Kitzingen Sie hat acht Jahre lang in Papua-Neuguinea gelebt. Sie hat den Landraub und die Vernichtung großer Teile des Regenwaldes erlebt. Am Sonntag, 20. September, hält Ulrike Hartmann-Mitz einen Vortrag im Stadtteilzentrum in der Kitzinger Siedlung. Ihr Appell: Jeder kann etwas dazu beitragen, die Situation zu verbessern.

Wie kamen Sie auf die Idee, in Papua- Neuguinea zu arbeiten?

Hartmann-Mitz: Ich habe Agrarwissenschaften studiert, mein Mann ist Bauingenieur. Uns war immer klar, dass wir in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein wollen. 1996 kam die Chance und wir sind mit unserer Tochter nach Papua-Neuguinea.

Ans Ende der Welt.

Hartmann-Mitz: Von Deutschland aus gesehen ist das tatsächlich so. Wir waren zwei Tage unterwegs, saßen 24 Stunden im Flugzeug.

Ihr erster Eindruck?

Hartmann-Mitz: Wir mussten herzhaft lachen. Vor der Landung haben einige schick angezogene Geschäftsleute ihre Schuhe und Strümpfe ausgezogen und sind barfuß über die Landebahn marschiert. Niemand legt in Papua-Neuguinea Wert auf Konventionen. Die Menschen dort sind sehr frei.

Ihre Freiheit scheint aber immer mehr in Bedrängnis zu geraten.

Hartmann-Mitz: Mittlerweile leiden sie sehr unter der Globalisierung. Wir waren von 1996 bis 2001 das erste Mal vor Ort, da fing die extreme Ausbeutung an. Von 2011 bis 2014 waren wir ein zweites Mal im Einsatz. In der Zwischenzeit hatte sich das Erscheinungsbild des Landes drastisch verändert.

Warum wird gerade Papua-Neuguinea so ausgebeutet?

Hartmann-Mitz: Das Land hat extrem viele Rohstoffe, von Gold und Silber über Erdöl und Gas bis hin zu wertvollen Tropenhölzern und reichen Fischbeständen. Das zieht ausländische Regierungen und Firmen an. Aus dem Westen und dem Osten gleichermaßen. Von dem ganzen Reichtum bleibt sehr wenig im Land.

Warum?

Hartmann-Mitz: Das ist unter anderem ein Problem der Regierung vor Ort. Das Land wird ausgebeutet, anstatt die Menschen vor Ort aufzuklären. Und ihnen die Teilhabe am Reichtum zu ermöglichen.

Wie geht die Ausbeutung vonstatten?

Hartmann-Mitz: Zuerst wird der Regenwald abgeholzt. In der Regel sind das Firmen aus Malaysia. Dann liegt die Fläche brach, Ölpalmen werden angebaut. Oder eben große Minen angelegt.

Und die Menschen vor Ort wehren sich nicht?

Hartmann-Mitz: Doch, die Stimmung auf dem Land ist kämpferisch. Der Staat reagiert oft mit Polizeigewalt. Mitunter werden ganze Dörfer unter Druck gesetzt, ihr Land herzugeben.

Deshalb geben sie ihr Land her?

Hartmann-Mitz: Ja, aber auch, weil sie schlecht informiert sind. Laut Verfassung gehört ihnen das Land, aber sie leasen es immer wieder an die Regierung. 99 Jahre lang. Danach geht es an die internationalen Konzerne. Mittlerweile gibt es viele Umweltorganisationen vor Ort. Deren Anwälte vertreten die Dörfer, versuchen aufzuklären. Die Menschen müssen wissen, dass ihr Land nach 30 Jahren Palmöl-Plantage kaputt ist.

Papua-Neuguina ist weit weg. Was haben die Probleme dort mit uns zu tun?

Hartmann-Mitz: Jedes zweite Produkt im Supermarkt enthält Palmöl. Mit unserem Einkaufsverhalten können wir auch die Bedingungen der Menschen vor Ort beeinflussen.

Das heißt? Auf Palmöl verzichten?

Hartmann-Mitz: Ein völliges Vermeiden ist nicht der Weg. Es gibt mittlerweile internationale Konzerne, die sich bemühen, ihr Palmöl dort zu kaufen, wo kein Meter Regenwald gerodet wird, wo es keine Kinderarbeit gibt. Wir müssen differenzieren.

Wie soll der einzelne Verbraucher das tun?

Hartmann-Mitz: Es gibt das Fair-Trade-Siegel und das EU-Bio-Siegel. In den Eine-Welt-Läden gibt es Palmöl aus Kooperationen, die nicht ausgebeutet werden. Letztendlich hilft es auch, mit frischen Produkten aus der Region zu kochen. Da brauche ich kein Palmöl.

Haben Sie Hoffnung, dass sich tatsächlich etwas verändert?

Hartmann-Mitz: Das Bewusstsein vieler Menschen verändert sich. Der Anteil an Bio-Lebensmitteln wächst. Aber der Druck muss aufrecht erhalten werden. Gerade auf die Futtermittel-Industrie.

Was hat die damit zu tun?

Hartmann-Mitz: Sie ist eine Art Brandbeschleuniger für die Zerstörung des Regenwaldes. 13 Prozent der weltweiten Palmöl-Produktion gehen in die Futtermittel-Industrie. Das Billigste vom Billigsten eben. Dort kümmert sich niemand, woher das Öl kommt, während sich viele Konzerne in der Lebensmittel- oder Kosmetikbranche mittlerweile Gedanken machen.

Nachdem Verbraucher Druck aufgebaut haben.

Hartmann-Mitz: Anders geht es nicht. Jeder kann etwas tun, auch im Kleinen.

Vortrag

Ulrike Hartmann-Mitz kommt am Sonntag, 20. September, von 14 bis 16 Uhr ins Stadtteilzentrum in der Kitzinger Siedlung. Die Veranstaltung ist kostenfrei. Kaffee und Kuchen werden angeboten. Es wird auf die Corona-Regeln geachtet, teilen die Veranstalter mit.