Wolfgang Schoberth

Wie viele Jahre das Prunkstück auf dem Buckel hat, weiß man nicht. Vielleicht hat sie schon die Lutherzeit erlebt, doch sicher den Dreißigjährigen Krieg und damit viele Seuchen, Hungersnöte, Katastrophen, Gewalttätigkeiten. Die alte Linde hat die Zeiten überstanden.

Wie es Majestäten zukommt, steht sie an einem herausgehobenen Ort mit einem grandiosen Blick auf die Fränkische Linie - an der kleinen Straße oberhalb von Oberdornlach auf dem Geißhügel. Von hier führt der Weg durch den Muschelkalk abwärts nach Kirchleus. Viele Fahrradfahrer haben die einmalige Gegend entdeckt, vor allem am Wochenende strampeln sie hoch, um im Schatten des Baumes ein Päuschen einzulegen.

Kraft des Überlebens

Welche Geschichte verbindet sich mit dem Baumveteranen? Man weiß es nicht. Oberdornlach ist ein uralter Ort, der schon im 14. Jahrhundert mit der Dorf- und Gemeindeherrschaft eines Rittergutes nachweisbar ist.

Vielleicht hat man zu Füßen der Linde Gericht gesessen, vielleicht hat man die Kulisse genutzt zum Feiern und Tanzen.

Tritt man heute an den knorrigen Baum heran, hat man das Gefühl, vor einem Urzeitmonster zu stehen. Wie eine Krake breitet er seine Arme nach allen Seiten aus, bildet Knollen, Wülste, Risse und Spalten, alles ineinander verschlungen. Manches Holz ist tot, manche Äste sind hohl. Und es gibt Verletzungen, die wie Amputationen aussehen. Doch all dies ist ein Nichts gegen das Leben, das jetzt im Frühsommer in ihn schießt.

Magisch angezogen

Schon der Kulmbacher Maler Max Wild (1911 - 2000) war von der Kirchleuser Linde wie magisch angezogen. Immer wieder hat er den Baum aufgesucht und ihn zu unterschiedlichen Jahreszeiten und in verschiedenem Licht aquarelliert. Entstanden ist ein Zyklus, der dem Künstler so wichtig war, dass er die Blätter nicht verkauft, sondern sie bei sich im Haus aufgehängt hat.

Die Alten haben in der Linde ein Symbol der Standfestigkeit gesehen. Das war es wohl auch für Max Wild - ein Bild für die Überlebenskraft und die Majestät der Schöpfung.