Im Frühjahr während der ersten Corona-Welle beruhigten die Bewohner und die Mitarbeiter des Seniorenheims in Zeil die Bürger der Stadt mit einem großen Plakat, das an einem Balkon hing: "Uns geht's gut", ließ das Haus die Zeiler mit überdimensionalen Buchstaben wissen. Die Vorübergehenden sahen es und waren froh. Keine Corona-Fälle im Altenheim, das mitten in der Stadt liegt.

Jetzt, in der zweiten Welle, ist alles anders. Mit voller Wucht hat die Corona-Pandemie das Zeiler Hans-Weinberger-Haus, das unter der Trägerschaft der Arbeiterwohlfahrt läuft, getroffen. Ein großer Teil der Bewohner und zahlreiche Mitarbeiter haben sich mit dem Virus angesteckt. Es gibt Todesopfer zu beklagen. Zwölf Bewohner des Seniorenheims sind mittlerweile am oder mit dem Virus gestorben, bestätigt Ulrike Hahn von der Arbeiterwohlfahrt Unterfranken. Sie bezeichnet die Situation als "ziemlich katastrophal", und damit meint sie nicht nur das Heim in Zeil.

Neben dem Hans-Weinberger-Haus hat es in der zweiten Welle auch die Seniorenunterkunft in Schwebheim im Kreis Schweinfurt erwischt. Ausgerechnet Schwebheim, mögen die Zeiler sagen. Als vor einigen Jahren das Altenheim der Arbeiterwohlfahrt in Zeil neu gebaut worden war, hatten die Zeiler Bewohner während der Bauphase vorübergehend ein zweites Zuhause in der Schwebheimer Einrichtung gefunden.

100 Plätze hat das Hans-Weinberger-Haus. Rund 100 Beschäftigte kümmern sich um die Bewohner. Laut Ulrike Hahn, in deren Zuständigkeitsbereich insgesamt 17 Seniorenheime und eine Rehabilitationseinrichtung liegen, sind laut aktuellem Stand am späten Mittwochnachmittag 35 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden. Elf von ihnen, die allesamt symptomfrei sind, arbeiten weiter, allerdings nur mit Bewohnern, die sich ebenfalls angesteckt haben.

Unter den 99 Bewohnern, die bei Corona-Ausbruch im Heim lebten, sind aktuell 34 positiv getestet worden. Fünf von ihnen müssen in einer Klinik behandelt werden. Neun Corona-Patienten sind mittlerweile wieder genesen. Zwölf Menschen sind gestorben. Die übrigen sind negativ getestet worden, und Ulrike Hahn hofft, dass das bei diesen Bewohnern auch so bleibt. Die negativ Getesteten werden von den positiv Getesteten, bezogen auf die vier Wohnbereiche des Seniorenheims, getrennt. Soweit das eben geht. Es gilt weiterhin ein Besuchsverbot. Ausnahme: Angehörige von Sterbenden dürfen kommen und Abschied nehmen.

Ulrike Hahn hat die Hoffnung, dass der Scheitelpunkt der Welle überschritten ist. "Wir gehen davon aus, dass es jetzt besser wird", sagt die Leiterin des Fachbereichs Senioren und Reha im Bezirksverband Unterfranken der Arbeiterwohlfahrt (kurz Awo) - und schränkt gleich wieder ein, dass sich schnell alles ändern kann. Jeder Test bringt neue Erkenntnisse ...

Ein Alten- und Pflegeheim ist eben eine besondere Situation. Menschen, die an Demenz erkrankt sind, können keinen Abstand halten, und sie können keine Maske tragen. "Maske geht nicht", sagt Ulrike Hahn, weil diese Form des Schutzes für sich und andere bei Demenzkranken nicht funktioniert.

Wenn ein Bewohner von dem Virus betroffen ist, "dann macht es sofort die Runde", weiß Ulrike Hahn von der Infektionsgefahr, die Altenheimen droht. So ist es offenbar vor Tagen geschehen, als der Ausbruch in Zeil bekannt wurde. Wie das Coronavirus trotz aller Vorsichtsmaßnahmen und Vorkehrungen ins Haus gelangt ist, weiß niemand. Da könne man nur Vermutungen anstellen und spekulieren, und das will Ulrike Hahn nicht.

Was sie aber kann, ist, Vergleiche zu ziehen zwischen den Landkreisen und Städten in Unterfranken, in denen Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt und anderer Träger liegen, die mit Corona-Ausbrüchen zu tun hatten und haben. Ulrike Hahn bedauert, dass die amtlichen Vorgaben und Regelungen offenbar unterschiedlich sind, zum Beispiel bei der ärztlichen Betreuung, und das erschwert das Management in der Krise.

Und erleichtert wird die aktuelle Situation nach ihrer Darstellung auch nicht dadurch, dass das Zeiler Altenheim jetzt dazu angehalten wird, die Bewohner selbst auf eine Ansteckung zu testen. Dazu sollen Schnelltests verwendet werden. "Es ist wichtig, regelmäßig zu testen", weiß Ulrike Hahn. Bisher haben das die Gesundheitsbehörden mit den Abstrichen vor Ort selbst getan; nun soll das eigene Personal diese Aufgabe mit den Schnelltests übernehmen. Genau in einer Situation, in der ohnehin weniger Personal vorhanden ist. Für die Schnelltests sind zudem Schulungen nötig, und besondere Schutzkleidung muss angelegt werden. Der Schnelltest, der laut Hahn eine 96-prozentige Zuverlässigkeit hat, "ist mit Aufwand verbunden".

Die Beschäftigten in der Zeiler Senioreneinrichtung sind ohnehin stark beansprucht. Zu den physischen Anforderungen kommen die psychischen Belastungen. "Die Mitarbeiter sind fix und fertig", beschreibt Ulrike Hahn. Die aktuelle Corona-Situation macht den Bewohnern des Hauses, den Mitarbeitern und den Angehörigen zu schaffen - und die ganze Stadt leidet mit.

"Mir geht das sehr nahe", schildert Bürgermeister Thomas Stadelmann (SPD). Zwölf Todesopfer seien "eine erschreckende Zahl", und schlimm sei jeder Einzelfall. "Das tut weh."

Stadelmann selbst hat enge Verbindungen zum Altenheim. Seine Oma wohnte früher ganz in der Nähe, und wenn er zu ihr ging, lag das Seniorenhaus immer am Weg. Die Arbeiterwohlfahrt und die SPD haben früher ihre Veranstaltungen im "Plauderstübla" des Altenheims abgehalten, und bisweilen war Stadelmann auch mit der Zeiler Narrenzunft während des Faschings zu Gast. "Ich habe immer Verbindung zu dem Haus", erklärt er, und das haben viele andere Zeiler und Bürger aus der Umgebung mit dem Bürgermeister von Zeil gemeinsam.