Eckehard Kiesewetter

Einmal im Jahr graben die Menschen in Ebern veraltete Begriffe aus ihrem Wortschatz, die Sprache wird derber und der Euro zum Taler oder Gulden. Dann sind trotz sommerlicher Hitze nicht mehr atmungsaktive Gore-tex-Klamotten gefragt, sondern Loden, handgewebte Baumwolle und Fell. Dann stecken die Menschen ihre Handys weg und greifen stattdessen zu Trinkhorn und Lederbeutel.


Feuershow, wenn's dunkel wird

Am 16. und 17. Juni wirft das Tourismusbüro die Zeitmaschine an: Für zwei Tage wird die Stadt Ebern wieder zur Civitas und lädt zum sechsten Mittelaltermarkt ein. "Holde Maiden, edle Recken, höret und staunet", lässt Helen Zwinkmann verlauten, die ihre E-Mails sonst mit "Sehr geehrte Damen und Herren" beginnt. Die Tourismusbeauftragte der Stadt hat einmal mehr ein Spectaculum organisiert, das mit allerlei mittelalterlichen Attraktionen aufwartet. Das Marktfest steigt am Samstag von 13 bis gegen 22.30. Diesen ersten Tag wird der Einzug der Stadtherren und -damen einleiten und eine magische Feuerschau beenden. Von 11 bis 18 Uhr geht es auf dem Marktplatz, in den Altstadtgassen und im Anlagenring am Sonntag rund.


Eingriffe aus dem Stegreif

Einen Ärztemangel, wie man ihn heute vielerorts beklagt, gab es auch im Mittelalter schon. Damals waren fahrende Chirurgen, Bader oder Quacksalber unterwegs. Sollten die Besucher also an Zahnschmerzen leiden, gichtgeplagt sein oder blasenschwach - kein Problem! Helen Zwinkmann hat als Attraktion einen Medicus eingeladen, der eigens aus Sachsen anreist. Er wird seine "Folterinstrumente" für allerlei hanebüchene Eingriffe auspacken, Klistiere, Errungenschaften der Säfte-Lehre oder antiquierte Verhütungsmittel verschreiben. "Mittelalterliche Behandlungen an Ort und Stelle", verspricht Zwinkmann augenzwinkernd, "gerne auch am lebenden Objekt".
Als wäre der Zeitsprung in die Vergangenheit nicht genug, lässt ein Wahrsager in die Zukunft blicken. Die Handwerkerey zeigt, wie Steinmetz, Töpfer, Schmied und Schneider früher arbeiteten und Ledermacher, Seiler und Steinmetz bieten handgearbeitete Waren feil.
Die Besucher sind aufgefordert, nach Herzenslust mit den Marketendern zu feilschen und am Treiben der Gaukler, Musiker und des Lagervolkes teilzunehmen. Das Angebot für die Burgfräulein und Knappen haben die Organisatoren erweitert. Auf die Kinder warten entlang der Stadtmauer und im Hof der Raiffeisenbank eine kleine Turnierbahn, Holzspiele und eine Märchenstunde. Wer will, kann sich bei der Veranstaltung im Bogenschießen, beim Malen und im Burgenbau üben.


Im historischen Gewand

Je mehr Menschen kostümiert kommen, desto authentischer wirkt das Spektakel. Die Stadtoberen jedenfalls haben sich bereits entsprechend ausstaffiert.
Dass die leiblichen Genüsse nicht zu kurz kommen werden, versteht sich, denn Speis und Trank hielten auch vor Jahrhunderten schon Leib und Seele zusammen. Genauso klar ist, dass für solch ein historisches Fest die Neuzeit und damit der Straßenverkehr ausgesperrt bleiben müssen. Dafür bittet Organisatorin Zwinkmann vor allem die Anlieger um Verständnis. Oder wie man früher vielleicht gesagt hätte, um Erbarmen.