Nach dem verheerenden Unfall auf der Autobahn 9 in Nordbayern ist eine Diskussion über Sicherheitslücken in Reisebussen entbrannt. Bei schweren Busunglücken sind meist auch viele Verletzte und Tote zu beklagen. Dabei gilt der Bus als sicherstes Verkehrsmittel, das nicht auf Schienen fährt. Busunternehmen und deren Fahrer müssen generell eine Vielzahl von europaweit geltenden Bestimmungen einhalten.


Unfallzahlen

Statistisch gesehen ist der Bus eines der sichersten Verkehrsmittel überhaupt. Knapp 300 000 Unfälle mit Personenschaden wurden laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2015 registriert. Dabei waren Busse (Kraftfahrzeuge zur Beförderung von mehr als neun Personen) an 5760 Unfällen beteiligt. Zum Vergleich: In insgesamt 81,4 Prozent der Unfälle im Jahr 2015, die verletzte Personen zur Folge hatten, waren Autos verwickelt. Von den 3459 im Jahr 2015 im Straßenverkehr getöteten Personen war jede zweite ein Insasse in einem Pkw (1620). In einem Bus verunglückten insgesamt fünf Menschen tödlich.


Überprüfung

In Deutschland gelten für Busse einheitliche Sicherheitsstandards. Sie müssen alle zwölf Monate zur Hauptuntersuchung und werden darüber hinaus alle sechs Monate zusätzlich einer Sicherheitsprüfung (SP) unterzogen.
Laut dem Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer war der Unglücksbus drei Jahre alt und zuletzt im April vom Tüv ohne Beanstandung überprüft worden.

Moderne Technik

Die moderne Fahrzeuge verfügen mittlerweile über Tempobegrenzer, Anti-Blockier-Systeme (ABS), Antriebs-Schlupfregelung (ASR) und Zusatzbremsen. Seit 2015 müssen Neuzulassungen zudem automatische Spurhalter und einen Abstandsregler bieten. Dabei bremst der Bus bei Unterschreitung des entsprechenden Abstandes automatisch ab und verhindert so schwere Auffahrunfälle.

Dieses Notbremssystem lasse sich aber leicht abschalten, kritisierte der Kraftfahrtexperte des Tüv Rheinland, Hans-Ulrich Sander, am Montagabend im ZDF. "Die Abschaltbarkeit eines solches Notbremssystems halte ich für verkehrt. Die sollten nicht deaktivierbar sein", sagte er und forderte, diese Gesetzeslücke müsse schnell geschlossen werden.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, sagte im ARD-Brennpunkt am Montagabend: "Das große Problem liegt in den Innenraum-Materialien der Busse: Sie sind deutlich leichter entflammbar als die, die die Deutsche Bahn verbauen muss."

Auch Professor Hermann Winner, Experte für Autonomes Fahren an der TU Darmstadt, erklärte auf dpa-Anfrage: Damit solche Unfälle nicht mehr passieren, seien nicht abschaltbare Notbremssysteme wichtig, die auf Stau-Enden reagierten. Bis Reisebusse ganz autonom fahren, werde es noch dauern. Die heutige Technik könne viele besondere Situationen noch nicht beherrschen.

Bei Notbrems-Assistenten erkennen Kameras und Radarsensoren Hindernisse auf der Fahrbahn, machen mit Warnlicht und Warnton auf die Gefahr aufmerksam und bremsen automatisch, wenn der Fahrer nicht reagiert. Damit lässt sich ein Aufprall zumindest abmildern, bei den modernsten Notbrems-Assistenten im Idealfall auch ganz verhindern. Allerdings sparen sich manche Busunternehmen, was gesetzlich nicht zwingend vorgeschrieben ist.



Lenk- und Ruhezeiten

Busfahrer müssen alle fünf Jahre ihren Führerschein aktualisieren. Dazu nehmen sie an einer Weiterbildung teil, die sich über 35 Zeitstunden erstreckt. Zudem müssen sie sich ärztlich untersuchen lassen. Der Fahrer, der den Reisebus zum Unfallzeitpunkt lenkte und starb, war demnach seit mehr als zehn Jahren bei seiner aktuellen Firma beschäftigt und wurde vor vier Jahren für langjähriges unfallfreies und sicheres Fahren ausgezeichnet.

Wegen technischer Kontrollsysteme können außerdem keine Lenk- und Ruhezeiten mehr überschritten werden. Nach 4,5 Stunden ununterbrochener Fahrt muss laut dem TÜV eine Pause von 45 Minuten eingelegt werden. Bei längeren Strecken gilt: Fahrer dürfen pro Tag maximal neun Stunden - an zwei Tagen pro Woche auch zehn Stunden - am Steuer sitzen. Deshalb wird unter Umständen auch ein zweiter Fahrer eingesetzt.


Gurtpflicht

Im Gegensatz zu Linienbussen gilt in Fernbussen seit dem Jahr 1999 die Gurtpflicht. Der Fahrer muss darauf vor Beginn der Reise hinweisen, der Fahrgast ist letztlich aber für das Anlegen des Beckengurtes selbst verantwortlich. Dementsprechend haftet er auch, wenn der Bus kontrolliert wird.