Sebastian Schanz

Alejandro Gonzalez Annaiz wurde in einer Facebook-Gruppe angeschrieben. Wenige Monate später steht der spanische Ingenieur mit Kittel und elektrostatischen Sicherheitsstreifen an den Schuhen in der LED-Bestückungshalle des Bamberger Automobilzulieferers Antolin. Die Werkleitung setzt große Hoffnungen in die Verstärkung aus Spanien - denn der Fachkräftemangel bremst das Wachstum des Technik-Unternehmens.
"Es dauert meistens sehr lange, die passenden Arbeitskräfte zu finden", berichtet Technikdirektor Markus Daubner. Die Situation in der Region sei sehr gut - die Konkurrenz um die Fachkräfte entsprechend groß. Allein in der Region Oberfranken fehlen laut Industrie- und Handelskammer in Bayreuth derzeit rund 18 000 Fachkräfte in Industrie, Handwerk, Handel und Dienstleistungen. "2008 oder 2009 war es einfach, Leute zu bekommen. Heute bewerben sich die Firmen bei den Absolventen", sagt Daubner.
Die Jagd nach klugen Köpfen hat ihr Revier deshalb über Landesgrenzen hinweg vergrößert: Als spanische Unternehmensgruppe mit 28 000 Beschäftigten weltweit hat Antolin einen gewissen Namen in der Region um den Stammsitz Burgos - der Heimat von Annaiz und seinen beiden Kollegen, die vor einer Woche in Bamberg begonnen haben.


27 Prozent Arbeitslose in Spanien

Dort stehen im Vergleich zu Deutschland die Verhältnisse auf dem Kopf: mit einer Arbeitslosenrate von zuletzt 27 Prozent. "In Spanien ist es schwierig, einen guten Job zu finden", sagt Annaiz. "Du findest zwar etwas, aber du findest keine passende Stelle für deine Qualifikation", bestätigt Kollege Sergio Fernandez Martinez (32).
Mit Ivan Diez Garcia sind die drei die ersten spanischen Ingenieure, die beim neuen Trainee-Programm bei Antolin teilnehmen. Mit Mentoren an ihrer Seite und zusätzlichem Deutschunterricht durchlaufen die drei alle Abteilungen des Bamberger Standortes. "Ziel ist es, dass wir sie am Ende fest in unsere Entwicklung integrieren können", sagt Personalerin Ute Knauer. "Wir wollen sie dauerhaft hier halten", sagt Technikdirektor Daubner. Nicht schlecht nach einer Woche in Bamberg.
Um den Druck - oder besser Unterdruck - zu verstehen, unter dem das Unternehmen steht, lohnt ein Blick auf die Zahlen: Im Januar 2017 hatte Antolin in Bamberg 281 Mitarbeiter beschäftigt. Im Mai 2018 waren es schon 434. "Wir sind viel zu schnell gewachsen. Das führt zu Problemen. Wir platzen aus allen Nähten", berichtet Knauer. Das Werk ist platz- und organisationstechnisch an seine Grenzen angelangt.Die Logistik sowieso.
Als Befreiungsschlag soll ein Umzug wirken: Antonin zieht von der Kirschäcker- in die Kronacher Straße um. Nach dem Wechsel des Daten-Dienstleisters Swiss Post Solutions an das Börstig verlegen Arbeiter in der 23 000 Quadratmeter großen Halle gerade den elektrostatischen Schutzboden für die Maschinen des spanischen Automobilzulieferers.
"Wir entwickeln und produzieren alles, was im Fahrzeug Licht spendet", erklärt Knauer. "Die Nachfrage ist groß." Größter Kunde ist VW, gefolgt von BMW und Daimler: In Zeiten von LED gibt es in den Wagen bald kaum mehr eine Stelle, die nicht von einem direkten oder indirekten Licht illuminiert wird. Von der Handyablage bis zur Türverkleidung: Rund 120 Lichtquellen sind in einem einzigen Fahrzeug verbaut. Dank Antolin funkelt in manchem Rolls-Royce sogar ein Sternenhimmel unter der Dachverkleidung. Lighting heißt dieser Geschäftsbereich - zwölf Prozent der Mitarbeiter sitzen in Bamberg. 75 Millionen Euro Umsatz hat die Bamberger Tochter 2017 erwirtschaftet, 2018 sollen es schon über 100 werden.
Die Nachfrage macht Antolin zu einem der am schnellsten wachsenden Unternehmen in Bamberg. 1967 als "Albrecht W. GmbH & Co.KG" gestartet, wurde die Vorgänger-Firma 1996 ein Teil der CML-Gruppe, ehe der spanische Riese Antolin das Unternehmen 2011 aufkaufte. "Unser Hauptquartier ist in Spanien. Die Kommunikation läuft hauptsächlich auf Englisch, manchmal aber auch auf Spanisch. Unser Trainee-Programm hat also Vorteile für alle Seiten", meint Knauer.


Hohe Fluktuationsrate

Heimische Unternehmen müssen nach Lösungen suchen, wie sie dem Fachkräftemangel begegnen. Eine Entspannung bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern sei nicht abzusehen, erklärt IHK-Sprecherin Verena Bartels. Bei Beschäftigten, die aus dem Ausland kommen, müssen sprachliche Barrieren und kulturelle Anpassungsschwierigkeiten überwunden werden. Bei Spaniern hat die IHK die Erfahrung gemacht, dass es relativ viele wieder in ihre Heimat zurückzieht. "Die Fluktuationsrate beziehungsweise Rückkehrbereitschaft dieser Gruppe konnte unter anderem auf die fehlenden familiären Bindungen in Deutschland zurückgeführt werden." Wie es mit den drei Ingenieuren bei Antolin weitergeht, wird die Zukunft zeigen. Ihr erster Eindruck von Bamberg ist "sehr gut". Sie haben bereits begonnen, die Stadt zu erkunden. Insbesondere die Brauereidichte hat einen positiven Eindruck hinterlassen.