Coburg — "Ganz ehrlich, ich hatte nicht vor, nach Deutschland zu kommen." Phil, der aus Texas stammt und gleich zum ersten Mal in seinem Leben Schlitten fahren wird, lächelt. Er spricht akzentfrei in einer Sprache, die ihm bis zum Sommer vorigen Jahres absolut unbekannt war. "Ich dachte, dass sich Deutsch recht streng anhört." Inzwischen gefällt ihm nicht nur der Klang deutscher Worte: "Auch die Menschen sind hier nicht so verschlossen, wie ich gedacht habe. Ich fühle mich wohl und möchte in Deutschland studieren."
Phil kommt aus Houston und verbringt im Rahmen des Programmes "Partnership International" ein Orientierungsjahr an der Rudolf-Steiner-Schule. Ähnlich wie Gastschüler Luciano, der ansonsten auf eine Waldorfschule in Buenos Aires geht (und eine Tante in Cortendorf hat). Verbindend auch: die Temperaturdifferenzen im Vergleich zum Heimatland. "Für mich ist es sehr kalt hier und es gibt sehr wenig Sonne", sagt Luciano, der bereits Coburg-Erfahrene. Nachvollziehbar, da es in Buenos Aires aktuell 31 Grad sind. Auch dass man Vestestadt und Millionenmetropole nicht vergleichen könne. "Es ist hier alles viel kleiner und viel sauberer."
Phil, der zu Hause eine konventionelle Schule mit wissenschaftlich-mathematischem Schwerpunkt besuchte, gefällt, dass es auf dem Callenberg fünf Stunden Kunst pro Woche gibt. "Auch Eurhythmie ist sehr interessant, die Aufführungen sehr schön" Neu ist für ihn, dass nicht benotet wird, es gibt schriftliche Zeugnisse. Was er einerseits gut findet, weil es weniger Druck gibt. Andererseits "weiß der Schüler nicht, wo er steht". Wobei die momentanen Klassenkameraden entspannter seien und trotzdem motivierter als die in seiner Heimat.
Der 18-Jährige hat den Eindruck, dass sich Waldorfschüler mehr Gedanken über ihre Umwelt machen. Er denke dabei an Bioessen und "ökomäßige" Sachen". "Viele haben keinen Fernseher, einige haben alte Handys, das finde ich erfrischend."
Luciano ist der Eurhythmie nicht ganz so zugetan. Da die "Bewegungskunst" in Argentinien nur von der ersten bis zur sechsten Klasse Pflicht ist, hat er sie abgewählt. Nach vier Jahren als Ruderer spielt er jetzt Rugby, auch Fußball wird in seiner Schule angeboten. Der 17-jährige Argentinier empfindet die Menschen in Deutschland vergleichsweise als eher verschlossen. Speziell die Annäherung betreffend. Wenn an seiner Schule ein Austauschschüler ankomme, werde er in den Pausen von Mitschülern umringt und befragt. In Deutschland müsse man selbst viel erfragen.
Phil nickt. Der Texaner, der bisher Schuluniformen trug, ist froh, dass es in Deutschland in Bezug auf Kleidung grundsätzlich lockerer zugeht. Rot-blau-weiß gestreifte Hemden in Kombination mit blauen oder beigefarbenen Hosen - "es war furchtbar". Sichtlich empört verweist Phil auf die Querstreifen. Nein, er denke nicht, dass man so Konkurrenzdenken aufhebe, "man kann auch richtig teure blaue Hosen kaufen für die Uniform." Und dann geht es, mit Schlitten ausgestattet, in Richtung Callenberg. Nachdem etwaige Zweifel zerstreut sind, ("ja, die Schlitten halten euch aus.") sausen Phil und Luciano die Osterwiese hinunter. Fazit? Positiv. "Das macht viel Spaß."
Symbolisch ist es eine Art Abschlussfahrt. Während Phil, der sich sonntags "auf Sauerbraten und Klöße, vor allem auf Semmelknödel" freut, noch bis zum Sommer in Coburg bleibt, fährt Luciano ("Bratwurst und Klöße sind lecker") wieder Richtung Heimat. Mit zwiespältigen Gefühlen: "Eine Hälfte von mir will hierbleiben, die andere freut sich auf Argentinien." kaw