Es soll Menschen geben, die extra langsam durch Markt Einersheim fahren – in der Hoffnung, die Geißbock-Karawane irgendwo zu entdecken. Der (fast) tägliche Spaziergang ist auf jeden Fall eine tierische Attraktion in der Weinbaugemeinde. Drei Jugendliche hüpfen mit vier Ziegen über Gräben, machen gemeinsam Kunststücke und veranstalten Wettrennen: Zweibeiner gegen Vierhufer!Angefangen hat alles mit einer spontanen Idee. „Papa hat gemeint, wir bräuchten jetzt einen echt guten Rasenmäher, und da hab? ich gesagt: Dann kaufen wir halt Ziegen!“ Über Saras Vorschlag musste Papa Stefan erst lachen. „Dann hat er aber mal ernsthaft drüber nachgedacht und ist zu der Erkenntnis gekommen, dass das gar nicht so dumm wäre“, erzählt die Zwölfjährige. Gemeinsam fuhr Familie Klein also nach Blaufelden. Im Nordosten Baden-Württembergs hatte Stefan Klein im Internet einen Ziegenzüchter entdeckt.

Zwei Zwergziegen wollten die Markt Einersheimer mit nach Unterfranken nehmen. Doch dann waren da auf einmal vier Zicklein, eines goldiger als das andere, die lebhaft miteinander rauften. „Die konnten wir doch nicht einfach auseinanderreißen“, meint Sara. „Auch wenn es vier Böckchen waren.“ Saras herzerweichender Blick aus großen blauen Augen tat sein Übriges: Papa Stefan und Mama Gabi willigten ein, dem Quartett ein Zuhause zu geben.Ein Zuhause in Traumlage: Direkt am Ortsrand mit Blick auf das blaue Wasser des Markt Einersheimer Terrassen-Freibads bezogen Fritzi, Goldie, Basti und Lucky vor rund einem Jahr ihr neues Domizil. „Der Rangen“, wie die Kleins das Grundstück nennen, war bereits ein kleines Tier-Paradies: Vier Hühner, zwei Katzen und mehrere Bienenvölker von Hobby-Imker Stefan lebten hier bereits. Nun bekamen auch noch die vier Geißböckchen auf der abschüssigen Wiese einen großen Stall, Heu-Raufen und jede Menge Platz zum Spielen. Stefan Klein schraubte zudem mehrere Besen an die Holzbretter des Gatters und des Stalls, denn schnell stellte sich heraus, dass die vier Böckchen, die bei ihrem Einzug ein halbes Jahr alt waren, sich liebend gern ausgiebig den Rücken und die Hörnchen schrubben.

Aus den winzigen Zwergziegenböckchen wurden schnell richtige Kawentsmänner: einen halben Meter groß, 25 bis 30 Kilogramm schwer. Gras, Heu, Wasser, Brot und menschliche Zuwendung – mehr brauchten die Tiere nicht, um groß und stark zu werden. „Sie sind echt genügsam“, findet Sara, die sich mit ihren Freunden Andrea (14) und Alexander (12) täglich um die Böcke kümmert. Sie auseinanderzuhalten, ist nicht schwer, denn sie sehen einander nicht sehr ähnlich, auch Basti und Fritzi nicht, obwohl die beiden sogar leibliche Brüder sind. Basti ist der Gemütlichste und wohl auch Schüchternste von allen. Er hat pechschwarzes Fell und bernsteinfarbene Augen. „Unser Hübschester“, findet Andrea. „Wenn er eine rote Leine anhat, sieht das richtig edel aus.“

Goldie macht seinem Namen Ehre, hat gold-beiges Fell und einen ebensolchen „Nikolausbart“. Fritzi, der Leitbock, und Lucky sind mehrfarbig gescheckt „und richtig schlau“, wie Sara nicht ohne Stolz sagt. Die Zwölfjährige weiß, wovon sie spricht: Sie und ihre Freunde gehen nicht nur regelmäßig mit den Ziegenböcken auf Tour, sondern bringen ihnen auch jede Menge Kunststücke bei.

Hörner als Aufbruchswerkzeug

Männchen machen, über Hindernisse springen, im Kreis über alte Bulldog-Reifen balancieren – Goldie, Fritzi, Basti und Lucky können mehr als so manche Zirkusziege. Kein Wunder: Für jede gelungene Artistikeinlage bekommen sie von Alexander und den beiden Mädchen eine Belohnung – „am allerliebsten mögen sie Hühnerfutter – darauf sind sie von Anfang an voll abgefahren – und Brot, das richtig schön hart ist!“. Und da Ziegen nicht nur intelligent sind, sondern auch immer großen Appetit haben, lernen sie schnell und mit gefräßiger Begeisterung.

Dass er keine Kostverächter gekauft hatte, erkannte auch Familienvater Stefan Klein schnell: Die Obstbäume auf der Wiese waren vor den Mäulern keine Minute lang sicher. Baumharz, auf die Stämme gestrichen, sollte Abhilfe schaffen. Der Erfolg blieb freilich nicht ungetrübt: Die Ziegen versuchten, das Harz mit vollem Körpereinsatz zu entfernen und verklebten sich das Fell manchmal ganz schön. Auch sonst sind die Ziegenmänner echte Charakterköpfe: „Wenn sie nicht wollen, wollen sie nicht“, sagt Sara und grinst. Meist braucht das Mädchen sich nur ans Gatter zu stellen und die Namen der Böckchen zu rufen, schon kommen sie ihr in gestrecktem Galopp entgegen. „Ab und zu passiert es aber auch mal, dass der eine oder andere keine Lust zum Spaziergang hat. Dann lassen wir ihn halt daheim.“

Die Jugendlichen müssen nur aufpassen, dass sie das Gatter auch gut verschließen – denn vor Ausbruchsversuchen macht keiner ihrer Schützlinge Halt. „Die sind halt alle total neugierig. Wenn es irgendwo etwas gibt, das sie nicht kennen, versuchen sie alles, um da hinzukommen“, weiß Sara. „Zum Beispiel wollten sie unbedingt ins Hühnerhaus rein und haben ihre Hörner als Aufbruchswerkzeuge genutzt.“ Da die Böckchen zudem ausgeprägt gute Springer sind, mussten Sara und ihre Freunde schon des Öfteren auf Ausbrecher-Suche gehen, wenn sie nur den unteren Teil des Gatters geschlossen hatten.

Solche Aktionen machen der Zwölfjährigen aber nichts aus. Im Gegenteil: „Ich finde es cool, dass die vier keine langweiligen Haustiere sind. Mit denen ist immer was los“, meint sie. Schade sei nur eins: „Leider will Papa keine Ziege dazukaufen. So kleine Ziegenbabys wären schon echt schön…“