Beim Einkaufen zieht sie die Blicke anderer Kunden auf sich. Oft auch Worte, und die sind nicht immer nett. Silvia M. (Name geändert) ist aus gesundheitlichen Gründen von der Pflicht befreit, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Dass sie dafür angegangen, teils sogar diskriminiert wird, kann und will sie nicht verstehen. „Ich habe das gleiche Recht, einkaufen zu gehen, wie ein Mensch ohne Beeinträchtigung.“

Silvia M. ist um die 40 und kommt aus dem östlichen Landkreis Kitzingen. Auf den ersten Blick sieht man ihr nicht an, dass es ihr nicht gut geht. Sie leidet seit 30 Jahren an Allergien, hat Heuschnupfen, mehrmals Desensibilisierungen gemacht, um das Leiden zu lindern. Geholfen habe das jeweils ein paar Jahre, dann kam das Problem zurück. In diesem Jahr sei es besonders schlimm, berichtet sie. Die Bronchien seien angegriffen, sie habe schwere Asthma-Anfälle gehabt, kaum Luft bekommen, kaum sprechen, schlucken, essen können. Sie war bei mehreren Ärzten, kam schließlich ins Krankenhaus. Inzwischen ist sie wieder zuhause, aber immer noch nicht in der Lage zu arbeiten. „Dass ein Heuschnupfen solche Folgen haben kann, hätte ich früher nie gedacht“, sagt sie.

Wegen der Krankheit fällt das Atmen schwer – und unter der wegen Corona eigentlich vorgeschriebenen Maske ist es nahezu unmöglich, berichtet Silvia M. Sie bekomme keine Luft, bekomme Panik, Anfälle drohen. Daher ist sie von der Maskenpflicht befreit. Ein Schreiben ihres Arztes bestätigt die Befreiung. Dem Zettel ist anzusehen, dass er häufig gebraucht wird. Ein Din-A 4-Blatt mit vielen Knicken, immer wieder so zusammengefaltet, dass er in die Geldbörse passt, oft herausgeholt und vorgezeigt werden kann. Aber jedem zeigt sie ihn nicht. „Dazu bin ich nicht verpflichtet. Und ich muss mir auch kein Schild ans Revers hängen, dass ich krank bin. Das geht niemanden etwas an.“

Die Folge: Wenn Silvia M. einkaufen geht, wird sie skeptisch beäugt. Manch einer fragt sie, warum sie den Mundschutz nicht trägt – und dem erklärt sie dann, dass sie von der Pflicht befreit ist. „Manchmal bekomme ich Zuspruch“, sagt sie. Auch die Ladenbesitzer und Verkäufer zeigen Verständnis. Mit denen habe sie noch nie Probleme gehabt. Von anderen Kunden dagegen werde sie oft „angemacht“. Sie fühlt sich diskriminiert. „Die Leute sagen, ich soll zuhause bleiben. Manche behaupten, sie hätten Angst, wegen mir zu sterben.“

„Ich muss mir kein Schild ans Revers hängen, dass ich krank bin. Das geht niemanden etwas an.“
Silvia M. (Name geändert), wegen Asthma von der Maskenpflicht befreit

Bereits vor einigen Wochen kam es zu einer Konfrontation mit Folgen, berichtet Silvia M. Ein Mann habe sie beim Einkaufen erst kritisch angesehen, dann angesprochen. „Er hat bestimmt fünf- oder sechsmal verlangt, dass ich ihm meine Befreiung zeige. Das habe ich aber nicht gemacht.“ Der Mann sei ihr im Laufe des sich entfachenden Wortwechsels ganz nah gekommen, Gesicht an Gesicht, habe gesagt, er wünsche ihr, dass sie an Corona sterbe, erzählt sie. Auch Silvia M. blieb nicht ruhig. Sie habe den Mann weggeschubst, sagt sie. Und sie hat ihn mit teils deftigen Worten beleidigt. Er sei beim Einkaufen immer weiter hinter ihr hergelaufen und habe sie bis zum Auto verfolgt. „Da hat er dann die Polizei gerufen.“ Die Folge: Silvia M. soll wegen Beleidigung eine saftige Geldstrafe zahlen. Ihr ist klar, dass sie den Mann nicht hätte beschimpfen dürfen. „Aber es wird gar nicht geschaut, was vorher war.“

Auch nach dem Vorfall geht Silvia M. weiter ohne Maske einkaufen, nimmt am öffentlichen Leben teil. „Wir müssen uns nicht von der Gesellschaft abschneiden lassen, nur weil wir krank oder behindert sind“, sagt sie. Sie nehme die Gefahr Corona ernst, achte auf Abstand. Sie sei auch kein Maskengegner, versichert sie, und deutet auf eine ganze Reihe Masken, die im Regal liegen. „Die habe ich mir extra nähen lassen, aber ich kann sie momentan einfach nicht tragen.“ Sobald sie medikamentös so eingestellt sei, dass sie wieder gut atmen könne, werde sie die Masken auch wieder über Mund und Nase ziehen.

Um die derzeitige Situation zu bestehen, brauche es viel Selbstbewusstsein, sagt Silvia M. Nicht jeder komme mit den Konfrontationen und Anschuldigungen zurecht. Sie kennt Leute, die eine Befreiung haben, aber die Masken trotzdem aufsetzen. „Die wollen sich nicht immer rechtfertigen müssen.“

Auch Eckhard W. K. Beck aus Würzburg ist Asthmatiker, auch er ist von der Maskenpflicht befreit, auch er bekommt die Ablehnung von Mitmenschen zu spüren. „Es ist unglaublich, was man sich da in der Straßenbahn anhören muss“, sagt er. Vor allem jüngere Menschen würden ihn ansprechen, auf „das Gesetz“ verweisen. „Dabei ist das kein Gesetz, sondern eine Verordnung.“ Mit den Leuten, die ihn „anbabbeln“, zu reden, sei sinnlos, so seine Erfahrung. „Die sind in Panik verfallen.“ Erst kürzlich habe er sich ein Eis kaufen wollen. Er hat es nicht bekommen: „Die Frau hat gesagt, sie verkauft mir nichts.“

Die Panik der Menschen werde von der Politik geschürt, findet Beck. Die Vorschriften seien völlig unterschiedlich und wirr, das Vorgehen unkoordiniert und unvollständig. „Wenn man sich irgendwo in eine Liste einträgt, muss man den Kuli nach jedem Einzelnen desinfizieren. Und gleichzeitig stehen auf der Alten Mainbrücke die Leute dicht beieinander und schöppeln.“ Ein Konzept, wie man mit dem Virus umgehe, fehle.

Er selbst sei vorsichtig, bleibe viel daheim, bewege sich weitgehend nur im engsten Familienkreis, berichtet der 71-Jährige. Er müsse aufgrund seiner Vorerkrankungen aufpassen. Selbst den Besuch der Asthma-Selbsthilfegruppe meidet er derzeit. Auch bei diesen Treffen sitzen die Leute übrigens mit Maske beieinander, wie Helga Kreipp, eine der beiden Gruppenleiterinnen, sagt. Sie weiß von den Problemen, denen manche Asthmatiker derzeit ausgesetzt sind, und verweist auf die Möglichkeit, in der Öffentlichkeit ein Schutzvisier als Alternative zur Maske zu tragen.

An Herbert Köhl, den Behindertenbeauftragten im Kitzinger Landratsamt, ist noch niemand herangetreten, der wegen der Befreiung von der Maskenpflicht von Mitmenschen angegangen wird. Von der Antidiskriminierungsstelle weiß er aber, dass vor allem die Tatsache problematisch ist, dass manche Personen keinen Zutritt zu einigen Geschäften bekommen, obwohl sie ein ärztliches Attest vorweisen können.

Die Behindertenbeauftragten der Kommunen in Bayern wollen die Staatsregierung laut Herbert Köhl zu einer juristischen Klärung aufrufen, damit die derzeit herrschende Rechtsunsicherheit beseitigt wird. Noch berufen sich manche Geschäftsinhaber nämlich aufs Hausrecht und lassen Menschen ohne Maske daher nicht ein oder bedienen sie nicht, auch wenn eine Befreiung vorhanden ist.

Im Fall von Silvia M. sei zu klären, ob diese vielleicht ein Visier oder ein leichtes Tuch als Alternative tragen könne, sagt Herbert Köhl. „Das signalisiert die Akzeptanz der Regelung und würde in der Regel keine Diskussionen aufkommen lassen.“ Andernfalls sieht er momentan nur die Möglichkeit, in der aktuellen Situation das Attest bereitzuhalten und den Sachverhalt bei Bedarf zu klären. „Denn andere Kunden können nicht wissen, ob eine Befreiung vorliegt oder schlichtweg das Aufsetzen vergessen wurde.“