Sebastian Schanz

Die deutsche Bürokratie wirkt auch über den Tod hinaus. "Unfallgefahr! Grabstein nicht standsicher. Bitte von einem Fachmann richten lassen", lesen überraschte Hinterbliebene auf Hinweisschildern auf dem Bamberger Friedhof. Hintergrund ist die Unfallverhütungsvorschrift VSG 4.7 der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau: Sie verpflichtet die Verwaltung, die Stabilität der Grabmale jedes Jahr aufs neue zu überprüfen - 16 000 an der Zahl.
"Die Leute meinen immer, wir rütteln an den Grabsteinen und machen sie erst locker", erzählt Friedhofsmitarbeiter Daniel Reheuser. "Aber wir rütteln nicht." In der Hand hält der gelernte Steinmetz ein seltsames, flaschengroßes Gerät mit zwei Griffen, im Volksmund fälschlicherweise als "Rüttelmaschine" verschrien. Als Reheuser es gegen einen alten Grabstein drückt, piept es. "Den Ton gibt es bei einem Druck von genau 500 Newton, was in etwa 50 Kilogramm entspricht", erklärt der Friedhofsmitarbeiter. Wenn der Grabstein bei diesem Druck wackelt, wird er beanstandet. Im Schnitt trifft das auf etwa 150 im Jahr zu.
Sein Chef Thomas Steger, der stellvertretende Leiter des Friedhofsamts, räumt ein, dass dieser fälschlicherweise als "Rütteltest" bekannte Vorgang nicht gerade zu den beliebtesten Tätigkeiten seiner Mitarbeiter gehört. Aber der Arbeitsschutz der Beschäftigten lasse ihm keine Wahl. Außerdem müsse er die Sicherheit für die Besucher gewährleisten. Die Verkehrssicherungspflicht beinhaltet das Beseitigen von morschen Bäumen, Stolperfallen - und eben wackeligen Grabsteinen.
Deshalb also die Schilder. "Wir wollen die Gräber ungern mit Flatterband absperren. Das sieht behämmert aus", bringt es Steger auf den Punkt. Die grünen Hinweise sind dezenter. "In einem Fall in Gaustadt war der Grabstein allerdings so locker, dass wir ihn aus Sicherheitsgründen umgelegt haben." Zum Ärger des Grabbesitzers.
Überhaupt ist es mit dem Verständnis der Hinterbliebenen so eine Sache. Etwa ein Drittel der Leute lasse die Steine umgehend befestigen. Ein Drittel frage nach und wolle die Hintergründe wissen. "Und ein Drittel besteht aus Unbelehrbaren, die sich tot stellen", sagt der Friedhofsleiter und grinst. Wenn gar nichts mehr hilft, greift Steger zur Ultima Ratio: "Dann sperren wir das Grab doch mit Flatterband ab. Am besten kurz vor der Kirchweih. Da haben bisher alle reagiert."
Steger hat durchaus Verständnis für die Grabbesitzer. Er ist ja auch selbst einer. "Sterben ist teuer. Wenn du ein neues Grab brauchst, bist du am Ende alles in allem 8000 Euro los. Dafür bekommt man einen Kleinwagen." Und wenn Väterchen Frost zuschlägt, können auch relativ neue Grabmale ins Wanken geraten. Das Richten der Steine kostet je nach Aufwand ein paar hundert Euro: "Das kommt auf das Fundament und die Verankerung an", erklärt Steinmetz Reheuser.
Trotz der hohen Kosten geben relativ wenige Bamberger die Gräber auf. "Wir haben eine Verlängerungsquote von 70 Prozent, was recht hoch für Städte vergleichbarer Größe ist", sagt Steger. Spürbar sei der Trend hin zur Feuerbestattung: Bei Urnen gibt es wegen der kleineren Ruhestätten kaum Probleme mit wackeligen Steinen.