.“

Susanne Till bestätigt das mit strahlenden Augen. „Es ist viel ruhiger bei uns, seit Sam da ist. Matthias hat jetzt viel weniger Schreianfälle. Das ist phänomenal.“ Die Tills sind allen Menschen von ganzem Herzen dankbar, die für Sams Ausbildung gespendet haben: „Das wird das schönste Weihnachten, das wir je hatten. Dank Ihnen.“

Weitere Infos über die Rehahunde gibt es online unter: www.rehahunde.de .