Wir alle befinden uns derzeit in einer Ausnahmesituation. Die soziale Isolation und das Herunterfahren des öffentlichen Lebens können gar nicht spurlos an unserer Psyche vorübergehen. Wir haben mit Dr. Günter Wimschneider darüber gesprochen. Er ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und hat seine Praxis in Hausen.

Herr Dr. Wimschneider, wenn Menschen ihre sozialen Kontakte auf das Nötigste reduzieren müssen, wie derzeit wegen des Coronavirus. Wie wirkt sich das auf die Psyche aus?

Dr. Günter Wimschneider Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er hat lange Zeit in Überlebensgemeinschaften zusammengelebt, um gefährliche Tiere gemeinsam abzuwehren und bei der Nahrungsgewinnung erfolgreicher zu sein. Soziale Kontakte geben ihm also Sicherheit, Zugehörigkeit, Bestätigung und Sinn und fördern Erfolgserlebnisse.

Wenn das alles weniger wird, kann sich das ungünstig auf die Psyche und Stimmung der Menschen auswirken. Das Risiko für psychische Krankheiten kann also steigen.

Selbst Fachleute wissen nicht wirklich, wie sich die Lage entwickeln wird. Verstärkt diese Unsicherheit noch das Gefühl von Hilflosigkeit?

Da der Virus nicht greifbar ist, wie zum Beispiel ein Hund, der einen anbellt, löst die Unsicherheit eher diffuse Ängste aus und viele Menschen suchen Infos, um ihre Ängste zu bestätigen. Dies führt oft zu einer Verstärkung der Ängste. Wenn ich fünf Mal am Tag vom gleichen Todesfall lese, verarbeitet unser Gehirn das unbewusst so, als ob fünf Menschen gestorben wären.

Je mehr wir das Gefühl haben, nichts tun zu können, umso eher fühlen wir uns hilflos und ausgeliefert - wir haben das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Daraus leiten sich auch Hamsterkäufe ab als Ersatzhandlung, um wieder das Gefühl zu haben, mehr Kontrolle zu haben.

Wer sich mit den Quarantäne-Maßnahmen identifizieren kann, der fühlt sich eher besser, da er ja glaubt, das Richtige zu tun. Wer sich durch die Maßnahmen beruflich und wirtschaftlich in seiner Existenz bedroht fühlt und das Virus für nicht wesentlich gefährlicher als eine Influenza-Infektion hält, fühlt sich wohl eher durch die Maßnahmen hilflos ausgeliefert - da ja auch nicht absehbar ist, wie die Lage in vier Wochen sein wird.

Übrigens: In der Saison 2017/18 gab es in Deutschland neun Millionen Influenza-Infizierte mit rund 25 000 Todesopfern - überwiegend ältere, geschwächte Menschen in Altenheimen. Und das Gesundheitswesen ist nicht zusammengebrochen.

Kann dieses Gefühl der Hilflosigkeit zu ernsthaften, gesundheitlichen Folgen führen?

Durch die aktuellen äußeren Belastungsfaktoren kann das Risiko für anfällige und vorbelastete Menschen zunehmen, dass eine psychische Krankheit ausgelöst oder verstärkt wird. Die häufigsten sind Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen, durch die auch das Risiko für Selbsttötungen zunehmen kann.

Das klingt ja furchtbar. Was empfehlen Sie, um gegenzusteuern?

I m Grunde ist alles gut, was den negativen Stress reduziert und das Immunsystem stärkt. Erlaubt ist ja weiterhin, sich alleine oder mit einem Familienangehörigen in der Natur an der frischen Luft zu bewegen, wo man ja auch kaum jemandem begegnet. Insofern ist dies gesund und sicher, reduziert den Stress-Level, hilft auf andere Gedanken zu kommen und verbessert die Lungenfunktion. Mit dem Sonnenlicht wird Vitamin D produziert, was das Immunsystem stärkt (kann zusätzlich als Tablette eingenommen werden).

Sich zu Hause im Familienkreis in den Arm zu nehmen und Körperkontakt zu pflegen, führt zu Oxytocin-Ausschüttung (Kuschelhormon), was das Stresshormon reduziert und die Stimmung verbessert. Wenn man zusammenlebt, lässt es sich ja eh nicht vermeiden, sich gegenseitig anzustecken, insofern kann man das ruhig tun.

Wer jetzt mehr Zeit hat durch Kurzarbeit oder Homeoffice kann sich überlegen, etwas zu tun, wofür sonst nicht so viel Zeit bleibt: ein Buch lesen, ein Musikinstrument spielen, sich gegenseitig eine Massage geben, mit den Kindern spielen, sich mit dem Haustier beschäftigen - das ist allemal besser, als sich den ganzen Tag mit Corona zu beschäftigen, was nur den negativen Stress verstärkt. Einmal am Tag reicht doch vollkommen aus.

Denn der Mensch tut sich sehr schwer, Risiken richtig einzuschätzen. Das Hirn glaubt, je mehr Angst ich habe, desto gefährlicher ist das Problem. Man sollte also alles unterlassen, was dazu beiträgt, dass man sich hineinsteigert. Besonders gefährlich ist da das Internet.

Wie lange hält ein Mensch (im Durchschnitt) so eine Situation aus?

Die meisten Menschen dürften psychisch stabil genug sein, so eine Situation einige Monate auszuhalten (auch wenn sie für uns ziemlich ungewohnt ist), solange sie darin einen Sinn sehen und die Grundversorgung sichergestellt ist.

In Kriegsgebieten und von Hungersnöten heimgesuchten Regionen haben die Menschen wesentlich gravierendere Probleme und müssen damit oft jahrelang irgendwie zurechtkommen. Sich dies vor Augen zu halten, kann helfen, die Situation etwas zu relativieren.

Für die Menschen, die durch die Maßnahmen beruflich und wirtschaftlich existenziell bedroht werden, wird es natürlich immer schlimmer, je länger das ganze dauert. Für die ist es eine große Herausforderung, damit klarzukommen und im günstigen Fall Chancen für einen Neuanfang zu erkennen.

Wer dem Ganzen etwas Positives abgewinnen kann - die Luftverschmutzung wird ja zum Beispiel weniger- , für den spielt die Dauer dieser Ausnahmesituation keine so große Rolle.

Das Interview führte

Heike Paulus