Jeden Sonntag liegt für rund 30 Gläubige ein bisschen Russland mitten im Landkreis Haßberge. Punkt zwölf Uhr versammeln sich die Russlanddeutschen im Gemeindehaus der evangelischen Kirchengemeinde in Haßfurt zur Predigt in russischer Sprache.

Die Gemeinde hat sich eine alte evangelische Gottesdiensttradition erhalten, so wie sie die Menschen noch aus ihrem zweiten Heimatland Russland her kennen. An diesem Sonntag singen die Männer und Frauen die Psalmen, und dazu spielt Tatjana Erhardt die Gitarre. Sie kommt aus Berlin und studiert in Bamberg Erziehungs- und Bildungswissenschaft.

Jeden Sonntag nimmt sie ihr Instrument und fährt für den Gottesdienst nach Haßfurt. Sehr ernst und aufmerksam sitzt sie da, während sie die Akkorde anschlägt, das Kopftuch sauber um ihre Haare gebunden. Viele andere Frauen haben es ihr gleichgetan und leben damit eine Tradition, die sie aus dem konservativen Russland mitgebracht haben: Frauen betreten die Kirche nur mit bedecktem Haar und langem Rock. Die Art, auf die die Frauen und Männer singen, erinnert an die Volksmelodien, die russische Familien an den Feiertagen anstimmen.

Eindringliche Worte

Die Gemeinde hat ihr Lied beendet. Prediger Gennadiy Zubov tritt an das Pult und liest den Psalm 120 aus dem Evangelium. Jesus wandelt Wasser zu Wein. Bruder Gennadiy nutzt die Stelle und merkt einiges zum Thema Alkoholkonsum an.

Die evangelische Bibel lernte der 63-jährige Prediger durch die Mutter seiner Frau, eine geborene Preußin und russische Kriegsgefangene, noch in der Ukraine kennen - da war der Glaube Familiensache. 1991 fand er mit seiner Frau zu einer evangelischen Gemeinde; drei Jahre später begann er selbst, für eine deutsche evangelische Gemeinde in Odessa zu predigen.

Erst Deutsch in Russland, jetzt Russisch in Deutschland

Dorthin waren nach dem Zweiten Weltkrieg deutsche Prediger aus Bayern gereist, um die Gemeinde in Odessa zu bestärken. "Sie hielten die Predigt auf Deutsch. Heute haben wir die umgekehrte Situation: In Deutschland predigen wir auf Russisch," lacht Zubov.

In den 1990er Jahren hatte die Odesser Gemeinde etwa 150 Mitglieder. "Heute ist es wesentlich weniger geworden, denn viele Russlanddeutsche sind ausgereist," erzählt Gennadiy Zubov. Er selbst kam im Jahr 2000 mit der Familie nach Deutschland. Und hier predigte er in der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Hallstadt bei Bamberg.

2005 bat ihn Lydia Wesner, für die russische Gemeinde in Haßfurt zu predigen, und ein halbes Jahr lang versammelte man sich bei Familie Wesner. Dass sie heute in diesem hellen gemütlichen Raum im Gemeindehaus beten dürfen, empfindet Lydia Wesner als göttliche Fügung.

Unglück wies Weg zu Gott

Ihr Glaube hat bereits harte Proben bestanden, das wird in ihren Schilderungen deutlich. Nach einem Schlaganfall 2002 brauchte sie ein Jahr, um sich wieder zu erholen. 2004 überlebte sie einen schweren Unfall auf der Autobahn - leicht verletzt. Zuletzt brachte eine Routineuntersuchung im Krankenhaus eine weitere schreckliche Nachricht: Krebs. Eine alte Freundin, erzählt sie, riet ihr am Telefon: "Bisher hat Gott dein Leben bewahrt. Jetzt musst du dich auf ihn verlassen und beten."

Und so ist es nun. Das Gebet in ihrer Muttersprache gibt ihr Halt: "Bisher haben wir öfter die Gottesdienste auf Deutsch besucht. Nur dem tieferen Sinn der Heiligen Schriften zu folgen, war immer schwierig. Nicht, weil wir Deutsch nicht verstehen. Solche Dinge sind eine Angelegenheit des Herzens. Und in der Muttersprache ist Gottes Wort natürlich näher."

Lydia Wesners Angehörige haben sie nach der Chemotherapie unterstützt. Sie haben eine evangelische Kirche in russischer Sprache in Nürnberg gefunden und sind mit ihr jeden Sonntag hingefahren. Mit der Zeit wuchsen sie zu einer Gruppe aus dem Freundes- und Bekanntenkreis zusammen, die regelmäßig zum Gottesdienst nach Nürnberg pendelte.

Warum nicht auch in Haßfurt?

Als die Pfarrerin der Nürnberger Kirche im Urlaub war, traf man sich bei Lydia Wesner zuhause in Haßfurt. Da entstand die Idee, in Haßfurt ein regelmäßiges Treffen abzuhalten. Auch für die Russlanddeutschen, die aus anderen Glaubensrichtungen, katholisch oder orthodox, kommen. Hier sind sie alle Christen. "Dann hat Gott Gennadiy Zubov zu uns geführt. Ich habe von Bekannten erfahren, dass es in Bamberg einen russischsprachigen Prediger gibt", sagt Lydia Wesner.

Ein halbes Jahr später fasste sich die engagierte Frau ein Herz und fragte im Haßfurter Pfarramt nach einem Gottesdienstraum für die Gläubigen nach. "Mich hat das Argument überzeugt, dass man das, was uns im Inneren berührt, am besten in unserer Muttersprache versteht," sagt Pfarrerin Doris Otminghaus. Erst besprach sie das noch mit ihrem Dekan.

Ihm ist durch sein Engagement in Afrika das Thema nicht fremd. So kam man zu dem Schluss, der russischen Gruppe zuzusagen: "In Afrika gibt es auch überall die Deutsch sprechenden Gemeinden. Trotz dessen, dass sich die Gläubigen dort in ihrem Umfeld integriert haben, brauchen sie einen Anlaufpunkt für ihre gemeinschaftlich-religiösen Zusammenkünfte", meint Pfarrerin Otminghaus.

Sie ist davon überzeugt, dass es gut ist, wenn Russlanddeutsche außerdem eine Möglichkeit haben, bei solchen Gottesdiensten ihre Traditionen zu bewahren. Sie bedauert es, dass die Bräuche und vor allem die zweite Sprache den Kindern mit Migrationshintergrund nicht mehr beigebracht, ja gar vergessen wird.

Pflege der Tradition ist schön

"Dass man eigene Traditionen und die eigentliche Muttersprache pflegt, das halte ich sogar für notwendig. Ich erlebe bei vielen russischen Familien, dass die russische Sprache nicht weitergegeben wird, und ich bedauere das. Denn die Wirtschaft expandiert nach Russland, und eine zweite Sprache ist immer von Vorteil im Beruf", erklärt sie.

Viele Kinder seien mittlerweile so in Deutschland integriert, dass sie es nicht als nötig empfinden, Russisch zu lernen und die Traditionen der Vorfahren zu pflegen. Außerdem hielten manche jungen Leute die alten Traditionen nicht für modern, sagt Otminghaus weiter.

Und es kommt noch etwas hinzu: "Sie möchten sich nicht vor Gott beschweren. Denn sie sagen, ihnen geht es in Deutschland gut." Zur Erklärung: In der alten evangelischen Gebetstradition der Haßfurter Gemeinde ist es üblich, dass die Gläubigen am Ende des Gottesdienstes jeder für sich und nacheinander laut ihre Sorgen aussprechen. Als quasi persönliche Fürbitte.

Russlanddeutsche im Kirchenvorstand

Auf jeden Fall freut sich Doris Otminghaus darüber, "dass im November 2012 erstmals Russlanddeutsche in den Haßfurter Kirchenvorstand gewählt wurden. Ich finde es auch toll, dass Lydia so viel für die Gemeinde macht. Wie sie diesen Gottesdienst organisiert und auch noch versucht, diese russisch-sprachige Gruppe im leitenden Gremium zu vertreten."

Lydia Wesner freut sich ebenfalls, dass viele russische Gläubige hier ihr religiöses Zuhause gefunden haben und ihren ganz eigenen Weg zu Gott. Sie gehen ihn in ihrer Seelensprache, und sie gehen ihn in der Wärme der Familie. Auch an diesem Sonntag. Das Gebet ist innig und intim - und am Ende schämt sich kein Gläubiger seiner Tränen.