Kräftiges Grün bedeckt die Leinwand. Braun- und Schwarztöne vermischen sich miteinander, bilden einzelne Formen und Strukturen. Darunter klebt, ebenfalls mit Farbe verziert, ein Stück Luftpolsterfolie. Ein paar Meter weiter hängt ein Bild, ähnlich farbenfroh, jedoch mit einem etwas anderen Zusatz: Statt einer Folie hängt hier eine alte Holzleiste. Daneben kleine Spiegel, eng zueinander angeordnet.
Neugierige Gesichter betrachten die Gemälde, manchmal mit einem fragenden Ausdruck: "Was will der Künstler damit ausdrücken?", denkt sich wohl der ein oder andere Besucher. Dies kann jeder für sich selbst beantworten, denn abstrakte Kunst wie diese bietet Freiraum für viele Interpretationen. Oder den Künstler selbst fragen und sich mit ihm über seine Malerei austauschen. Dieser heißt Johannes Schießl. 47 seiner Kunstwerke sind zur Eröffnung seiner Vernissage in der Produzentengalerie für Gegenwartskunst ausgestellt.


Versteckte Botschaften

Der Sinn der Gemälde wird für die Betrachter seiner Bilder meistens erst auf den zweiten Blick deutlich. Auf den ersten zeigen sie knallbunte Formen oder abstrakte Darstellungen realer Gegenstände. Erst bei genauerem Hinsehen fallen die versteckten Botschaften auf, die Schießl in die Gemälde eingearbeitet hat: Sprechblasen, nachdenkliche Sprüche, auch Figuren finden sich darin, die Schießl mit Stift auf die Acrylfarbe gezeichnet hat. Diese helfen bei der Interpretation der Gemälde. Ebenso wie die Titel der einzelnen Werke, die Schießl in der Regel Literatur, aber vor allem Musikstücken entnommen hat.


Wild und kraftvoll

Sanfte Klänge hallen während der Eröffnung der Vernissage durch die Kunstgalerie. Aufmerksam hören die Besucher der Ausstellung Mingyo Kim zu, die für sie auf der Geige spielt. Müsste man Johannes Schießls Kunst mit Musik vergleichen, wäre es nicht die, die Mingyo Kim spielt. Diese ist ruhig und gefühlvoll, die Bilder, die rundherum an den Wänden hängen, hingegen wild und kraftvoll. Weniger Klassik, vielmehr Rock-Musik. Und tatsächlich sind Musikstücke aus dem Rockgenre eine große Inspiration für den Künstler: "Während ich male, höre ich viel Rock oder Metal", verrät der 36-Jährige, "die Musik ist mir dabei sehr wichtig und hat einen großen Einfluss auf meine Kunst".
Und dabei hat Schießls künstlerische Laufbahn erst ganz anders begonnen: "Bildthematisch kommt Johannes Schießl ursprünglich von der Landschaftsmalerei", erklärt Kunsthistoriker Matthias Liebel in seiner Rede, die einen Überblick über das Leben Johannes Schießls gibt. Vor allem um Realismus ging es dem Künstler in der ersten Phase seines Schaffens, darum, Landschaften und Objekte möglichst genau wiederzugeben. Bis er an einem gewissen Punkt den Gefallen daran verloren hat: "Durch die Landschaftsmalerei fand ich mich irgendwann eingeengt. Ich wollte mehr Freiheit beim Malen", verrät der Künstler. Deswegen wagte er den Schritt zur abstrakten Kunst.
Dabei konnte er aber gleichzeitig sein Vorwissen aus der realistischen Malerei anwenden, wie Kunsthistoriker Liebel bei der Beurteilung seiner Werke festgestellt hat: "Viele Hobbymaler und ausgebildete Künstler flüchten sich in die Abstraktion, weil sie die Gegenständlichkeit nicht beherrschen", so Liebel. Johannes Schießl sei für ihn eine Ausnahme. Seine Gemälde basierten auf einer langen Auseinandersetzung mit wahrheitsgetreuer Gestaltung. Realismus trifft auf Abstraktion.