Die „Fünfte Jahreszeit“ hat begonnen. Zumindest für die fränkischen Winzer. Während der Lese herrscht erfahrungsgemäß Ausnahmezustand. Bei der GWF in diesem Jahr noch ein wenig mehr als sonst. Andreas Oehm lächelt still vor sich hin. Um ihn herum herrscht jede Menge Aktivität. Bauarbeiter bringen die Reste der Fassade an, Elektriker überprüfen die Stromleitungen, Techniker schauen sich die Funktionalität der neuen, gigantischen Pressen an. Oberhalb von Buchbrunn entsteht eine Kelterhalle, wie sie Franken noch nicht gesehen hat. „Deutschlandweit ist so ein Neubau einzigartig“, sagt der Vorstandsvorsitzende der GWF. „Vielleicht sogar europaweit.“ Auch andere Weingüter und Genossenschaften haben große Kelterhallen. Aber die sind normalerweise sukzessive gewachsen. Die GWF hat sich dagegen für einen Neubau entschieden.

„Die Renovierung der dezentralen Hallen hätte uns mehr gekostet als der Neubau.“
Andreas Oehm, Vorstandsvorsitzender

„Ein Generationenprojekt“, sagt Oehm. „Das größte Projekt seit unseren Gründerzeiten.“ 1959 haben sich fränkische Winzer für den Zusammenschluss in einer Genossenschaft entschieden. 350 Hektar haben sie damals bewirtschaftet. Heute sind es 1200 Winzer, die 1250 Hektar bewirtschaften – von Tauberfranken über die Mainschleife bis hin zum Steigerwald.

Im Februar 2018 fiel der Beschluss für den Neubau – nach intensiven Gesprächen mit den Mitgliedern. Elf Kelterstationen von Stetten bis Sulzfeld sollten geschlossen und eine zentrale Kelterhalle in Repperndorf gebaut werden. Mehr Veränderung geht nicht. Oehm ist nach wie vor absolut überzeugt von dem Schritt. „Die Renovierung der dezentralen Hallen hätte uns mehr gekostet als der Neubau“, sagt er. Der war mit 14 Millionen Euro veranschlagt. Mittlerweile rechnet die GWF mit 16 Millionen Euro. Der Grund: Im Zuge des Neubaus wurden notwendige Veränderungen am Altbau auf dem Repperndorfer Berg gleich mit vorgenommen – 16 neue Mostleitungen wurden beispielsweise gelegt, die gesamte Infrastruktur für den Strom neu aufgebaut. „Wenn der Boden schon mal offen ist, dann machen wir das gleich mit“, erklärt Oehm.

Ihr Lesegut werden die rund 1200 Genossenschaftswinzer ab sofort nach Repperndorf fahren. Die teils langen Fahrzeiten nimmt Andreas Oehm in Kauf. „Dafür sind wir hier wesentlich schneller in der Verarbeitung.“ Seit Freitag läuft der Testbetrieb, die ersten Trauben werden bereits angeliefert. „Die Hardware funktioniert“, ist Oehm überzeugt. 12 neue Pressen warten im Keller der Halle nur darauf, gefüllt zu werden. Jede Einzelne fasst 25.000 Kilogramm Traubengut. Das wird nach der oberirdischen Entladung vollautomatisch auf Schienen bis zu den Pressen transportiert. Die Steuerung erfolgt per Laser. Der Trester und der Traubensaft werden getrennt und in Auffangbehälter beziehungsweise neue Gärtanks weitergeleitet. Das Lesegut von 150 Hektar Weinbergen kann künftig an einem Tag in Repperndorf angenommen und verarbeitet werden. Vier Annahmestationen für die Traktoren mit Anhängern sind geplant – zwei können bereits angefahren werden. Für die Anlieferung der Trauben in Boxen ist eine separate Annahmestation im Gebäude entstanden.

Die Verarbeitung der Trauben wird künftig deutlich schonender vonstatten gehen als bislang, verspricht der Vorstandsvorsitzende. Ein bis zwei Pumpvorgänge fallen beispielsweise weg. „Erst der Traubensaft kommt mit einer Pumpe in Kontakt.“ Oehm erwartet sich einen Qualitätssprung durch diese Verarbeitung.

In den nächsten Tagen und Wochen wird die Anlage auf Herz und Nieren geprüft. Die Kunst wird es sein, die unterschiedlichen Geräte aufeinander abzustimmen, die verschiedenen Leistungen zu optimieren. Von der „Kommandozentrale“ in rund vier Metern Höhe werden die Mitarbeiter den Fortgang steuern und überwachen. „Wir werden in den nächsten Monaten und Jahren immer wieder neu dazulernen“, weiß Oehm schon jetzt.

Der Neubau und die Testphase kommen in einer eh schon spannenden Zeit. Das Jahr 2019 hatte die kleinste Ernte seit 35 Jahren in die Keller der GWF gebracht. „Es gibt keine Reserven mehr“, sagt der Geschäftsführende Vorstand der GWF, Cornelius Lauter. Der Frost im Mai hat auch vielen GWF-Winzern zugesetzt. Von Segnitz bis Karlstadt sei eine normale Erntemenge zu erwarten. Ansonsten gab es vielerorts Probleme, die gravierendsten Ausfälle in Sulzfeld. Insgesamt rechnet Lauter mit einem Ausfall von rund 40 Prozent im Vergleich zu einem durchschnittlichen Jahr. Der Lebensmitteleinzelhandel hat der GWF Zugeständnisse gemacht und die Verhandlungen über kommende Verträge ein paar Wochen nach hinten verschoben. „Nach dem Herbst wissen wir alle mehr“, erklärt Oehm.

„Statt bislang 700 Artikel im Sortiment haben wir künftig 450.“
Cornelius Lauter, Geschäftsführender Vorstand

Eines sei bei aller Unsicherheit unumstößlich: Die „Jungen Franken“ werden die oberste Priorität behalten. Ansonsten geht mit der neuen Unternehmensstrategie auch ein Teil der Artikelvielfalt verloren. „Statt bislang 700 Artikel im Sortiment haben wir künftig 450“, berichtet Lauter – und spart sich ganz bewusst den Zusatz „nur noch.“ Bis Weihnachten sollen die Arbeiten an der neuen Kelterhalle abgeschlossen sein. Dann sollen die Fassade komplett und der Anfahrtsweg für die Fahrzeuge asphaltiert sein. Spätestens dann wird auch für Andreas Oehm und Cornelius Lauter diese ganz besonders herausfordernde „Fünfte Jahreszeit“ vorbei sein. Leicht vorstellbar, dass sie dann mit einem Glas Wein auf das Generationenprojekt anstoßen werden.