Weit weg von seinen drei Mädchen und der Frau. Um genau zu sein: 6829 Kilometer mit dem Auto. Flüge sind laut Google dorthin nicht verfügbar. Das Leben als Berufssoldat kann harte Anforderungen an das private Leben stellen. Über seinen Aufenthalt in Koulikoro in dem westafrikanischen Binnenstaat Mali sprach Oberstleutnant Volker Straubmeier mit unserer Redaktion.

Seine Frau Daniela und die drei Töchter Hannah (9), Sarah (8) und Luisa (6) wurden Ende 2019 von Kanzlerin Angela Merkel beim Empfang der Soldatenfrauen in Berlin empfangen. Die Familie lebt im Zeiler Stadtteil Krum.

Seit wann sind Sie in Mali? Waren Sie zuvor bereits im Ausland stationiert?

Volker Straubmeier: Ich bin seit Oktober vergangenen Jahres im Auslandseinsatz bei der Europäischen Trainingsmission in Mali (EUTM). Mein Dienstort ist Koulikoro, das liegt etwa 65 Kilometer von der Hauptstadt Bamako entfernt. Seit Mitte Dezember bin ich Kontingentführer des Deutschen Einsatzkontingentes EUTM Mali und somit verantwortlich für rund 150 Soldaten. Das ist nun mein fünfter Auslandseinsatz für die Bundeswehr. 2005 war ich im Rahmen der International Security Assistance Force (ISAF) in Kabul, Afghanistan, eingesetzt. 2007 nahm ich an der Mission Kosovo Force (KFOR in Prizren teil. Ich war 2009 nochmals im Rahmen der Mission ISAF in Kunduz, Afghanistan. Den Jahreswechsel 2015/2016 verbrachte ich Rahmen der Mission Resolute Support (RS) in Masar-i Scharif, Afghanistan.

Was ist der Auftrag der Bundeswehr bei EUTM?

Der Schwerpunkt unserer Trainingsmission liegt auf der Logistik- und Infanterieausbildung der malischen Soldaten. Dazu bieten wir 40 Lehrgänge an - von der richtigen Lagerhaltung von Munition über die Ausbildung zum Kraftfahrer oder den Einsatz von Fahrzeugen. So sollen die malischen Soldaten in die Lage versetzt werden, selbst Verantwortung für die Sicherheit ihres Landes zu übernehmen. Denn Stabilität und Frieden im Land sind die Voraussetzung für den Wiederaufbau Malis.

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Bitte schildern Sie uns Ihren Tagesablauf.

Mein Tag beginnt um halb sechs am Morgen. Nach dem Frühstück geht es dann zwischen 7.30 und 8 Uhr ins Büro. Je nach Wochentag gibt es verschiedene Besprechungen, an denen ich teilnehme, oder diese auch leite. Es gibt auch Tage, an denen ich aus verschiedensten Gründen nach Bamako fahren muss. Das hat dann natürlich Einfluss auf meinen Tagesablauf. Meine Arbeit besteht im Wesentlichen aus dem Führen der deutschen Soldaten sowie der internationalen, mir unterstellten Soldaten. Dabei geht es um die Koordination der Ausbildung der malischen Streitkräfte durch die europäischen Ausbilder der Mission. Mein Arbeitstag endet normalerweise zwischen 18 und 19 Uhr mit dem Abendessen.

Wo genau sind Sie stationiert?

Mein Dienstort ist derzeit das Koulikoro-Training-Center, etwa 65 km nordostwärts der malischen Hauptstadt Bamako, am Ufer des Niger gelegen.

In welcher Sprache kommunizieren Sie - Englisch oder Französisch?

Das kommt ganz darauf an. Im deutschen Einsatzkontingent ist natürlich Deutsch die erste Wahl. Wenn es dann darum geht, mit den Maliern zu kommunizieren, ist die Sprache Französisch.

Das hier landestypisch gesprochene Bambara ist mir bis auf einige wenige Floskeln nicht geläufig. Hinzu kommt, dass die Sprache der Mission Englisch ist und sämtliche E-Mails, Befehle oder Besprechungen in englischer Sprache durchgeführt werden. Wenn man sich dann am Abend auf ein Getränk trifft, kann die Sprache schnell ins Spanische, Italienische oder eine andere europäische Sprache wechseln. Die Sprache, die alle 23 Nationalitäten in Koulikoro sprechen, ist "mit Händen und Füßen"!

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In Mali gibt es häufig blutige Auseinandersetzungen: Sind Sie selbst schon einmal in eine solche hineingeraten? Wie leben Sie mit der Gefahr?

Die Lage bei uns in Koulikoro beurteilen wir aktuell als ausreichend kontrollierbar, ich fühle mich hier sicher! Bisher wurde kein Soldat verletzt. Aber wir sind letztendlich nicht ohne Grund in Mali. Für mich persönlich ist die direkte Gefahr überschaubar.

Wie wirkt sich Ihre Tätigkeit auf Ihr Familienleben aus: Wie oft sehen Sie Ihre Familie? Skypen Sie? Wie bleiben Sie im Kontakt?

Durch die bloße Distanz von rund 4000 Kilometern bin ich natürlich nicht vollständig in das Familienleben zu Hause eingebunden. Mit meiner Frau und meinen Kindern skype ich mindestens einmal pro Woche, meistens am Wochenende. Natürlich nutze ich für kurze Nachrichten nach Hause auch die üblichen Messenger-Dienste, um so auch immer auf dem Laufenden zu bleiben. Worauf ich aber ganz besonders stolz bin ist, dass mir meine Frau und meine Kinder jeden Tag eine Postkarte beziehungsweise einen Brief schreiben. Die nummerieren sie und so habe ich heute in unserem Feldpostamt die Karte mit der Nummer "113" bekommen. Ich selbst schaffe es leider nicht, auch nur annähernd an die Zahlen meiner Frau zu kommen, nehme mir aber trotzdem regelmäßig die Zeit, eine Karte oder einen Brief zu schreiben.

Mit welchen Worten erklären Sie Ihren Kindern, warum Papa so weit weg ist und was er da macht?

Ich habe meinen Kindern erzählt, dass ich in ein Land gehe, das uns (Deutschland und in diesem Fall Europa) um Hilfe gebeten hat, da es in einer sehr schwierigen Lage ist. Nachdem wir Mali zusammen auf dem Globus gesucht und gefunden hatten, habe ich dann auch gezeigt, wie ich dorthin komme. Um zu helfen, muss ich natürlich vor Ort sein und mich auch gegen diejenigen wehren können, die mir etwas Böses tun wollen. Grundsätzlich helfe ich den Maliern dadurch, dass ich ihnen zusammen mit vielen anderen Soldaten Dinge beibringe, die ihnen zukünftig helfen, in ihrem Land wieder die Bedingungen zu schaffen, dass Kinder in die Schule gehen können.

Wie gehen Sie und Ihre Familie mit der Angst (falls vorhanden) um?

Ich selbst vertraue auf meine Soldaten, die sehr gut motiviert und ausgebildet sind und natürlich auch auf meine eigene Ausbildung und die gesammelte Erfahrung. Klassische "Angst" habe ich nicht, jedoch ist immer eine gesunde Portion Vorsicht und Respekt bei allen Handlungen vorhanden. Das hilft dabei, weiterhin fokussiert bei der Sache zu bleiben und nicht nachlässig oder leichtsinnig zu werden.

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Was ist Ihre Motivation für den Dienst am Vaterland - zumal er ja auf den ersten Blick nichts mit der Heimat Deutschland zu tun hat?

Mir macht es Spaß, mit Menschen zu arbeiten, gemeinsam Herausforderungen anzunehmen und zu bewältigen. Dies kann man bei der Bundeswehr mehr als in anderen Berufen. Ob dies zu Hause oder im Auslandseinsatz passiert, ist dafür erst einmal egal, jedoch ist der Einsatz schon immer wieder etwas Besonderes. Auf den ersten Blick mag der Dienst in Mali nichts mit dem Dienst am Vaterland zu tun haben, schaut man jedoch genauer hin, sieht man sehr wohl, dass der Dienst, den wir hier leisten auch ein Dienst am und für das Vaterland ist.

Bei ihrem Besuch im Kanzleramt hat ihre Frau Daniela Bundeskanzlerin Angela Merkel gefragt, ob es eine Obergrenze für Auslandseinsätze gibt - vor allem für Väter mit mehreren Kindern. Gab es schon eine Antwort?

Mir ist dazu noch keine Antwort bekannt, weder von meiner Frau, noch von der Frau Bundeskanzlerin. Natürlich muss ich (schmunzelnderweise) zugeben, dass mich die Antwort auf die Frage sehr wohl interessiert.

Das Interview führte unsere Redakteurin Katja Müller.

Zur Person: Volker Straubmeier

Persönliches Oberstleutnant Volker Straubmeier ist 42 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder.

Werdegang Straubmeier ist seit 1997 bei der Bundeswehr und hat 2001 bis 2004 an der Universität der Bundeswehr in München Wirtschafts- und Organisationswissenschaften studiert. Seit 2019 ist er bei der Gebirgsjägerbrigade 23 in Bad Reichenhall stationiert und war inzwischen bei fünf Auslandseinsätzen in Afghanistan, Kosovo und Mali.