Auf ein weiteres Opfer der NS-Justiz aus dem Frankenwald wurde ich bei seit Jahren laufenden Recherchen in bayerischen Gedenkstätten und in Archiven nach NS-Opfern aus dem Landkreis aufmerksam, aber auch durch einen Hinweis aus der Heimat - nämlich auf J. S. aus W.

Bei J. S., welcher wegen strafrechtlich relevanter Vergehen damals zunächst im "Zuchthaus" einsaß, bevor er in Flossenbürg zu Tode kam, handelt es sich um jemand aus einer Gruppe von KZ-Häftlingen, welche nach bis in die Gegenwart hineinreichender Ansicht "zu Recht" im KZ saßen. Dagegen muss festgehalten werden, dass auch Verbrechen an angeblichen Verbrechern Verbrechen sind. Und das war dann auch der Tenor einer Anhörung im Bundestag, in der es um "Asoziale und Berufsverbrecher als Lücke der Erinnerung" - so der Berliner Tagesspiegel - ging, und an welcher ich vor zwei Jahren teilnehmen konnte.

Danach beschloss der Deutsche Bundestag auf Initiative von zunächst Linken und dann Grünen, auch diese Opfergruppe als NS-Opfer anzuerkennen, nachdem es schon Jahrzehnte gedauert hatte, bis Kriegsdienstverweigerer, Wehrkraftzersetzer und -deserteure und wegen "Kriegsverrats" verurteilte Opfer der NS-Justiz endlich rehabilitiert wurden (Den Umgang mit den drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, von welchen über zwei Millionen erschossen wurden oder in Gefangenschaft verhungerten, bezeichnen Historiker als das nach dem Holocaust zweitgrößte Verbrechen; den wenigen Überlebenden bot der Bundestag in 2018 eine symbolische Entschädigung von 2500 Euro an).

Aber zurück in den Frankenwald und in die Oberpfalz: Der noch im vorletzten Jahrhundert geborene J. S. wurde im Juni 1939 in Eichstätt zu einem Jahr Zuchthausstrafe verurteilt; der Strafantritt in K. wurde im August 1939 auch "ordnungsgemäß" der Coburger Staatsanwaltschaft mitgeteilt. Im Juli 1940 wurde er in die Heimat entlassen - angeblich lag ihm zu dieser Zeit aber auch ein Arbeitsangebot aus Ingolstadt vor. Über die folgenden anderthalb Jahre Unterlagen aufzufinden, gelang mir jedoch bisher nicht.

Das nächste Dokument datiert dann aus 1941, als er am 22.12.41 von der Kripo Augsburg aus Sonthofen als "Vorbeugungshäftling" in Flossenbürg eingeliefert wurde - laut Eingangsbuch jedoch bereits am 19.11. Dort wurde er vermutlich mit einem grünen oder schwarzen Dreieck auf der Häftlingskleidung versehen - im Gegensatz zum roten Winkel der politischen Gegner des Regimes, und das waren zunächst Kommunisten nach dem Reichstagsbrand, danach Sozialdemokraten und Gewerkschafter.

Das vorläufig Letzte, was ich an Dokumenten über seinen Tod finden konnte, war eine "Ärztliche Bescheinigung" des Standortarztes von Flossenbürg, dass er dort bereits im Juni 1942 "an Herzschwäche nach doppelseitiger Pneumonie" verstorben sei - eine Formulierung, wie sie so oder ähnlich zu Tausenden zur Verschleierung von NS-Mordtaten verwendet wurde, sowie eine weitere Bescheinigung aus dem heutigen Flossenbürg aus 1951 mit dem Vermerk, dass diese Urkunde "nach Vernichtung der ersten Beurkundung mit Genehmigung der Aufsichtsbehörde" erstellt worden sei. (Anmerkung: über den damaligen Lagerarzt Trommer im Häftlingsrevier des KZ Flossenbürg ist bekannt, dass er dort Häftlinge ermordete, indem er ihnen Gift spritzte, und weiter: ein Hinweis auf die "Aktion 14 f 13", in welcher z.B. erschöpfte KZ-Häftlinge aus Buchenwald, Flossenbürg oder Neuengamme in Tötungsanstalten wie Bernburg vergast wurden, ließ sich bisher im Fall J. S. nicht bestätigen, aber bekannt ist, dass die Angaben auf Todesurkunden und "Trostbriefen" - einen aus der Mordanstalt Sonnenstein konnte ich im Kronacher Heimatkundlichen Jahrbuch 2016 auf S. 125 abdrucken - häufig irrelevant sind.)

Die Täterfrage bleibt

Fragen bleiben: Fragen nach den Tätern, welche Leute wie B. M. (wir berichteten am Samstag) und J. S. und Hunderttausende andere im Land in die KZs gebracht haben, und nach deren juristischer Aufarbeitung - wohl eine immer noch mögliche Aufgabe für Schulen oder am Geschehen der Jahre 1930 bis 1950 Interessierte.