Er heißt nicht wirklich Seif Arsalan. Und er möchte auch nicht, dass sein Gesicht klar erkennbar veröffentlicht wird. Denn seine drei Schwestern leben noch in Syrien, und es dürfte ihnen schaden, wenn dort bekannt würde, dass er geflüchtet ist. Als er vor gut drei Jahren nach Deutschland kam, sprach er nur Arabisch und Englisch. Nun hat der inzwischen 21-Jährige unter diesem Pseudonym auf Deutsch einen autobiografischen Jugendroman geschrieben, aus dem er auf Einladung des Flüchtlingshelferkreises im evangelischen Gemeindehaus in Stadtsteinach las.
Mit dem Buch will Seif auch ein Bild über Flüchtlinge korrigieren: "Hey Leute, guckt mal, ein Syrer hat ein Buch geschrieben. Das ist besonders an die Leute gerichtet, die immer sagen, dass wir nichts draufhaben." Also: Seif ist ein junger Mann aus Syrien. Und er hat ein Buch geschrieben - in einer Sprache, die er vor drei Jahren noch nicht kannte. Er liest ohne Akzent. Stolpert höchstens bei Worten, in denen sich Konsonanten häufen.
Bevor er aus seiner Lebensgeschichte liest, zeigt er einen kurzen Film über Syrien - vor dem Krieg -, wo vor 7000 Jahren die Wiege unserer, der europäischen, Kultur stand. Aleppo war die erste urbane Ansiedlung. Uralte Zeugnisse der Kultur auf syrischem Boden sind inzwischen dem Bürgerkrieg und religiösen Fanatikern zum Opfer gefallen. Syrien wurde zwar Mitte des 7. Jahrhunderts islamisiert; doch noch vor gar nicht allzu langer Zeit lebten dort Muslime, Christen und Juden einträchtig zusammen.


Mit dem Schlauchboot

Seif deutet die Kriegsgeschichte in seinem Buch nur an; schildert fast aus der Distanz, welche Auswirkungen die gewaltsamen Auseinandersetzungen auf sein Leben hatten, wie sich die Familie aus Duma zunächst in der Hauptstadt verbarg und schließlich beschloss, zu fliehen, als es selbst dort nicht mehr sicher war. Seifs Bruder half in Damaskus Entwurzelten aus der Heimatregion, die ohne Dach über dem Kopf in den Straßen hausten, mit Lebensmitteln - und zog so den Zorn des Regimes auf sich. Die Familie musste weiterhasten, erst in die Türkei, wo er das Abitur machte - bis Extremisten seinen Bruder dazu verleiten wollten, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Da sich Seifs Bruder weigerte, wurde es für die Familie wieder brenzlich und man entschloss sich im Dezember 2015, in einem Schlauchboot nach Europa weiter zu fliehen.
Ab Griechenland ging es mit dem Zug weiter, in Österreich mit dem Bus - Ziel unbekannt. "Als wir ankamen, dachte ich, dass ich in einem Gefängnis gelandet bin. Es war ein Dorf, das wie ein Sicherheitstrakt aussah, mit Stacheldraht bezaunt." Seif war in Heidelberg gelandet, auf dem Gelände einer früheren Wohnanlage für US- Soldaten. Von dort aus kam er mit seiner Mutter in das Dorf Winterbach.
In der Flüchtlingsunterkunft macht er sich als Dolmetscher nützlich, er spricht Arabisch und Englisch und lernt von sich aus Deutsch. Er absolviert das "Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf" mit einem Schnitt von 1,0. Nebenbei macht er einen Erste-Hilfe-Kurs und arbeitet als Übersetzer für den Kreisdiakonieverband.
Jetzt besucht er das Technische Gymnasium, "in einem Jahr habe ich das deutsche Abitur hoffentlich in der Tasche." Er blickt vorwärts, obwohl er bis zu seinem Anhörungstermin völlig im Unklaren war, wohin es ihn verschlagen wird. Jetzt hat er für drei Jahre subsidiären Schutz. Er ist Kriegsflüchtling. Was danach kommt, weiß er nicht. "Ich liebe jede Art von Technik und habe großes Interesse an Robotern und Fernsteuerungssystemen. ... deshalb habe ich mich an der technischen Schule angemeldet", sagt er über seine Zukunftspläne.
Seif hat die Sympathien der Zuhörer im vollbesetzten Gemeindesaal auf seiner Seite. Er beantwortet Fragen seiner Zuhörer sachlich und schweigt, wenn sich Flüchtlingshelfer über den langwierigen, teils selbst für einen Deutschen schwer verständlichen, Umgang mit der deutschen Bürokratie aufregen. Auf dem Tisch neben ihm liegen ein Teddybär und ein brauner Kunstlederkoffer. Das ist alles, was ihm aus Syrien blieb außer seinen Erinnerungen und seinem ungebrochenen Willen, einmal studieren und sein eigenes Leben führen zu können.