"Der Abbau von Hindernissen betrifft nicht nur behinderte Menschen wie etwa uns Rollstuhlfahrer, sondern zum Beispiel auch Mütter mit Kin-derwägen", betont Karl Wiesler. "Auch gehbehinderte oder ältere Menschen haben Probleme." Der 63-Jährige, der in Westheim bei Hammelburg zuhause ist, kommt in seinem Alltagsleben zwar "wesentlich besser als früher" zurecht, doch es gibt "leider immer noch zu viel Hindernisse."
Wiesler, der vor 31 Jahren die "Rollenden Basketballer" in der Kreisstadt ins Leben rief und immer noch führt, beteiligte sich deshalb zusammen mit seinen Mannschaftskameraden an einem Protestzug durch die Kreisstadt anlässlich des jährlichen Aktionstages der "Aktion Mensch", die am heutigen Montag in Berlin den "Europäischen Protesttag" durchführt. Das Motto: "Schon viel erreicht, noch viel mehr vor."

inklusion im Blickpunkt

Im Mittelpunkt steht die Inklusion, die bekanntlich viel mehr ist als Integration. Und die Umsetzung der mittlerweile vor fünf Jahren in Kraft getretenen UN-Behindertenrechtskonvention bereitet nach wie vor mehr Mühe, als erhofft.
Immerhin hat sich bezüglich der Barrierefreiheit auch in Haßfurt in den letzten Jahren schon sehr viel getan, worüber auch Karl Wiesler "sehr froh und sehr dankbar" gegenüber den Verantwortlichen von Stadt und Landkreis ist. Diesbezüglich geht sein Dank auch an die vielen Geschäftsleute für ihre "bisher immer großzügige Hilfe."

Barrieren beseitigt

Er sei "momentan wunschlos glücklich", lobt der ehemalige Kreisgeschäftsführer des Sozialverbandes VdK das Engagement in höchsten Tönen und nennt als Beispiele den stufenlosen Zugang zur Turnhalle, die Errichtung eines Rollstuhlfahrer-WC´s oder die kürzliche Fertigstellung einer Rampe im Mehrgenerationenhaus. "Da wurde alles richtig gemacht", freut sich Wiesler, der seit seiner Geburt an der Wirbelsäule behindert ist, nur wenige Schritte mühsam gehen kann und selbst auf das Hilfsmittel angewiesen ist.
"Wir merken die Fortschritte auf jeden Fall", lobt er die Anstrengungen, schiebt jedoch ein dickes "Aber" gleich hinterher: "Es müsste insgesamt noch viel getan werden." Unter anderem falle es ihm oftmals schwer, ohne große Anstrengungen und vor allem ohne fremde Hilfe in Geschäfte oder Gaststätten zu gelangen.

Selbstversuche empfohlen

"Viele Besitzer werden unsere Probleme erst feststellen, wenn sie sich selbst einmal in einen Rollstuhl setzen und durch die Stadt fahren", würde er deshalb Selbstversuche sogar begrüßen.
"Es wäre meiner Meinung nach eine sinnvolle Sache, sich einmal einige Stunden mit unseren Problemen hautnah auseinanderzusetzen, um zu sehen, mit welchen Problemen und Hindernissen wir immer noch zu kämpfen haben." Schon alleine das Überqueren einer Straße könne sehr nervenaufreibend und für einen Ungeübten "eine Katastrophe" sein.

Dem stimmt Ferdinand Walter aus Burgpreppach "voll und ganz" zu. Wenn dann noch Pflasterseine im Spiel sind, wie etwa auf dem Hofheimer Marktplatz, ist der 53-jährige, seit 1990 ebenfalls Mitglied der Rollenden Basketballer, oftmals der Verzweiflung nahe. Walter, der bereits nach acht Monaten an Kinderlähmung erkrankte, ist seit Jahrzehnten auf seine Krücken, und seit etwa zehn Jahren sogar auf den Rollstuhl angewiesen. "Ohne fremde Hilfe ist es natürlich bescheiden", sagt er und berichtet von seiner unliebsamen Begegnung zwischen Rollstuhl und Pflastersteinlücke. Deswegen würde er sich über den Ausbau der sogenannten Rollatorenstreifen freuen. "Gerade beim Neubau von Gehwegen sollte dahingehend mehr geachtet werden. Ganz flache Randsteine, das wäre super."

Architekten sind gefordert

Der Orthopädieschuhtechniker, der aufgrund seiner Handicaps derzeit nur noch sechs Stunden pro Woche arbeiten kann, stimmt Karl Wiesler allerdings zu, dass sich dahingehend in den vergangenen Jahren "schon viel getan" habe. Nur wenn bei einem Neubau dieselben Fehler gemacht werden wie etwa die alleinige Verwendung von Pflastersteinen, wird er richtig wütend. "Die Architekten, die so etwas planen, müssten dann vier Wochen mit dem Rollstuhl auf ihrer Strecke hin- und herfahren." Ein richtiger Dorn im Auge ist ihm zu guter Letzt das Dauerthema Haßfurter Bahnhof. "Da muss sich endlich etwas tun", will er die Hoffnung nicht aufgeben, dass in die Unterführung doch noch ein Aufzug eingebaut wird. Ebenso wären auch am Marktplatz einige rollstuhl- und rollatorengerechte Wege willkommen.

Aktivposten aus Bischwind a.R.


Dass die "Rollen Basketballer" der Kreisstadt einen Protestzug durchgeführt haben, lag derweil in erster Linie an der Organisation von Dirk Petrautzki (28) und seiner vier Jahre jüngeren Freundin Christine Vogl. Die beiden aus Bischwind am Raueneck sind ohnehin sehr engagiert, obwohl sie beide keinen Rollstuhl benötigen. Im Verein sind sie vielmehr deshalb, weil Christine nach einer Knie-Operation auf ärztliches Anraten hin nur noch Sport treiben sollte, bei denen das Knie nicht belastet wird. Ferdinand Walter überzeugte die beiden, es doch mal bei den Rollenden Basketballern zu versuchen. "Um bei uns mitzumachen, muss man nicht körperbehindert sein", betont Walter und fügt hinzu: "Das ist doch perfekte Inklusion."

Dirk Petrautzki kann jedenfalls sehr gut verstehen, mit welchen Problemen die Menschen mit einer Behinderung es gerade im Alltagsleben noch zu tun haben können. "Jeder kleine Stufe kann ein großes Hindernis sein", meint der Bischwinder. Doch neben vielen baulichen Veränderungen, die für eine bessere Teilhabe behinderter Menschen noch notwendig sind, müsste sich auch noch das Verhalten der Mitbürger ändern. Er räumt aber ein, dass es oftmals nicht einfach sei, die richtige Balance zu finden. "Die einen wollen übereifrig helfen, obwohl es gar nicht nötig wäre, und andere gehen lieber auf Abstand", stellt Petrautzki immer wieder die Unsicherheit fest. Den Vorschlag von Karl Wiesler, ein paar Stunden mit und im Rollstuhl zu verbringen und dabei Straßenverkehr und Geschäfte mit einzubinden, findet er deshalb gar nicht schlecht. "Das würde den einen oder anderen vielleicht sensibilisieren, wo wirklich Unterstützung angesagt ist.


Wer Interesse hat, einmal bei den Rollenden Basketballern zu schnuppern, kann dies jeweils freitags in der Zeit von 18 bis 20 Uhr in der Turnhalle Ost (neben dem Kollegstufengebäude des Regiomontanus-Gymnasiums). Im Vorfeld gibt Karl Wiesler gerne telefonisch Auskunft über die zwar anstrengende, aber unheimlich lustige Sportart (Rufnummer 09732/781910). Mittwochs trifft sich die Gruppe von 18 bis 21 Uhr in der Gastwirtschaft am Eisstadion quasi als Ausgleich beziehungsweise für diejenigen, die nicht am Basketball teilnehmen können, zum Dart.