Beim Besuch einer Firma, deren Produkte weltweit gefragt sind, sucht man unwillkürlich nach dem Erfolgsgeheimnis. Wie schafft es ein mittelständisches Unternehmen in einer Zeit, in der Geiz in den meisten Branchen zum Geschäftsmodell gehört, mit hochwertigen Produkten zu bestehen? Die Antwort gibt unter anderem eine altertümliche Adler-Nähmaschine.

Zunächst einmal aber hat Ralph Wolter das Wort, der zusammen mit seinem Bruder Jens die 1945 gegründete Waldi-Schuhfabrik im unterfränkischen Haßfurt führt. Mit 650 Angestellten als Stamm-Belegschaft und rund 1500 Heimarbeitern ist die Schuhfabrik einer der wichtigsten Arbeitgeber der Region.


Vertrieb nur über den Fachhandel

Unter dem Markennamen Finn Comfort werden die Haßfurter Schuhe in rund 45 Ländern der Welt vertrieben, ausschließlich über den Fachhandel, auch wenn es das Familienunternehmen nicht verhindern kann, dass die Produkte auch im Internet angeboten werden. Der Exportanteil liegt bei knapp 50 Prozent. "Da ist noch Luft nach oben", sagt Wolter.

In der dünnen Luft des Schuhmarktes, auf dem sich die allermeisten Hersteller und Händler über den Preis definieren, hat "die Waldi" eine Alleinstellung: Die Haßfurter Schuhmacher sind das einzige Unternehmen, das mit seiner Produktion komplett in Deutschland geblieben ist.
Der Platz in der Nische ist alles andere als bequem, schon gar nicht so komfortabel wie die Waldi-Schuhe, die im Gesundheitssektor groß geworden sind. Da das Haßfurter Unternehmen allein auf weiter Flur agiert, gibt es Probleme.


Fließband ohne Fließband-Arbeit

Ein Beispiel: "Es gibt nur noch wenige Gerbereien, die Leder in der von uns geforderten Qualität liefern können", sagt der Waldi-Chef. Das Obermaterial der meisten Finn Comfort-Schuhe ist Leder, und je hochwertiger der Schuh, umso größer sind die Lederteile, die am Stück verarbeitet werden. "Leder als Naturprodukt fordert sehr viel Geschick und Können bei der Verarbeitung", sagt Wolter. Kleinste Schäden, die man auf der rohen Haut kaum sieht, würden beim fertigen Schuh ins Auge springen.

Nicht zuletzt deshalb prägt Handarbeit das Geschehen in der Schuh-Fabrik, in der es zwar einige Fließbänder gibt, aber keine Fließband-Arbeit. Bevor der Schuh fußtauglich ist, durchläuft er viele Hände.Gut und gerne 150 einzelne Arbeitsschritte machen aus 100 und mehr Einzelteilen einen Schuh, wobei auch hier der Teufel beziehungsweise der Unterschied im Detail liegt. An besonders strapazierten Stellen halten Naht und Kleber sowie spezielle Dichtungen den Schuh stabil und dicht, kleine Lederstücke verstärken die Schwachstellen.


Kein Ausschuss

Nach jedem Durchgang wird kontrolliert und bei Bedarf nachgearbeitet, Ausschuss gibt es kaum und deshalb auch keinen Fabrikverkauf. "Ich habe als Praktikant bei anderen Schuhherstellern gearbeitet, die in Fernost fertigen lassen, und bei den Preisen da fliegt zweitklassige Ware in den Müll. Bei uns lohnt sich das Nacharbeiten", sagt Wolter.
Das Bekenntnis zum Standort Haßfurt und Deutschland ist für die Waldi-Familie ein Bekenntnis zur Qualität. 2013 hat das Unternehmen 15 Millionen Euro in die Erweiterung der Produktionsstätten investiert. 24 000 Quadratmeter stehen dem Unternehmen hier zur Verfügung.


Wo bleibt der Nachwuchs?

Ein paar Sorgenfalten hat Wolter trotzdem. Heuer hat das Unternehmen keinen Nachwuchs für die Produktion gefunden. Wer sich in Haßfurt zum Schuhfertiger ausbilden lässt, hat einen krisensicheren Job - aber eben nur in Haßfurt oder aber im Ausland, weil es keine andere Schuhfabrik in Deutschland gibt.
Auch Maschinen-"Nachwuchs" ist für eine Fabrik, die allein auf weiter Flur agiert, schwer zu bekommen. Viele Werkzeuge, etwa die Stanzmesser für die Lederteile, müssen wie die Schuhe in Handarbeit gefertigt werden. All das lohnt sich - das ist nicht nur Wolters Credo. Am Ende der Fertigungsstraße steht ein wenig verschämt eine Adler-Nähmaschine mit Pedal-Antrieb. Der Anfang eines zukünftigen Schuh-Museums?
"Nein", lacht der Waldi-Chef. An dem betagten Gerät sitzt ein leibhaftiger Schuhmacher, der Schuhe repariert, die Kunden nach Haßfurt schicken. Mancher mag sich einfach nicht trennen von seinen Waldis. Da ist es, das Erfolgsgeheimnis.


Der Sprung ins All

Der Erfolg der Marke Finn Comfort, die Waldi in Haßfurt 1986 aus einer Konkursmasse übernommen hat, ist unsichtbar: Es ist ein austauschbares Fußbett. Die dicke Innensohle kann von Orthopäden bearbeitet werden, um Fehlstellungen der Füße oder andere Probleme zu kompensieren. Im Sortiment sind auch Schuhe für Diabetiker. Ganz andere Anforderungen hat die Nasa, die US- Weltraumbehörde. Sie hat eine Waldi-Sandale mit Sensoren bestückt und ins All geschossen. Der "Force Shoe" misst den Zustand der Füße von Astronauten in der Weltraumstation ISS. So sammeln die Forscher in der Schwerelosigkeit laufend Daten über die Veränderung von Muskeln und Knochen.