„Eine Sahnestück ist das schon lange nicht mehr.“ Horst Geuther schaut mit traurigem Blick in Richtung Main und Alter Synagoge. Die beiden Damen nicken. Eigentlich wohnen die Anwohner der Schrannenstraße in einer der schönsten Gegenden Kitzingens. Direkter Blick auf den Main, vor sich Spielplatz und Wiesen. Doch die Ruhe hat sich längst in ein Tollhaus verwandelt.

Seit 1957 wohnt Horst Geuther in unmittelbarer Nähe zur Alten Synagoge. Er hat noch die Zeiten erlebt, als Güter wie Sand und Kies auf der Mainländebahn transportiert wurden. „Aber so laut wie jetzt war es noch nie“, sagt er. An beinahe jedem Sommerabend das gleiche Spiel: Familien mit Kindern versammeln sich am Spielplatz, die Kinder spielen auf dem gepflasterten Platz vor der Alten Synagoge Fußball und die Mütter unterhalten sich in einer Lautstärke, die auch Anliegerin Annette Fernandes mächtig auf die Nerven geht. „Das ist aber nicht alles“, sagt sie und zeigt auf ein nahes Gebüsch. Reste von Toilettenpapier zeigen, wofür der Platz genutzt wird. Selbst vor ihrem Haus sind die unappetitlichen Spuren einer Notdurft zu sehen.

„Der Lärm hat sich von Jahr zu Jahr gesteigert.“
Gertrud Dukat, Anliegerin

„Zu später Stunde pinkeln die sogar in den Sandkasten“, sagt sie und muss sich schütteln. „Die“, das sind ihrer Beobachtung nach vor allem Familien aus Südosteuropa.

Vor etwa fünf Jahren habe sich die Stimmung am Spielplatzgelände an der Alten Synagoge verändert. „So richtig ruhig war es hier ja noch nie“, sagt Geuther. Frühmorgens werden die Anlieger vom Rattern des Laubbläsers geweckt. Die Mitarbeiter des Bauhofes reinigen das Gelände vom Unrat der vorherigen Nacht. Im Lauf des Vormittages kommen die ersten Familien mit Kindern und in den letzten Jahren gab es immer wieder Sonderveranstaltungen. „Während des Weinfestes ist an Schlaf nicht zu denken“, sagt Geuther.

Gertrud Dukat ist vor etwa zehn Jahren wieder nach Kitzingen gekommen. In der Schrannenstraße hatte sie eine schöne Wohnung mit Blick auf den Main gefunden – und auf Ruhe gehofft. „Wir haben hier fast immer Lärm“, bedauert sie und zählt auf: Laubsauger, Rasenmäher, Müllauto, Kompressor der nahen Feuerwehr. Abends dann die ungebetenen Gäste, die sich auch nicht scheuen würden, die Musik aufzudrehen.

„Der Lärm hat sich von Jahr zu Jahr gesteigert“, berichtet Dukat und kündigt an: „Wenn ich eine neue passende Wohnung finde, bin ich weg.“ Annette Fernandes nickt. Ihr geht es genauso. Im Erdgeschoss hat sie eine Wohnung, die sie als Ferienwohnung vermietet. „Die Gäste beschweren sich über den Lärm und bleiben aus.“

Eigentlich hätte die Corona-Pandemie den Anliegern einen ruhigen Sommer bescheren können. Keine öffentlichen Veranstaltungen, kein Weinfest. Stattdessen lassen sich nach den Worten von Fernandes in den Abendstunden „ganze Karawanen“ in der Nähe der Alten Synagoge nieder. „Und wir müssen bei sengender Hitze unsere Fenster schließen, um den Lärm bis spät in die Nacht auszuhalten.“ Teilweise halten sich nach ihren Beobachtungen mehr als 100 Menschen auf dem Platz aus. Vor allem Mütter mit ihren Kindern. „Und die Rückwand der Alten Synagoge wird als Fußballtor genutzt.“

Je später der Abend, desto schlimmer gehe es am Mainkai zu. „Betrunkene Männer pinkeln in den Sand am Spielplatz, zerschlagen ihre Flaschen. Hundebesitzer lassen ihre Lieblinge ungestört im Sand wühlen und pinkeln.“ Fernandes berichtet sogar von Liebesspielen auf den Spielplatz-Geräten oder in dem Boot daneben. Anfangs habe sie das Gespräch gesucht, die Menschen darauf hingewiesen, dass ab 22 Uhr Nachtruhe zu herrschen habe. „Mittlerweile habe ich Angst.“ Freche Antworten habe sie nicht nur einmal zu hören bekommen. Von Einsicht keine Spur. Horst Geuther berichtet von Rattengift, das Unbekannte an seiner Haustür hinterlegten und einmal sogar auf seinen Balkon warfen.

Die Polizei in Kitzingen weiß von den Sorgen der Anlieger. „Wir fahren immer wieder mal mit einer Streife vorbei“, sagt Gerhard Klebrig von der Pressestelle. Geht es nach 22 Uhr zu laut zu, werden die Leute vor Ort ermahnt. „Mehr geht nicht“, erklärt er. Ohne Schilder fehle eine rechtliche Grundlage.

„Sonst könnten wir sofort Bußgelder verhängen oder einen Platzverweis aussprechen.“ Auf der anderen Seite erinnert Klebrig an den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit. Als Hot-Spot würde er den Platz hinter der Alten Synagoge nicht bezeichnen.

„Es gibt nur einen Trost. Die Gewissheit, dass es bald wieder abkühlt.“
Annette Fernandes, Anliegerin

„Auf der anderen Mainseite haben wir ganz andere Verhältnisse.“

Die Anlieger haben sich schon vor zwei Jahren mit einem Schreiben an die Stadt Kitzingen gewandt, vor etwa sechs Wochen haben sie erneut ein Schreiben aufgesetzt.

Pressesprecherin Claudia Biebl kennt die Problematik. „Auch vor der katholischen Kirche wird abends Fußball gespielt“, berichtet sie. Dass neue Schilder das Problem lösen können, bezweifelt sie. „Die Leute werden bei der Flut an Schildern doch immun.“ Innerhalb der Stadtverwaltung habe man das Thema besprochen, auch den Leiter der Stadtjugendpflege, Jochen Kulczynski, hinzugezogen. „Eigentlich bräuchten wir einen Streetworker, der sich mit den Kindern beschäftigt“, meint Biebl und zeigt Verständnis für die Anlieger. „Dass Recht und Ordnung nicht mehr selbstverständlich sind, ist erschreckend.“

Eventuell müsse man darüber nachdenken, das gesamte Kontrollsystem neu zu organisieren. Die Sicherheitswacht ist beispielsweise „nur“ tagsüber unterwegs. Die meisten Probleme gebe es aber in den Abendstunden. Veränderungen gebe es nur durch verstärkte Kontrollen, meint Biebl. Annette Fernandes sehnt derweil das Ende des Sommers herbei. „Es gibt nur einen Trost“, sagt sie. „Die Gewissheit, dass es bald wieder abkühlt und herbstlich wird.“