"Advent, übersetzt Ankunft, ist die Zeit der Vorbereitung auf das für viele Menschen schönste Fest im Jahr: Weihnachten", stellte die Vorsitzende des "Clubs der Arbeitssuchenden", Angelika Grosch, bei der Adventsfeier im evangelischen Gemeindezentrum St. Johannis Rödental fest. Advent, einmal sich Zeit nehmen, zur Ruhe kommen und träumen mit anderen, mit Menschen, die seit Jahren die gleichen negativen Erlebnisse hatten, aber auch mit Kolleginnen und Kollegen des Clubs, die wieder in festen Arbeitsverhältnissen stehen.
"Ja, wir merken, wir haben das gleiche Schicksal, doch unsere Träume und Hoffnungen, unsere Fragen an unsere Gesellschaft, unser Glaube, irgendeinmal wieder dazuzugehören, sind dennoch verschieden. Auch unsere Wege sind nicht die gleichen", betonte Projektleiter Leonhard Fehn. "Wie oft haben wir es versucht, neue Wege zu gehen - Wege zu anderen, Wege zum anderen?" Immer wieder stellten die Menschen fest, sie alle seien Getriebene - sowohl die, die in Arbeit stehen, als auch die, die einer Arbeit nachhechelten.


Warten fällt Menschen schwer

Im normalen Leben seien Menschen schlecht beim Warten. Die Arbeitssuchenden seien oft ungeduldig, weil man ihnen nicht die Chance gebe, sich in den Rhythmus des Arbeitsalltags einzufügen. "Im gegenwärtigen Augenblick bemerken wir, dass der Rhythmus unserer Gesellschaft, in dem wir leben, nur für wenige durchgehalten hat", stellte Leonhard Fehn fest.
Die Zeit berge in sich ein Geheimnis: den Augenblick. "Wir sind immer auf dem Sprung, immer unter Spannung. Wichtig aber ist, im gegenwärtigen Augenblick, auch gegenwärtig, zu sein", gab er als Rat.
Warten, bei diesem Wort falle vielen spontan ein: Wie lange müssen wir noch warten darauf, warten, dass sich ein Loch auftut, wir eine Lücke finden, die klein genug ist für ein paar Träume. Weihnachten sei ein wunderbares Fest. Überall, wo glückliche Menschen wohnen, flammten die Kerzen auf und erfüllten mit Freudenglanz das ganze Haus.
"Friede auf Erden und Freude für alle Menschen. Wirklich für alle? Das wird wohl ein Traum bleiben. Da gibt es einige, die das nicht wollen, nicht zulassen", stellte der Projektleiter kritisch fest. "Uns würde eine unverzichtbare Grundlage einer Neuorientierung genügen, ob religiös begründet oder nicht, ein gemeinsames Ethos: Sinn, Sittlichkeit, Lebensweise."
Auch in einer schweren Zeit mit einer von einer selbst ernannten Elite mutwillig heraufbeschworenen Krise dürften die Arbeitssuchenden die Wirtschaftlichkeit nicht ignorieren, "aber auf Humanität pochen dürfen wir schon." Leistung und Selbstverwirklichung seien zu bejahen, aber sie müssten zugleich Verantwortung und Selbstverpflichtung einschließen. Es fehlten Maßstäbe, Visionen und Ideale. Wie sehr suche gerade die junge Generation nach ihnen. "Ich sage: Wer der Jugend ihre Visionen raubt und der Wirtschaftlichkeit opfert, versündigt sich gegen das Gemeinwohl unserer Gesellschaft, versündigt sich gegen die Zukunft dieses Landes." Ohne Vision sterbe die Hoffnung, mit der Hoffnung das Ethos, mit dem Ethos die Bereitschaft, sich einzuschränken und sich für andere einzusetzen.
"Wie weit sind wir doch im Jahr 2015 von diesem Ideal entfernt?", erinnerte Fehn an die Bankenpleiten, an die sich anschließende Wirtschaftskrise, die den Agenturen für Arbeit regen Zulauf beschert hätten, und an die vielen von den Agenturen für Arbeit nicht Registrierten. "Können wir Weihnachten feiern gegen diese Wirklichkeit oder an ihr vorbei? Können wir, um eine Feststimmung zu retten, all das vergessen, was gar nicht feierlich ist? Etwa die Diskussion um die Flüchtlinge, die in unser Land kommen, um dem Terror zu entrinnen", mahnte Fehn.


Angriffe gegen Weltwirtschaft

Auch die Mitglieder des Clubs der Arbeitssuchenden könnten nicht an den Geschehnissen in Tunesien, Paris, der Türkei und Kalifornien vorbeischauen. Zweifelsohne hätten die terroristischen Angriffe auch der Weltwirtschaft gegolten. "Lassen wir uns überraschen, vielleicht auch vom Glück, tausendfach überrascht zu werden und ab und zu von einem Schutzengel begleitet zu werden", sagte Fehn zum Schluss.
Diakon Günter Neidhardt zollte dem Engagement der Arbeitssuchenden großen Respekt. Matthias Tischer, Hilde Skurka und Ralf-Peter Lorenz umrahmten die Veranstaltung.
"Im Jahr 2016 schließt sich der Kreis des Clubs der Arbeitssuchenden nach elf Jahren erfolgreicher Arbeit", sagte Projektleiter Leonhard Fehn hinsichtlich der unsicheren Zukunft der so erfolgreichen Arbeitsloseninitiative. "Wir können zurückblicken auf den weltweiten Bericht zur Agenda 2010 in der BBC mit Wirtschaftsredakteur Tim Weber, den Fernsehbericht des SWR und MDR mit Thomas Leif zur Situation der Arbeitslosen und Hartz IV sowie unsere bundesweite Ausstellung ,Straße der zerstörten Räume‘", zog er Bilanz.
Diese Ausstellung habe das Ungleichgewicht der Gesellschaft zur Schau gestellt. "Welcher Verein kann schon solche Öffentlichkeitsarbeit liefern?", fragte Leonhard Fehn abschließend in die Runde.