Die Vorlesungszeit ist vorbei und damit neigt sich auch ein Semester voller Herausforderungen und Turbulenzen dem Ende zu. Die Corona-Pandemie hatte und hat auch die Universität Bamberg fest im Griff. Grund genug, um mit Prof. Dr. Frithjof Grell, Vizepräsident Lehre und Studierende, im Interview auf ein besonderes Semester zurückzublicken und einen Ausblick auf das Wintersemester 2020/21 zu wagen.

Was war die größte Herausforderung für die Universität im Sommersemester 2020?

Frithjof Grell: Herausforderungen gab sehr viele. Primär galt es, die "Universitas" in ihrem eigentlichen Wortsinn, also die Gemeinschaft der Lehrenden und Studierenden untereinander, aber auch miteinander, zu gewährleisten. Lehre ist nicht nur reine Informationsvermittlung und die Online-Formate können trotz der vielfältigen Möglichkeiten diesen persönlichen Austausch, durch den eine Lerngemeinschaft erst entsteht, teilweise nicht transportieren.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Eine herausfordernde Aufgabe war die spontane Umstellung der Lehre auf Online-Formate. Das Rechenzentrum der Universität hat hier tolle Arbeit geleistet und neben technischer auch didaktische Unterstützung angeboten. Der Universitätsleitung war es ein Anliegen, das Studium weiterhin zu ermöglichen und das Sommersemester nicht zu einem "Nullsemester" werden zu lassen. Dafür haben wir uns vehement auch gegenüber dem Ministerium eingesetzt, sodass ein "Bamberger Weg" entstanden ist: dem universitären Bildungsauftrag nachkommen, solange wir können und im Rahmen dessen, was möglich ist. Damit ging unter anderem einher, schnellstmöglich die Teilbibliotheken wieder zu öffnen sowie dort, wo unbedingt nötig, Präsenzveranstaltungen und Prüfungen zu ermöglichen.

Was tut die Universitätsleitung dafür, die Lehre langsam wieder in die Präsenz zurückzuholen?

Seit den bayernweiten Lockerungen sind Präsenzveranstaltungen grundsätzlich wieder möglich. Dafür haben wir ein Genehmigungsverfahren und ein Hygienekonzept entwickelt. Beides ist sehr aufwändig umzusetzen, funktioniert bisher aber gut. Die Beantragungen gehen inzwischen in die Hunderte. Auch die Prüfungen mussten alle beantragt und teilweise zentral koordiniert werden, um ein Chaos zu vermeiden und vor allem, um einen optimalen Gesundheitsschutz für Studierende und Beschäftigte zu gewährleisten.

Welche Lehren ziehen Sie aus dem Sommersemester?

Einerseits ist mir bewusst geworden, wie viel Online-Lehre leisten kann, sofern man als Lehrender didaktisch und technisch ausreichend geschult ist. Vor allem in Fachdisziplinen und Veranstaltungsformaten, in denen es primär auf den wechselseitigen Austausch der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ankommt, kann sie die Präsenzlehre wohl nicht ersetzen. Außerdem ist deutlich geworden, wie gut die Zusammenarbeit auf verschiedenen Ebenen der Universität unter schwierigen Bedingungen funktioniert. Das war für mich eine der positivsten Erfahrungen in diesem Semester.

Was genau bedeutet die Bezeichnung "Hybrid-Semester"?

Es wird im kommenden Wintersemester darum gehen, eine Balance zwischen Präsenz- und Online-Lehre zu finden und dabei situationsangemessen zu handeln. Der Name, den man dem Ganzen gibt, ist dabei nicht ausschlaggebend. Er soll jedoch ein Signal dafür sein, was wir für das Wintersemester wollen. Was wir letztendlich können, ist von der Situation abhängig: Werden die bayernweit bestehenden Regelungen aufrechterhalten? Gibt es eine Verschärfung? Gib es eine Lockerung? Die größte Herausforderung ist dabei die Unsicherheit.

Was bedeutet das konkret? Was ändert sich im Vergleich zum Sommersemester 2020?

Veranstaltungen können laut Beschluss der bayerischen Staatsregierung vom 28. Juli 2020 grundsätzlich unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregelungen wieder in Präsenz durchgeführt werden. Vorlesungen mit bis zu 200 Teilnehmenden werden wieder erlaubt sein. Faktisch ist das in Bamberg aufgrund der räumlichen Kapazitäten nicht umsetzbar. Selbst wenn wir 200 Leute den Vorschriften gemäß in einem ausreichend großen Raum - den es nicht gibt - unterbringen könnten, wären wir nicht in der Lage, die Situation außerhalb des Raumes so zu kontrollieren, dass der Infektionsschutz für alle gewährleistet wäre. An den anderen bayerischen Universitäten stellt sich die Situation im Übrigen genauso dar. Derzeit gehen wir davon aus, dass die Räume nur von einem Viertel der sonst üblichen Teilnehmerzahlen genutzt werden können. Je nach Raumgröße können kleinere Veranstaltungen in Präsenzform durchgeführt werden, sofern die Hygiene- und weitere Vorschriften eingehalten werden. Auch eine Mischung von Präsenzphasen und Online-Phasen ist denkbar.

Wie wird trotz der Lockerungen gewährleistet, dass das Infektionsrisiko geringgehalten wird?

Lockerungen können nur soweit zugelassen werden, wie sie vertretbar sind, was das Infektionsrisiko angeht. Bei allem, was in Präsenzform stattfindet, müssen selbstverständlich die allgemeinen Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten werden. Außerdem muss es möglich sein, Infektionsketten gegebenenfalls nachzuvollziehen. Das bedeutet, dass Teilnehmerlisten geführt werden müssen, ohne die Freiheit der Studierenden, an einer Veranstaltung teilzunehmen oder nicht teilzunehmen, einzuschränken. Auch daran wird gerade gearbeitet.

Was denken Sie, wie lange das Thema "Corona" die Universität noch beschäftigen wird?

Das Thema wird uns unmittelbar noch so lange beschäftigen, bis es einen Impfstoff gibt. Aber auch danach werden wir nicht wieder einfach zur Tagesordnung übergehen können, und ich meine das durchaus positiv. Wir haben im vergangenen Semester Erfahrungen gemacht, die wir in der Zukunft nutzen sollten. Zum Beispiel hat sich bereits herausgestellt, dass Online-Formate doch mehr können, als man gemeinhin glaubte, aber doch auch nicht so viel, wie sich einige davon versprochen haben. Überhaupt hat das "Corona-Semester" das Thema der Lehre wieder sehr viel stärker in den Fokus gerückt. Den beiden Grundfragen universitärer Lehre "Wie kann ich vermitteln, was ich vermitteln möchte?" und "Was möchte ich meinen Studierenden, auch über die Fachinhalte hinaus, eigentlich vermitteln?" kann nach diesem Semester niemand mehr ausweichen. Es geht dabei nicht nur um hochschuldidaktische Fragen, sondern letzten Endes um unser Selbstverständnis als Ort universitärer Bildung. In dieser gewachsenen Aufmerksamkeit sehe ich eine große Herausforderung für die Zukunft, aber auch eine enorme Chance für unsere Universität. Das Interview führte Hannah Fischer.