Eberhard Kuon ist ärztlicher Leiter der Klinik Fränkische Schweiz in Ebermannstadt. Er kennt sich aus mit der Palliativmedizin und deren Herausforderungen. Er besuchte den Förderverein des Klinikums Forchheim und sprach dabei über diese Herausforderungen.

Die Lebenserwartung von 65-Jährigen liegt in unserer Gesellschaft der Hochbetagten bei 82-85 Jahren. Umgekehrt fühlten sich 65- bis 85-Jährige durchschnittlich 10 Jahre jünger als ihr kalendarisches Alter. Die Öffentlichkeit schaue auf hochbetagte Marathonläufern, Weltumseglern und Bergbesteiger und Gesellschaft wie moderne Medizin vermittelten nicht selten, chronische Erkrankungen wie Schmerz, Krebs und Demenz, vielleicht auch Alter und Tod müssten idealerweise durch immer höhere Anstrengungen und Fertigkeiten beherrschbar werden, so Kuon.

Diese Sichtweise erschwere den gesellschaftlichen Blick auf essenzielle Wünsche am Lebensende: Der in Deutschland in 76 Prozent geäußerte Wunsch, zu Hause sterben zu dürfen, erfüllt sich nur in 20 Prozent. 77 Prozent der Deutschen sterben tatsächlich in Krankenhaus oder Seniorenzentrum. Daher beschäftigt sich auch eine Pressemitteilung des Forchheimer Klinikums mit dem Alter und der Lebenserwartung.

Kuons Credo an eine sinnhafte Lebenserwartung unabhängig von Lebensjahren lautet: "Zufrieden altert, wer realistisch träumt." In der Notwendigkeit und Fähigkeit, die medizinische Machbarkeit einer Heilung infrage zu stellen, eine Endlichkeit wahrzunehmen und Lebensziele den individuellen Gegebenheiten anzupassen, eröffnen sich neue positive Möglichkeiten einer individualisierten palliativen Betreuung.

Palliative Betreuung

Ziel dieser Cura palliativa ist es, die Lebensqualität von Patienten und deren Familien zu verbessern, die mit Problemen im Zuge einer solchen lebensbedrohenden Erkrankung einhergehen, diese zu beschützen, aufzufangen, zu tragen, zu begleiten, mitzufühlen, zu lindern, und Unausweichliches zuzulassen.

Cicely Saunders als Begründerin der modernen Hospizbewegung und Palliativmedizin legte den Fokus ihres Tuns doch auf das Leben: "Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick Ihres Lebens wichtig und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben sondern auch bis zuletzt leben können."

Kuon empfiehlt in diesem Sinne, zur Schicksals- und Angstbewältigung, die gängige Einstellung zu einer lebensbedrohenden Erkrankung zu überdenken, Leben und Zukunft gedanklich nicht erst mit deren Überwindung beginnen zu lassen, sondern sie als unwillkommenen Gast zuzulassen, gleichwohl jedoch "Herr im Hause zu bleiben", Selbstwert und gesellschaftliche Integration durch freie Handlungsfähigkeit zu erhalten.

Durch zunehmende ambulante und stationäre Angebote, Hospizdienste und vor allem den unschätzbaren Einsatz unzähliger Ehrenamtlicher hat sich die Situation schwerkranker Patienten in den letzten Jahren deutlich gebessert, insbesondere hinsichtlich ihres Wunsches einer häuslichen Versorgung. Allerdings bleibe eine beschützende Sterbebegleitung ureigenste Aufgabe aller Ärzte und könne nicht spezialisierten Palliativmedizinern übereignet werden. Allerdings solle man sich bewusst machen: "Welche Kompetenzen erwarten wir von einer Person, die einen unheilbar kranken Menschen, der uns nahesteht, begleitet, die Koordination beteiligter Dienste organisiert und sich gleichzeitig menschlich kompetent - körperlich, seelisch, sozial, spirituell - um seine Bedürfnisse und Autonomie bemüht?" Die Antwort fällt einfach aus: Familie und Freunde sind unverzichtbar.

Lebensträume verwirklichen

Die palliative Versorgung hilft dabei, mit etwas Glück das nächste Lebensjahr trotz Widrigkeiten bewusster und gut zu leben. Nichts kann das persönliche Gespräch, die Berührung ersetzen. Sonne im Herzen, eine gewisse Resilienz, Kontakte zu Familie und Freunden, Offenheit, Ehrlichkeit und realistische Lebensträume - bei deren Umsetzung kranke Menschen nicht zu lange warten sollten - sind von unschätzbarem Wert und, so fragt Kuon, sinnvolle Ziele auch für noch Gesunde? red