Steuerbetrug in Millionenhöhe, unversteuerter Diesel und ein komplexes Netzwerk: Der Raum Hof ist Schauplatz eines der größten Betrugsfälle, die Oberfranken je gesehen hat.

Während die Staatsanwaltschaft die Anklageschrift mit über 100 Seiten präsentiert, offenbaren europaweite Ermittlungen der EPPO ein System aus Manipulation, kriminellen Strukturen und internationaler Zusammenarbeit. Kunden und Steuerzahler sind die Leidtragenden in diesem Fall, der die Region nachhaltig erschüttert.

Prozessauftakt in Hof: Illegale Dieselgeschäfte in Millionenhöhe 

Vor dem Landgericht Hof hat am Freitag, 16. Januar 2026, ein umfangreicher Prozess gegen einen Mineralölhändler aus dem Landkreis Hof begonnen, dem vorgeworfen wird, unversteuerten Kraftstoff in Millionenhöhe gekauft und verkauft zu haben. Die Anklageschrift umfasst über 100 Seiten und listet zahlreiche verdächtige Zahlungsvorgänge und Transaktionen auf, wie das Landgericht Hof bereits im vergangenen Dezember erklärte. Neben dem Hauptangeklagten, einem 63-jährigen Unternehmer, stehen sieben weitere Personen vor Gericht, die in verschiedenen Rollen Teil eines mutmaßlich organisierten Betrugsnetzwerks gewesen sein sollen.


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Die Vorwürfe sind gravierend: Zwischen November 2023 und November 2024 soll der Angeklagte insgesamt rund 90,5 Millionen Liter unversteuerten Kraftstoff eingekauft zu haben. Er soll demnach gewusst haben, dass die Lieferanten Energiesteuer von rund 44 Millionen Euro hinterzogen haben sollen. Analysen ergaben nach der Gerichtsmitteilung vom Dezember zudem, dass es sich in den untersuchten Fällen gar nicht um Dieselkraftstoff handelte, sondern um anderes Schweröl oder Gasöl

Besonders brisant ist, dass der Kraftstoff nicht den gesetzlichen Normen entsprach und Kunden dadurch geschädigt wurden. Die Anklage umfasst zudem 27 Betrugsfälle, die sich auf Schäden an Fahrzeugen und unrechtmäßige Verkäufe beziehen, wie das Landgericht Hof in seiner Pressemitteilung betont.

Codename "Water into Wine" - über 200 Millionen Euro Schaden

Für den Tatkomplex interessiert sich auch die Europäische Staatsanwaltschaft (deutsche Abkürzung: EUStA, European Public Prosecutor's Office, kurz EPPO). Im vergangenen August gab es eine Untersuchung bei der betroffenen Firma unter Regie der EU-Behörde mit Sitz in Luxemburg. Seitdem sitzt auch der Sohn des nun angeklagten Mineralölhändlers in U-Haft. Die Ermittlungen wurden unter dem Codenamen "Water into Wine" maßgeblich vorangetrieben. Laut EUStA umfasst der Fall ein europaweites Netzwerk, das durch Steuerbetrug massive Schäden verursachte. Im August 2025 konnten Vermögenswerte im Wert von 11 Millionen Euro beschlagnahmt werden, darunter 13 Tanklastwagen.

Millionenschwerer Diesel-Betrug: Am Freitag (16.01.2026) hat vor dem Landgericht Hof der Prozessauftakt stattgefunden. Der Hauptbeschuldigte und weitere Angeklagte müssen sich wegen Steuerhinterziehung und Betrugs verantworten. Das Landgericht Hof steht vor einem enormen organisatorischen Aufwand, da bis zum 22. Oktober 2026 insgesamt 59 Verhandlungstage angesetzt sind.
Stephan Fricke/News5

Die illegalen Aktivitäten des Netzwerks sollen seit 2023 einen Schaden von über 66 Millionen Euro durch nicht gezahlte Mehrwertsteuer und mehr als 137 Millionen Euro durch hinterzogene Energiesteuern verursacht haben, erklärt die EUStA. Die Ermittlungen umfassen mehrere europäische Länder, wobei Deutschland und insbesondere Bayern und Sachsen im Fokus stehen. Unterstützt wurden die Maßnahmen von Steuerfahndern aus Bayreuth und München sowie von Zollfahndungsbehörden. Die Europäische Staatsanwaltschaft verfolgt Straftaten, die zulasten des EU-Haushalts gehen. 

Das kriminelle Netzwerk soll systematisch Kraftstofflieferungen manipuliert haben. Laut Anklage wurden die Warntafeln an den Tanklastwagen geändert, um den Kunden die Qualität des Kraftstoffs vorzutäuschen. Der nicht der Norm entsprechende Kraftstoff wurde an firmeneigenen Tankstellen verkauft oder direkt an Großkunden geliefert. Schäden an Fahrzeugen, die durch den minderwertigen Kraftstoff entstanden sind, wurden laut Anklage häufig durch Versicherungen beglichen, während der Händler weiterhin unversteuerten Kraftstoff einkaufte, so das Landgericht Hof weiter.

Steuerbetrug mit Schmieröl in Oberfranken

In unserer vorangegangenen Berichterstattung aus den Jahren 2024 und 2025 war noch davon die Rede gewesen, dass ein Unternehmen aus Oberfranken im Verdacht stehe, steuerfreies Schmieröl aus Osteuropa zu Dieselkraftstoff umdeklariert und damit einen Steuerbetrug in Millionenhöhe begangen zu haben. Seit Anfang 2023 sollen bis zu 16 Tanklaster mit Schmieröl an das Unternehmen geliefert worden sein, das anschließend unter falscher Deklaration an Empfänger im gesamten Bundesgebiet verkauft wurde, hieß es damals. Der Unternehmer soll den unversteuerten Kraftstoff zudem über firmeneigene Tankstellen im Raum Hof und Vogtlandkreis verkauft haben. Laut Zoll und Staatsanwaltschaft sei der Kraftstoff technisch geeignet gewesen, Dieselmotoren zu betreiben. Der geschätzte Steuerschaden beläuft sich auf mindestens 18 Millionen Euro, zusätzlich sollen 3,6 Millionen Euro Umsatzsteuer hinterzogen worden sein, wurde damals mitgeteilt. 

Eine großangelegte Razzia in vier Bundesländern führte dazu, dass am 14. November 2024 Wohn- und Geschäftsräume an 32 Standorten, darunter Berlin, Hamburg, Saarbrücken, Amberg und Hof, durchsucht wurden. Rund 230 Fahnder stellten Geschäftsunterlagen, digitale Datenträger, 30.000 Euro Bargeld und 12.500 Euro Falschgeld sicher. Außerdem wurden zahlreiche Fahrzeuge, darunter Tanklastwagen und Autos, beschlagnahmt, um den möglichen Steuerschaden abzusichern. Insgesamt sollen nach Angaben der Behörden rund 37 Millionen Liter Kraftstoff über diese Masche verkauft worden sein – das entspricht etwa 1.230 Tanklastern mit durchschnittlich 30.000 Litern Befüllung.

Kuriose Randnotiz: Einer der Verdächtigen soll während eines Fluges vom Zugriff erfahren und versucht haben, belastende Dokumente zu vernichten. Laut Zoll und Staatsanwaltschaft wollte der Verdächtige Aufzeichnungen über die Bordtoilette, den Mülleimer der Bordküche und die Taschen umliegender Sitze verschwinden lassen. Nach der Landung in Frankfurt am Main sicherten Zollfahnder die entsprechenden Beweismittel und führten den Verdächtigen ab.

Herausforderungen des Mammutverfahrens

Die Europäische Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass noch weitere Personen in den Fall verwickelt sind. Einige Beteiligte sollen sich derzeit auf der Flucht befinden, was die Komplexität der Ermittlungen zusätzlich erhöht. Laut EUStA-Mitteilung aus dem August 2025 bestehe der Verdacht, dass das Netzwerk weit über die bereits identifizierten Personen hinausgehe.

Nun steht das Landgericht Hof vor einem enormen organisatorischen Aufwand, da bis zum 22. Oktober 2026 insgesamt 59 Verhandlungstage angesetzt sind. Die betroffene Firma wies die Vorwürfe zunächst zurück und erklärte, selbst Opfer krimineller Machenschaften geworden zu sein. Nach einer Durchsuchung im August 2025, die unter der Leitung der EUStA stattfand, äußerte sich das Unternehmen nicht mehr öffentlich.

Die Europäische Staatsanwaltschaft betont, dass es sich bei "Water into Wine" um eines der komplexesten Verfahren handelt, die von ihr jemals koordiniert wurden. Zudem unterstreiche sie die Bedeutung von  grenzüberschreitender Zusammenarbeit bei der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität. Der EUStA zufolge zeigt der Fall die Dimensionen und die Auswirkungen von international organisiertem Steuerbetrug. sl/mit dpa