Johannes Schlereth

Es klingt wie der Plot eines schlechten Horrorfilms: Ameisen werden zu Zombies. Aber dabei handelt es sich nicht um einen schlechten Trash-Horror, sondern um den Alltag in unserer Natur. Die ist nämlich keinesfalls eine romantische Utopie. Was ich versprechen kann, ist, dass es Ihnen beim Lesen kalt den Rücken herunter läuft. Was bei den Temperaturen sicherlich nicht verkehrt ist. Darüber, dass plötzlich eine Ameise mit großem Appetit auf Gehirn vor Ihrer Haustür steht, müssen Sie sich als Leser keine Sorge machen. Wir greifen uns heute Lupe und Mikroskop, um einen Blick auf einen Parasiten zu werfen: dern maximal 15 Millimeter kleinen Leberegel. Der Schmarotzer ist damit etwas größer als die Rhöner-Standard-Ameise. Wie kommen die beiden denn nun zusammen?

Dafür betrachten wir zunächst die Entwicklung des Leberegels.

Der Schmarotzer treibt sich vorwiegend in den Gallengängen des Endwirts herum. Wählerisch ist man als Parasit dabei nicht. Ob Schaf, Reh oder Hirsch - als Leberegel folgt man der Devise "seid fruchtbar und mehret euch". Dafür produzieren die Saugwürmer Eier, die mit dem Gallenfluss in den Darm gelangen. Der muss irgendwann mal geleert werden - und voila: Schon sind die mit Larven gefüllten Eier in der Natur. Während der Zeit möchte man kein Leberegel sein. Große Bewegungen scheiden im Ausgeschiedenen aus. Dabei handelt es sich um echte Überlebenskünstler. Unangenehme Gerüche? Hitze? Kälte? Trockenheit? Für den Schmarotzer kein Problem. Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Eier fast ein Jahr infektiös sind. Aber: Mit etwas Glück kommt eine Mitfahrgelegenheit vorbei. Beispielsweise die weiße Heideschnecke. Okay, nicht das schnellste Taxi, aber immer noch besser, als in Fäkalien herumliegen zu müssen.

Der Einstieg ins Schneckentaxi gelingt dem Leberegel über die Futterluke - Schiebetüren hat sie ja nicht. Im Lauf der Verdauung entweichen die Larven dem Ei. In der Schnecke entwickeln sie unbemerkt eine zweite Haut, vermehren sich und wandeln nochmals ihre Gestalt, bis sie sich zur Zerkarie entwickelt haben. Zu dem Zeitpunkt hat der Schmarotzer einen Schwanz, einen Mund- und Bauchsaugnapf, einen Rachenraum, einen Darm und ein Nervensystem. Wie lange das dauert? Etwa ein viertel Jahr. Das evolutionäre Schneckentempo ist nicht der Kriechgeschwindigkeit, sondern der Temperatur geschuldet. Allerdings: Irgendwann muss der Leberegel ja aussteigen. Dafür nutzt der Saugwurm seinen Körper und gelangt schließlich in die Atemhöhle der Schnecke. Letztere scheidet die Zerkarien in Schleimbällchen aus, die etwa zwei Millimeter groß sind.

Für Ameisen ein verlockendes Fressen. Und das, obwohl die jüngst gefressenen Schleimbällchen den Ameisenkumpel aus dem Nachbarbau mittlerweile etwas wunderlich wirken lassen. Statt abends nach verrichteter Arbeit im Bau zu entspannen, klettert der Irre auf Pflanzen und beißt sich wie tollwütig fest. Steigen die Temperaturen wieder, lässt er sich auf den Boden fallen. Von seinem nächtlichen Tun weiß er höchstwahrscheinlich nichts mehr. Weil medizinische Gutachten im Ameisenbau Mangelware sind, werfen wir von außen einen Blick auf die Sache. Was ist los mit der Ameise?

Fremdgesteuert

Der Blick ins Mikroskop zeigt, dass sich eine Larve bei ihr in einem wichtigen Körperteil angeheftet hat. Statt eines Gehirns verfügt die Ameise über mehrere Ganglien - also Nervenknoten. Dabei handelt es sich um evolutionäre Vorläufer des Gehirns.Von einem Ganglion aus steuert die Saugwurm-Larve nun die Ameise. Wird es abends kühler, klettert sie auf Pflanzen. Dort angekommen, sorgt die Zerkarie dafür, dass sich die Ameise einen Beißkrampf erfährt. Die Ursache ist klar - insbesondere wenn wir kontrollieren, wer sich des Nachts in Feld und Flur herumtreibt. Zum Beispiel Rehe, auf dem Weg zum Äsen. Sehen Sie, wohin das führt? Der Parasit möchte einen neuen Wirt. Durch den Beißkrampf auf der Pflanze erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, versehentlich vom Reh gefressen zu werden, um den Zyklus wieder von vorn beginnen zu lassen.

In der nächsten Folge gehen wir in den Wald, auf der Suche nach dem LAN-Kabel von Bäumen und Pilzen.