Haßfurt
Wirtschaft

Ein Jahrhundert lang im Geschäft: Haßfurter Traditionsunternehmen muss schließen

Am 15. Juli schließt das Haßfurter Traditionsgeschäft "Uhren Optik Specht". Geschäftsführer Werner Fiedler blickt auf das 101-jährige Bestehen des Fachgeschäfts zurück. Der Ausverkauf beginnt ab sofort.
Den Grundstein für das Fachgeschäft "Uhren Optik Specht" legte der aus Norddeutschland stammende Johann Specht. Gemeinsam mit seiner Frau Berta erwarb er in Haßfurt das Haus in der Brückenstraße 15, wo er sich am 1. Januar 1919 als Uhrenmacher und Augenoptiker selbstständig machte. Foto: Archiv

Eine lange Ära geht zu Ende: Das bekannte Haßfurter Fachgeschäft "Uhren Optik Specht" schließt zum 15. Juli.

An diesem Tag wird Geschäftsinhaber Werner Fiedler 70 Jahre alt und geht gleichzeitig in den Ruhestand. Bei einem kleinen Umtrunk will sich der Geschäftsinhaber an diesem Tag bei seinen langjährigen Kunden, Firmen, Freunden und ehemaligen Mitarbeitern bedanken.

"Uhren Optik Specht" in Haßfurt: Rückblick auf eine lange Tradition

Im vergangenen Jahr war es 100 Jahre her, dass sich das Fachgeschäft in der Kreisstadt niedergelassen hat. Dies nimmt Werner Fiedler zum Anlass und blickt - natürlich mit Wehmut - auf eine lange Tradition, die nach 101 Jahren endet. In diesem Jahrhundert lagen nicht nur Aufbau und Erfolg, sondern auch Krisen und Kriegszeiten. Wirtschaftswunder und Rezession - wie aktuell zur Corona-Zeit - gehörten ebenfalls dazu. Den Grundstein legte der aus Norddeutschland stammende Johann Specht. Mit seiner Frau Berta erwarb er in deren Heimatstadt Haßfurt das Haus in der Brückenstraße 15. Hier machte sich Johann Specht am 1. Januar 1919 als Uhrenmacher und Augenoptiker selbstständig. Durch Fleiß und Können erwarb er schon bald das Vertrauen seiner Kundschaft. Im Jahre 1925 folgte der erste Umbau.

Als Nachfolger trat Sohn Heinz in die Fußstapfen seines Vaters. Als Heinz Specht 1948 aus russischer Gefangenschaft in seine Heimatstadt Haßfurt zurückkehrte, stand er vor einem leeren Laden. Eine fundierte Ausbildung als Uhrmachermeister, Augenoptiker und Kaufmann ließen den Heimkehrer nicht verzweifeln. Voller Tatendrang führte Heinz Specht mit seiner Frau Gertrud das Geschäft zu einer beachtlichen Größe. Die Geschäftsräume mussten mehrfach erweitert werden. In den 1950er Jahren gab es neben der Firma Specht nur noch einen Optiker in der Kreisstadt. Mittlerweile gibt es sechs davon. Nach dem Tod von Vater Johann waren Heinz und Gertrud Specht ab August 1960 alleinige Inhaber.

Im Jahre 1984 übernahm der aus Fladungen in der Rhön gebürtige Schwiegersohn Werner Fiedler in dritter Generation das traditionsreiche Geschäft. Der neue Inhaber absolvierte seine Lehre zum Augenoptiker in Bad Neustadt, wo auch seine Frau Jutta, geborene Specht, eine Ausbildung zur Augenoptikerin absolvierte. Eine weitere Ausbildung an der Fachakademie für Augenoptik in München folgte, die Werner Fiedler im Jahre 1975 mit dem Abschluss als staatlich geprüfter Augenoptiker und Augenoptikermeister verließ. Schon bald ging Werner Fiedler mit seiner Frau Jutta nach Kuwait, wo beide als Optiker gearbeitet haben. Hier wurden auch die drei Söhne geboren. Während der achtjährigen Auslandszeit sammelte Werner Fiedler Berufserfahrung auf dem Sektor Kontaktlinsen und Augenglasbestimmung sowie in der Brillenglasschleiferei. Dies kam ihm nach der Rückkehr in die Kreisstadt zugute. Werner Fiedler arbeitete 36 Jahre lang als versierter Fachmann und Spezialist, was Sehhilfen aller Art anbelangt. Die Uhren- und Schmuckbranche kam in all der Zeit bei der Firma Specht nie zu kurz. So waren führende Markenartikel und ein exquisites Angebot in den Geschäftsräumen stets vorrätig. Vor allem die langjährige Mitarbeit von ausgezeichneten Fachkräften trug dazu bei, dass das Geschäft in all den Jahren auf einen im weiten Umkreis wohnenden Kundenstamm blicken konnte.

Raubüberfall im Jahr 2014

Fragt man Werner Fiedler nach einem besonderen Ereignis in seiner Geschäftstätigkeit, kommt ihm sofort der Raubüberfall im Herbst 2014 in den Sinn. Damals hatte ihn ein Räuber mit vorgehaltener Pistole bedroht und das ganze Bargeld verlangt. Der Geschäftsinhaber hatte sich erfolgreich mit einem Stuhl gewehrt. Schon kurze Zeit später konnte der Täter, der zu Fuß stiften gegangen war, von der Polizei dingfest gemacht werden. Zur Jahrtausendwende entwarf Werner Fiedler eine Städteuhr mit dem Konterfei der Haßfurter Ritterkapelle und ließ diese von einer Firma anfertigen. "Die Idee fand sehr großen Anklang", erinnert sich der Geschäftsinhaber.

Einen besonderen Dank spricht Werner Fiedler an Gaby Ankenbrand aus. Sie arbeitet seit 42 Jahren im Geschäft und hat ihre Lehre bei Fiedlers Schwiegervater absolviert. Sie erinnert sich an Weihnachtszeiten mit viel Betrieb, wo es kaum eine Mittagspause gab: "Da waren die Schaufenster oftmals leer gekauft."

Mit dem Eintritt ins Zeitalter des Internets ging der Verkauf von Uhren und Schmuck zurück. Der Geschäftsinhaber hat sich nun entschlossen, den Betrieb einzustellen. Die Geschäftsräume werden verkauft, da sich kein Nachfolger gefunden hat. Deshalb beginnt ab sofort der Ausverkauf. Das eine oder andere Schnäppchen an Uhren und Schmuck für verschiedenste Anlässe dürfte dabei einen neuen Besitzer finden. Reparaturarbeiten müssen bis zum 15. Juli abgeholt werden.