Der Aufschwung und Aufstieg Eltmanns als Wirtschaftsstandort von überregionaler Bedeutung begann mit der Eröffnung des Kugelfischerwerks vor fast genau 80 Jahren und der Fertigung von Präzisionskugeln. So steht es in der Chronik der Stadt Eltmann. Nun sollen 80 Jahre Industriegeschichte enden, ein profitables Werk aufgelöst und die Produktion bis spätestens 2023 nach Schweinfurt verlagert werden. Die Hiobsbotschaft vom Ende des Schaeffler-Werks schlug in den vergangenen Tagen wie eine Bombe ein, vor allem in der Stadt Eltmann selbst, die mit dem Unternehmen von Anfang an verbunden war.

Bevor es Kugelfischer in Eltmann gab, wurden schon Arbeitskräfte aus ihren Heimatorten im Steigerwald und in den Haßbergen mit Omnibussen nach Schweinfurt geholt. Nach den ersten Luftangriffen in Zweiten Weltkrieg auf die Schweinfurter Großindustrie folgte der Dezentralisierungsbefehl und die Verlegung von Betriebsstellen in über 20 Orte, darunter auch nach Ebern und Eltmann.

Zwangsarbeiter aus Holland

Grundstückseigentümer aus Ebelsbach und Eltmann stellten unter Androhung von Enteignung ihre Grundstücke zur Verfügung. In Ebelsbach wurden zu dieser Zeit auch Stollen in den Berg getrieben, um eine vor Luftangriffen gesicherte Untertageproduktion anfahren zu können. Das Zweigwerk nahm deswegen seine Produktion unter dem Tarnnamen "Industriegesellschaft Steigerwald & Haßberge m.b.H." in Eltmann auf. Im Mai 1942 arbeiteten hier auch 44 holländische Zwangsarbeiter und ab 10. Dezember 1943 neben den 350 Arbeitern aus Deutschland auch 100 Fremdarbeiter, darunter Frauen aus Russland.

Um genügend Mitarbeiter gewinnen zu können, erbaute die Firma nach dem Krieg 1950 elf Mehrfamilienhäuser mit 46 Wohneinheiten. 1963 kamen noch einmal 46 Wohneinheiten hinzu. Die Zahl der Mitarbeiter stieg zwischenzeitlich sogar bis auf knapp 2000, während derzeit noch rund 480 Beschäftigte im Betrieb tätig sind.

Die Eltmanner Mitarbeiterschaft fühlte sich mit dem Unternehmen wie in eine große Familie eingebettet, wofür auch viele gemeinsame Veranstaltungen und die wohl einmaligen Weihnachtsfeiern standen. Die Stadt Eltmann war ebenso eingebunden. Das sieht man auch daran, dass eine Straße und in jüngerer Zeit die Sporthalle den Namen von Georg Schäfer tragen. Außerdem gibt es noch den Kugelfischer-Chor.

Verbundenheit mit dem Unternehmen

Auch der heutige Bürgermeister Michael Ziegler (CSU) sieht sich jeden Tag mit dem Unternehmen verbunden - denn er macht mit einem besonderen Geschenk der Firma, nämlich einem Brieföffner, seine Post auf. Seinen Schreibtisch ziert ein glitzerndes Kugellager als sichtbares Zeichen der Kugellagerstadt.

Wie sich Bürgermeister Ziegler angesichts dieser Verbundenheit fühlte, als er die Nachricht von der vorgesehenen Werksschließung erhielt, fragten wir ihn bei einem Gesprächstermin:

Herr Ziegler, Sie sind doch bestimmt im Vorfeld über diese strukturellen Vorhaben der Firma Schaeffler informiert worden, oder war es auch für Sie eine solche Überraschung wie für die Arbeitnehmer, für die die Nachricht wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlug? Wie und wann haben Sie von der beabsichtigten Schließung des Werks erfahren?

Michael Ziegler: Wir von der Stadt sind im Vorfeld mit keinem Wort informiert worden, dass strukturelle Veränderungen geplant sind. Ja, wir haben es genauso aus der Presse erfahren und sind sogar von ihr angerufen worden, dass bei ihnen eine Pressemeldung von Schaeffler vorliegt. Dann sind wir dem nachgegangen und waren geschockt, dass es schon beschlossen wurde.

Welche Gefühle ruft eine solche Meldung bei einem Bürgermeister hervor?

Natürlich ist dies auch für einen Bürgermeister ein Schock, denn dahinter stehen ja Ar-beitskräfte und Arbeitsstellen und ganze Existenzen von Familien. Gerade in der jetzigen Zeit durch Corona ist es schwer, wenn jemand seinen Arbeitsplatz verliert, wieder auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle zu erhalten. Dies gilt gerade für Eltmann, aber auch die gesamte Region Haßberge, die nicht mit Arbeitsstellen einer Großindustrie gesegnet ist. Für Eltmann wäre dies noch dazu der Verlust des größten Arbeitgebers, und das bedeutet einen herben Einschnitt in unsere Struktur.

Hätten Sie vielleicht doch an einen solchen "Worst Case" denken müssen? Es gab 2004 ja schon einmal eine ähnliche Situation?

Eine solche Entwicklung schiebt man selbstverständlich weit weg von sich und hofft, dass solch eine Situation nie eintritt. Vor allem war aber jetzt die Ausgangssituation eine ganz andere als damals. Es ist ja kaum zu glauben und fast ein Wahnsinn, was Schaeffler in den vergangenen Jahren in Eltmann alles investiert hat. Es ist ein neuer Maschinenpark entstanden mit neuen Härteöfen. Auch die Arbeitsbedingungen wurden verbessert durch ein neues Lüftungssystem und erst vor wenigen Jahren wurden noch Millionen in ein neues Beschichtungszentrum sowie in Bildung und Schulung investiert. Da musste man doch zuversichtlich sein!

Kann man das einfach so hinnehmen? Gibt es bei Ihnen Überlegungen, was Sie unternehmen könnten, um vielleicht doch noch einmal diese Entscheidung zu beeinflussen - im Interesse der 480 Mitarbeiter, aber auch der Stadt und der Region?

Ich bin in Kontakt mit der Geschäftsleitung. Telefonisch habe ich ebenso Verbindung mit den Abgeordneten aufgenommen, und da stellt sich die Frage, was wir über die Politik in München oder Berlin noch erreichen können. Gerade erst hat ja Ministerpräsident Markus Söder die Bedeutung der Automobilzulieferer herausgestellt. Deswegen will ich mich auch an die Bayerische Staatsregierung oder den Ministerpräsidenten wenden, inwieweit sie uns in dieser Sache unterstützen können.

Der Betriebsrat und die Mitarbeiter wollen sich nicht mit dieser Entscheidung abfinden. Wie sieht es bei Ihnen aus? Werden Sie dabei sein und den Widerstand, der auch mit einem Aktionstag am 16. September zum Ausdruck gebracht werden soll, unterstützen?

Wenn es gewünscht wird, bin ich selbstverständlich dabei und sage meine Unterstützung zu. Ich pflege in diesen Tagen bisher schon sehr intensiven Kontakt mit dem Betriebsrat.

Sie leben mitten unter den Bürgern. Was hört man da von Leuten und wie ist die Stimmung in der Stadt? Gab es sogar Tränen oder persönliche Geschichten, vielleicht auch Angst und Sorgen finanzieller Art?

Viele Bürger und vor allem die betroffenen Arbeitnehmer sind natürlich schwer enttäuscht, ja schockiert. Sie haben teilweise vorgetragen, dass sie ihre Lebensplanung auf ihren Arbeitsplatz abgestimmt haben und gerade jetzt in der schwierigen Zeit der Corona-Pandemie Zukunftsangst haben. Sie meinen, es könne doch nicht sein, dass ein solches Unternehmen, das seit 80 Jahren in Eltmann seine Heimat gefunden hatte und erfolgreich war, plötzlich schließen will. Sie können es auch noch nicht glauben, denn Kugelfischer war für Eltmann eine große Familie und den Mitarbeitern immer verbunden. Die zunehmende Verlagerung von Produktionen in das Ausland stößt dabei auf große Kritik. Man versteht, dass sich Unternehmen weltweit aufstellen müssen, ,aber sie sollten nicht vergessen, wo sie ihre Wurzeln haben‘, sagte mir dieser Tage ein Bürger.

Durch die Schließung des Werks wären zahlreiche Bürger Ihrer Stadt direkt betroffen. Aber es betrifft ja darüber hinaus die ganze Region und auch andere Betriebe. Wie sehen Sie das?

Wir haben in der Stadt circa 2100 Arbeitsplätze. Wenn nun 480 Arbeitsplätze aufgegeben werden sollen, bedeutet das einen Verlust von rund einem Viertel. Und das ist enorm. Dazu hängen an einem solchen Großbetrieb ja auch noch Zulieferer und vor allem Handwerksbetriebe, die für Unterhalt- oder Reparaturarbeit eine nicht unerhebliche Zahl von Aufträgen laufend ausführen. Das gilt für die Bereiche Heizung und Sanitär genauso wie für Schlosser, Verputzer oder Maler. Damit sind also noch weit mehr Arbeitsplätze betroffen.

Die Stadt war viele Jahre finanziell gesegnet durch die Gewerbesteuerzahlungen von Kugelfischer und Schaeffler. Wie würde sich die finanzielle Situation für die Stadt nach dem Wegfall der Steuer auswirken?

Schaeffler war für uns einer unserer besten Gewerbesteuerzahler, denn rund 25 Prozent unserer Einnahmen kamen von dieser Firma. Doppelt schlimm ist es für unsere Stadt, wenn gerade in einer Zeit, in der die Steuereinnahmen allgemein zurückgehen, auch noch der größte Steuerzahler wegfällt. Die Stadt Eltmann geht damit schwierigen Zeiten entgegen und nach Jahren einer guten Entwicklung muss man große Überlegungen anstellen, was man zukünftig noch investieren kann. Dazu zählen sicherlich die Frage nach der Sanierung des Schwimmbades und die Diskussion um ein Allianzbad, aber auch andere Wünsche.

Der hohe Fabrikschlot und das ebenso riesige Betriebsgelände im Maintal wiesen in den vergangenen Jahrzehnten auf eine Weltfirma hin und die ganze Region war stolz auf diesen großen Arbeitgeber. Was soll mit dem Gelände geschehen, wenn Schaeffler abzieht?

Noch ist es ja nicht so weit und wir wollen gemeinsam alles versuchen, das Unternehmen von diesem Schritt abzubringen und vielleicht doch noch zu einem Konsens zu kommen. Aber das Werksgelände gehört ja dem Unternehmen und da wäre es dann selbst gefordert. Für unsere Stadt ist aber besonders bedeutsam, dass das Schaeffler-Gelände das größte Grundstück in unserem Industriegebiet und damit wertvolles Industrieland ist. Es sollte also keine Fläche werden, die leer steht oder gar als Industriebrache vor sich hindümpelt.