Kronach —  In einer Frankenwaldchronik von 1909 heißt es: "Einmal im Jahr soll der Mensch, der tagaus, tagein den Geschäften nachgeht, die Alltagssorgen vergessen, soll er lustig und ausgelassen sein und der Freude und Fröhlichkeit den Weg in das Innere freimachen. Denn Freude und Fröhlichkeit gleichen geheimnisvollen Quellen, denen fortwährend starke Kräfte entströmen".

Und weiter steht geschrieben: "Wer ein Mensch unter Menschen sein will, lehnt dieses Einmal nicht ab. Im Gegenteil. Er sucht es und lässt sich von ihm mit frischem Mut und neuer Hoffnung erfüllen, um nachher umso erfolgreicher auf der Straße des Lebens weiterschreiten zu können. Und dieses einmal des Jahres ist die Zeit der Fastnacht".

Zu allen Zeiten haben die Tage um die Fastnacht im Brauchtum und noch mehr im Volksglauben des Frankenwaldes eine bedeutende Rolle gespielt. Doch leider sind heutzutage die von den Altvorderen ausgeübten Fastnachtsbräuche mit ihren skurrilen Scherzen und Späßen weitgehend ausgestorben. Nebenbei sei bemerkt, dass der Name dieser närrischen Zeit, die "Fastnacht", nicht von fasten, sondern von "fasen" oder "faseln" kommt, wovon auch der "Faselhans" seinen Namen hat.

Als Fastnachtstage galten damals im Frankenwald der Sonntag als die Herrenfastnacht, der Montag als die Bauernfastnacht und der Dienstag als die eigentliche Fastnacht.

Das "Arschklopfen"

Zur Herrenfastnacht wird an der Fränkischen Linie von einem sonderbaren Brauch berichtet. Es ziehen Burschen durch die Ortschaften, von denen einer ein schmales Brettchen mit einem Hammer, ein zweiter eine Stange mit Fastenbrezen trägt. Wo sich eine Weibsperson erblicken lässt, wird sie, wenn ihr nicht schnell genug die Flucht gelingt, von den Burschen umringt, ihr das Brettchen auf den Hintern gesetzt und unter lautem Johlen und Gelächter ein Schlag mit dem Hammer darauf getan. Dafür erhält sie eine Brezel als Entschädigung und kann dann ihres Weges weitergehen. Die Narrenposse verstößt zwar in demselben Maße gegen die Galanterie, als seine Bezeichnung "Arschklopfen" gegen den feineren Anstand. Aber auch dieser Brauch hat seinen tieferen Sinn. Man sei bei keinem Weibe sicher, ob nicht die Hexe in ihr stecke, munkelt man. Gar mancher sei schon durch das Klopfen der böse Geist ausgetrieben worden.

Auch die Bauernfastnacht gilt hoch über dem Tal der Wilden Rodach als Feiertag. Die Magd steht heute sehr bald auf und wischt mit feuchten Lumpen das ganze Haus durch, um es von den Flöhen zu befreien. Derweil rammt der Knecht mit schwerem Hammer einen Pfahl vor dem Hühnerstall in die Erde. Soweit der Schall reicht, sind die Hühner vor dem Fuchs sicher. Beim Mittagessen fasst der Bauer von den Speisen, die heute auf den Tisch kommen, eine Portion in einen Topf. Davon bekommen die eine Hälfte die Hühner, die andere wird dem Fuchs auf das Feld getragen, wobei gerufen wird: "Da Fuchs, hast du deinen Teil, lass mir den meinen". Die Bäuerin darf heute nicht stricken und mit der Nähnadel herumhantieren, sonst flickt sie möglicherweise den Hühnern das "Legetürlein" zu.

Abends soll der Bauer mit der Bäuerin zum Tanze gehen und wenigstens "eine Tur mit ihr drehen". Je höher er sie dabei hebt, desto höher wird der Flachs. Wenn der Bauer aber beim Tanzen hinfällt, was schon des Öfteren vorgekommen sein soll, wird auch der Flachs im Lauf des Jahres mehr oder weniger umfallen.

Maskierte treiben Schabernack

Im oberen Haßlachtal findet an der eigentlichen Fastnacht, dem Fastnachtdienstag, ein Maskenzug statt, wobei man den Mitbürgern die Ungeschicklichkeiten und Dummheiten, die während des Jahres begangen wurden, drastisch vor Augen führt. Mit großem "Hallo" tanzen da die Fastnachtnickel mit unförmigen, gehörnten Köpfen und einem Linnengewand, das über und über mit bunten Lappen besetzt ist. Dabei necken sie die Maadla und vollführen sonst allerlei Schabernack. Maskierte Burschen machen Blasmusik vor den Häusern und singen: "Lustig ist die Fousenocht, wenn der Hans sei Säula schlocht, koo er essn und trinkn Fleisch und Wurst und Schinkn, bis na Stroh und Hoabern sticht und enn Hans die Deichsel bricht!"

Das "Narrenschneiden"

Vom Frankenwald führt eine kurze Stipvisite in die Frankenmetropole Nürnberg, wo auch nach der Reformation der Hauptsitz des Fastnachtsspieles war. Dort hält gerade der Großmeister des Fastnachtsspieles Hans Sachs (1494 - 1576) dem Bürgertum den Narrenspiegel vor die Nase. Beim "Narrenschneiden", einer öffentlich inszenierten Operation, heilt der Doktor seinen Patienten in der Weise, dass er ihm einen versteinerten Narren nach dem anderen aus dem Kopf schneidet; sie repräsentieren Gier, Neid, Hochmut, Geiz, Unzucht, Völlerei, Streitsucht und Faulheit. Am Ende gibt der Arzt dem Publikum den guten Rat: Solch eine Prozedur ließe sich vermeiden, wenn Vernunft der Meister der Menschen wäre.

Der "Fast" folgt "Ostergelächter"

"Auf die Fastnacht kommt die Fast", sagt ein altes Sprichwort. In der Gegend um Schneckenlohe, dem südwestlichsten Zipfel des Landkreises, war nach der "Fast" das fröhliche Tun und Treiben noch keineswegs beendet, sondern begann als "Osterbelustigung" von Neuem. Da dies im Volk tief verwurzelt war, lehnte sich die mittelalterliche Kirche auch nicht dagegen auf. Es gab Priester, die dem Volk sehr entgegenkamen und einem Spaß nicht abgeneigt waren. Davon ist Folgendes überliefert: "Nachdem man sechs Wochen geduldig gefastet hatte, brach die Lust von neuem los. Ja, am Osterfest ging die Ausgelassenheit soweit, dass mancher Geistliche, um das ,Ostergelächter' bei der Kirchengemeinde wieder in Schwung zu bringen, auf der Kanzel den Kuckucksruf nachahmte und sehr zur Freude der Kirchenbesucher statt der einschläfernden Predigt lustige Gschichtla und Gedichtla vortrug".