Die Schüler wappnen gegen rechtsradikale Tendenzen, das ist ein Schwerpunktthema des Sozialkunde-Unterrichts und der Jugendsozialarbeit an der Heinrich-Thein-Berufsschule Haßfurt in diesem Jahr. Nach verschiedenen Veranstaltungen, unter anderem einer sehr eindrucksvollen Wanderausstellung, folgte nun der Vortrag von Sandra Windisch.
Windisch ist Diakonin und arbeitet für das bayerische Bündnis für Toleranz und dort für die Projektstelle Rechtsextremismus. Ihre Präventionsarbeit richtet sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene.
Statistiken zeigten, dass die Zahl der Menschen mit rechter Gesinnung und menschenverachtender Einstellung zwar nicht zugenommen hat, aber sie seien besser vernetzt und träten öffentlicher auf - weil das Internet eine ganz neue Form der Öffentlichkeit biete. Ein Beispiel dafür seien die Aktionen, die "Die Identitären" organisieren: ein schneller Auflauf mehrerer hundert Leute, eine Aktion, die bereits vorbei ist, wenn die Polizei ankommt - aber bestens dokumentiert in Bild und Film. Durch die Verbreitung im Internet erscheine die Aktion dann wesentlich größer als sie war.


Eine Million Deutsche unterstützt

Rund 25 000 bekennende Neonazis gebe es in Deutschland, davon sei etwa die Hälfte gewaltbereit bis hin zum Mord, wie der NSU gezeigt habe. Bedrohlicher würden die Zahlen noch, wenn man sieht, dass rund eine Million Deutsche durch einschlägige Geschäfte oder als NPD-Wähler zur Finanzierung der rechten Szene beitragen. Und dann sei da noch die "Basis", ganz normale Menschen, die nicht besonders in Erscheinung treten, die aber eine entsprechende Einstellung haben: ausländerfeindlich, antisemitisch, homophob, menschenverachtend gegenüber allen, die anders sind. Dazwischen gebe es dann noch die "besorgten Bürger", die Reichsbürger und die "Identitären". Vor allem junge Menschen stünden im Fokus deren Werbung, weil diese noch dabei seien, ihr Weltbild zu finden und zu festigen.
Immer wieder ist Sandra Windisch mit dem "Demokratie-Bus" ihrer Organisation unterwegs und führt viele Gespräche. "Es ist erschreckend, wie wenig Demokratieverständnis viele Leute zeigen, wie die Fähigkeit, unterschiedliche Meinungen zu diskutieren, verloren geht."


Gute Jugendarbeit wichtig

Leider gebe es ganze Landstriche ohne Freizeitangebote für junge Leute. "Die rechten Parteien und Gruppierungen sind die einzigen, die da was anbieten, und dann gehen die jungen Leute auch hin", unterstrich Windisch die Bedeutung einer guten Jugendarbeit.
Ein Einstieg in die rechte Szene kann eine kostenlos verteilte CD sein. Überraschend viele junge Leute in Haßfurt hoben die Hand, als die Referentin fragte, wer schon einmal einen Liedtext gegoogelt hat, weil er ihn im Lied nicht verstanden hat. "Das ist wichtig! Genau hinhören und hinschauen, nachdenken, sich eine eigene Meinung bilden, nicht einwickeln lassen von vermeintlich einfachen Lösungen."
Im Hinblick auf die Landtagswahlen ermutigte sie die Schüler, unter ihnen zahlreiche Erstwähler, die Parteiprogramme zu lesen, "und zwar bis zum Ende", den Wahl-o-Mat zu nutzen und sich kundig zu machen. "Freie Wahlen, das ist eine Möglichkeit, die nicht jedes Land bietet. Hier sitzen junge Leute, die aus Ländern kommen, wo es das nicht gibt", erklärte sie mit Blick auf eine Berufs-Integrationsklasse für Flüchtlinge.
Dagmar Mertele, Fachbetreuerin für Sozialkunde an der Berufsschule, ermutigte die Schüler, mit Fragen, aber auch mit Themenvorschlägen auf die Lehrkräfte und Schulsozialarbeiterin Martina Meisch zuzugehen. "Seid aufmerksam bei dem, was ihr im Netz anklickt und teilt."