Bastian Sünkel

Alles muss schnell gehen in diesem noch jungen Jahr. Die Leitung soll stehen und die Anrufer durchgestellt werden, als würde nicht gerade ein Teil der Bevölkerung eines ganzen Bundeslandes bei etwa 50 Callcenter-Mitarbeitern anrufen. "Bei einer Frau in Königs Wusterhausen habe ich jetzt Heldenstatus", sagt der Inhaber der Firma Datex-Perfekt Hellmut Schiffner. Drei Stunden hat die Anruferin aus Brandenburg in der Leitung gewartet Als sie endlich an der Reihe war, hat sie aufgebracht erzählt, dass ihre Eltern beide über 80 Jahre alt sind und sich gerne impfen lassen würden. Dann muss Hellmut Schiffner, der an diesem Tag zum ersten Mal seit langer Zeit wieder selbst am Telefon sitzt, überlegen, wie man zu einer Lösung kommt und im besten Fall verabschieden sich Anruferin und Mitarbeiter gut gelaunt. "Dann ist es ja gut, dass sie endlich bei mir gelandet sind", wiederholt er das Gespräch. Sie sollten schnell jeweils zwei Impftermine für die Eltern ausmachen. Er helfe der Anruferin dabei.

Ja, so ist das. Viele der Anrufer haben etwa drei Stunden gewartet. Die Leitung ist zwischen Vormittag und frühen Nachmittag mehrmals zusammen gebrochen. Doch für Helmut Schiffner, seine Frau und Personalchefin Inge Neubauer und den Personaltrainer und Schulungsleiter Klaus-Peter Grießhammer ist die Situation keine, wegen der schlechte Stimmung aufkommen soll. Tatsächlich wirken die Kollegen an den Telefonen in Neundorf bei Mitwitz entspannt. Keine Spur von Panik.

Ein Anruf aus Brandenburg

Oder anders gesagt: Sie haben damit gerechnet. Die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg hat sich kürzlich bei Hellmut Schiffner gemeldet. Er und weitere mittelständische Unternehmer im Bereich Callcenter haben zusammen eine Art Stammtisch, erklärt er. Einer seiner Kollegen aus dem Norden hat Datex-Perfekt dabei um Unterstützung gebeten. Während die Mitarbeiter in Neundorf, Hain und Steinbach am Wald direkt mit den Impfkandidaten und ihren Angehörigen in Verbindung stehen, hilft ein Backup-Dienstleister dabei aus, wenn Probleme auftreten.

Wenn zum Beispiel ein neues Tool - also eine Software-Unterstützung angelegt werden muss, damit auch Briefe an die betroffenen Personen verschickt werden, wenn sie keine Mail-Adresse haben. "Das betrifft nach meinen aktuellen Schätzungen etwa Zweidrittel der älteren Anrufer, die nur über eine normale Straßenadresse verfügen", sagt Hellmut Schiffner.

Seit Februar hat er sich bereits mit dem Thema der telefonischen Unterstützung der Pandemie auseinandergesetzt. In Bayern wird das meistens direkt von den Gesundheitsämtern bewältigt. Doch jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg, sagt der Unternehmer. In Brandenburg wird eben auf Unterstützung von außen gesetzt und Hellmut Schiffner so zu einem Auftrag gebracht, der seine drei Callcenter-Standorte nun wieder mit Personal anfüllt. Die Kunst ist tatsächlich, das Personal nun erst einmal zu finden. Dafür ist wiederum seine Frau zuständig.

Inge Neubauer hat eine Liste vor sich liegen und ruft in den vergangenen Tagen ehemalige Mitarbeiter an, um sie für das neue Projekt zu gewinnen. Andere melden sich direkt in ihrem Personalbüro, darunter auch Gastronomen, die während des Lockdowns gerade auf anderen Weg für Einkünfte sorgen wollen. Etwa 50 Mitarbeiter haben bis vor Kurzem bei Datex-Perfekt gearbeitet. Etwa 50 weitere will bzw. muss das Unternehmen finden, um das Großprojekt für Brandenburg zu stemmen. "Wer Ohren hat und Schreiben kann, soll sich bitte bei uns melden", sagt die Personalchefin mit einem Lächeln in den Augen.

Mitarbeiter dringend gesucht

Die Schulungen sind anberaumt und erste Interessenten werden bald nach Hain kommen, um sich ein Bild von der Arbeit zu machen. Arbeitszeiten und Beschäftigungsmodelle sollen wie üblich bei der Neundorfer Firma wieder relativ flexibel strukturiert sein. Jeder Mitarbeiter hat Mitspracherecht. 10,90 Euro beträgt der projektbezogene Stundenlohn.

Hellmut Schiffner hat in den vergangenen Jahren Vieles mitgemacht. Vor 30 Jahre habe er den Osten mit Telefonen versorgt, jetzt arbeitet er sich an der Pandemie ab. Als Krisengewinner sieht er sich aber nicht: "Wir sind in krisenhaften Situationen da und sorgen dafür, dass der Laden schnell läuft." Auch die Anfangsprobleme werden sie nach und nach in den Griff bekommen, sind sich die Beteiligten sicher: "Es ist eine tolle Aufgabe: Die größte logistische Herausforderung seit der Wiedervereinigung - nur dass wir keine 30 Jahre Zeit haben", sagt Hellmut Schiffner.