Das Literaturfestival zieht weitere Kreise. Unter anderem bis aufs Gut Leimershof. Hier, auf dem weitläufigen Landidyll, haben die Veranstalter den besten Ort gefunden für ihre Special-Interest-Lesung. Es geht um Pferde. Wobei das nicht ganz richtig ist: Es geht um Pferde und das Leben, das Schicksal und den Erfolg.
Timo Ameruoso war ein erfolgreicher Springreiter. Ihm war der Weg an die Spitze seines Sports beschieden. Daraus wurde nichts. Seit einem Motorradunfall im Mai 1995 sitzt Ameruoso im Rollstuhl. Er war damals 16 Jahre alt. Aber: Ameruoso setzte sich wieder aufs Pferd und ist heute einer der angesehensten Pferdetrainer und
-psychologen weltweit.
Und weil das nicht über Nacht ging, sondern mit weiteren Nackenschlägen des Schicksals verbunden war, hat Ameruoso mit der Zeit Erkenntnisse gewonnen. Nicht nur über Pferde, sondern über das Leben an sich: "Erstens", sagt er, "wir können nix mitnehmen. Zweitens, wir sind alle gleich." Das zum Beispiel habe er von den Tieren gelernt: "Pferden ist es egal, ob ich im Rolli sitze oder Bänker bin oder sonstwas."
Der Abend in Gut Leimershof war eine Mischung aus Lesung aus seinem Buch "Zum Aufgeben ist es zu spät" und einer Art Motivationsvortrag. Auch wenn es Ameruoso wichtig ist, sich von scharlatanhaften Coaches und Speakern abzugrenzen. Der Weg zum Erfolg, das wiederholt er wie ein Mantra, sei ganz einfach: "Ihr müsst nur durchhalten. Erfolg ist zwingende Konsequenz von Durchhaltevermögen." Ziemlich wahrscheinlich lassen sich für diese These auch Gegenbeispiele finden.
Ameruoso jedenfalls musste nach seinem Unfall durch noch tiefere Täler. Er lernte zwar wieder reiten, er reitet sogar besser denn je, doch im Juli 1999, "auf dem Höhepunkt meiner Kraft", fiel er von seinem Pferd. "Noch bevor wir das Krankenhaus erreichten, war ich bewusstlos", liest Ameruoso. Das folgende Koma beschreibt er als eine "sehr friedliche Zeit", in die er sich später, in Phasen tiefer Depression, immer wieder zurückgesehnt habe.
Denn noch schlimmer als der erste und der zweite Unfall zusammen sei die Zeit gewesen, die er in einem Zwei-Mann-Betrieb als technischer Zeichner zugebracht habe. Ameruoso träumte davon, sich selbstständig zu machen und einer der besten Pferdetrainer der Welt zu werden. Stattdessen ließ sich er sich von seinem Vorgesetzten schikanieren, 15 Jahre lang, setzt Beziehungen in den Sand, wird immer wieder krank, ist pleite. In den Nächten betet er, am Morgen nicht mehr aufwachen zu müssen.


Zum Aufgeben zu spät

"Aber wenn man ganz unten ist, geht es irgendwann nur noch bergauf." Eine Mentaltrainerin sagt am Telefon den Satz zu ihm, der der Titel seines Buches wurde: Zum Aufgeben ist es jetzt zu spät. Das ist ein Teil der Rettung, der andere heißt Gloria, eine Frau, die in Bamberg an seinem seiner Pferde-Kurse teilnimmt. "Die bekam schlechte Laune von meinem Anblick", sagt Ameruoso. Und dass Gloria, vielleicht deshalb, von Anfang an kratzbürstig gewesen sei. "Ihr könnt sie fragen, sie ist auch da."
Denn dank seiner Kompetenz in Sachen Pferd gelang es ihm, die skeptische Gloria von sich zu überzeugen. Anfang 2015 lernten die beiden sich kennen, Ende 2015 hatte Ameruoso alles erreicht, was er wollte. Er sei fokussiert geblieben wie ein Pferd, das einen Grashalm wolle. Und er habe gelernt, dass man manchmal seine Strategie wechseln muss. "Das Gehirn versucht bestehende Muster zu erhalten", sagt er. Dagegen müsse man sich bewusst entscheiden.
Worin das konkret besteht, wird allerdings nicht so wirklich klar. Vortrag und Lesung bleiben oft sehr schematisch, konzeptuell. Ameruoso hangelt sich an großen Wörtern entlang und in den ein oder anderen Kalenderspruch hinein. Seine Geschichte bleibt natürlich dennoch eindrucksvoll. Wie sein Wissen über das Wesen dieser großen Tiere, denen er so viel zu verdanken hat. Nach Gut Leimershof waren zu einem Großteil Reiterinnen und Reiter gekommen. Sie hatten noch etliche Fragen, übers Pferd und übers Leben.