Jurist hätte er werden sollen, er wollte hauptamtlich in die Jugendarbeit, Präsident einer Universität wurde er schließlich - Godehard Ruppert, Deutschlands dienstältester Uni-Präsident. Der Bamberger Universität hat er in seiner über 20-jährigen Präsidentschaft seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Das Ergebnis: Die Hochschule erhielt neue Strukturen, das wissenschaftliche Personal wurde weiblicher, und der Anteil an Drittmitteln für die Uni stieg von 2,5 auf über 40 Millionen Euro. Herr Ruppert, Sie haben Philosophie, katholische Theologie, Pädagogik und Publizistik studiert. Als was fühlen Sie sich von der Ausbildung her - als Theologe oder als Pädagoge? Godehard Ruppert: Ich habe zuerst Theologie studiert, und da gehörte Philosophie als verpflichtender Bestandteil dazu. Pädagogik wollte ich zusätzlich studieren.

Warum?

Das hat was mit meiner Biografie zu tun. Ich kam aus der katholischen Jugendarbeit. Das war der Hintergrund. Familiär hätte ich Jura studieren sollen. Das habe ich aus Gründen der familiären Emanzipation nicht gemacht. Ich wollte hauptamtlich in die Jugendarbeit gehen, deshalb noch das Pädagogikstudium.

Studiert haben Sie im Westen und Norden Deutschlands, promoviert allerdings in Würzburg. Wie kamen Sie nach Bamberg?

Das war reiner Zufall. Ich wollte nach dem Studium hauptamtlich in den Bereich der Jugendarbeit gehen. Da gab es Schwierigkeiten, so habe ich das Angebot wahrgenommen, in die Wissenschaft zu gehen. Und wenn Sie in der Wissenschaft tätig sind, müssen Sie die Stellen nehmen, die ausgeschrieben sind. Ich hätte nach Kiel oder nach Bamberg gehen können. In Kiel konnte man zwar besser segeln, in Bamberg dafür besser arbeiten, also gingen wir nach Bamberg.

1991 übernahmen Sie den Lehrstuhl für Religionspädagogik in Bamberg, nur wenige Jahre später wurden Sie bereits Prorektor der Universität. Wie konnte das so schnell gehen?

Als ich 1996 gewählt wurde, standen im Wechsel der Fakultäten bei der Besetzung der Vizeposten gerade die Theologen und die Sozialarbeiter an. Der damalige Rektor Hierold wollte an sich meinen Vorgänger als Dekan der Theologen berücksichtigen. Der zögerte allerdings mit seiner Entscheidung. Deshalb fragte mich Hierold, ob ich im Falle seiner Absage zur Kandidatur bereit wäre. So kam ich dann recht schnell mit in die Universitätsleitung.

Drei Jahre später wurden Sie zum Rektor gewählt. Seither hat die Universität Bamberg auch mit Blick auf die Studentenzahl eine rasante Entwicklung genommen. Auffällig auch, dass sich der Anteil der Professorinnen in den letzten 20 Jahren von 13,6 auf 33,3 Prozent mehr als verdoppelt hat. Zufall oder Absicht?

Zufall ist das nicht. Das hat biografische Hintergründe. Meine Mutter war eine starke Persönlichkeit, die mich sehr geprägt hat. Sie musste während der NS-Herrschaft und nach dem Krieg mehrfach sehr schwierige berufliche Situationen bestehen. Da wachsen Sie mit einem anderen Frauenbild auf als die meisten meiner Generation und wissen, wie wichtig berufliche Gleichstellung für die Gesellschaft ist.

Der hohe Professorinnen-Anteil in Bamberg bedeutet also einen typischen Ruppert-Stempel?

Schauen Sie sich die Zahlen an: Bayernweit liegt der Anteil an Professorinnen bei 19 Prozent, bei uns bei einem Drittel. Wir haben den weitaus höchsten Frauenanteil in ganz Bayern.

Sie verpassten der Universität eine Strukturreform. Warum diese Reform?

Da ging es vor allem um die Finanzen. Edmund Stoiber fuhr nach seinem Erfolg bei der Landtagswahl 2005 einen harten Sparkurs. Die Präsidenten aller bayerischen Universitäten einigten sich deshalb auf eine Grundlinie, die vorsah, Einsparungen so vorzunehmen, dass sie nicht zu einem Verlust wissenschaftlicher Qualität führten. Zu erreichen war das nur durch Verlagerung und Konzentration einzelner Fachrichtungen. Das haben wir auch in Bamberg gemacht, sogar radikaler als andernorts. Wir haben ungefähr ein Drittel aller Professuren umgewidmet: In ein anderes Fach oder einen anderen Fachteil. Sehen Sie: Die Bamberger Hochschule war nach ihrer Wiedergründung hochgezogen für die Lehrerbildung, Priesterausbildung und Sozialwissenschaften. Das war von unten gewachsen und das passte alles nur halb zusammen. Ich wollte da durchkämmen: Da, wo wir gut waren, galt es zu stärken, und da, wo wir schwach waren, galt es zu sagen: "Das können andere besser." Was im Ergebnis dazu führte, dass Fachbereiche abgegeben wurden, dafür neue Professuren, zum Beispiel in Psychologie und Soziologie, dazukamen. Diese Umwidmungen haben letztlich der Universität sehr viel gebracht.

Wo steht Ihrer Meinung nach die Universität Bamberg heute?

Bei der letzten Runde der Exzellenzinitiative wurde ich im Ministerium gefragt, mit welchem Thema wir antreten würden. Ich habe nur geantwortet: Bildung. Da stieß sich der zuständige Minister an die Stirn und bemerkte nur: Blöde Frage. Genau das ist der Effekt, den Sie erzielen müssen. Dass jemand, der in der politischen Verantwortung steht, sofort weiß: Natürlich, Bamberg steht für Bildungsforschung. Das ist uns in vier Bereichen ganz stark gelungen, nämlich den empirischen Sozialwissenschaften, Denkmalwissenschaften, Mittelalter und auch Digitalisierung. Hinzu kommt, dass sich unser Drittmittelanteil in den letzten Jahren nahezu explosionsartig auf über 40 Millionen Euro erhöht hat.

2012 wollten Sie Vorsitzender der Hochschulrektorenkonferenz werden. Das hat nicht funktioniert. Warum?

Das war die einzige Wahl in meinem Leben, die ich verloren habe. Die HRK war stets in der Hand der großen Unis gewesen und Bayern spielte hier keine große Rolle. Nordrhein-Westfalen und Berlin waren meist tonangebend. Horst Hippler, der später auch gewählt wurde, hatte mich vorgeschlagen, sich dann aber von den großen Unis überreden lassen, selbst zu kandidieren. Die großen Unis verfügen halt über ein großes Stimmpotenzial in der HRK.

Den Exzellenzinitiativen als Leuchttürmen der Wissenschaft stehen Sie ja eher kritisch gegenüber. Wollen stattdessen die Unis lieber wetterfest machen. Was meinen Sie damit?

Leuchttürme werden heutzutage nur noch touristisch genutzt. Schon von daher mag ich diese Metapher nicht. Wir brauchen gute Leute, gar keine Frage. Wenn ich mir an einer Uni zwei oder drei Leuchttürme leiste, muss ich mich aber vorsehen, dass es andernorts nicht in die niedrigeren Dächer hineinregnet. Heißt: Die Finanzausstattung muss so beschaffen sein, dass ich mir nicht einige Leuchttürme leisten kann, sondern dass auch Qualität dort existiert, wo die Dächer niedriger sind.

Stichwort Corona: Wie wird das Virus Ihrer Meinung nach die praktische Arbeit unserer Universitäten verändern?

Ich hoffe in dem Punkt, dass Online-Lehre ernster genommen wird als Ergänzung zur Präsenz-Lehre. Was wir jetzt machen, ist eine absolute Notlösung, weil wir das als Ersatz machen. Was hoffentlich bleibt, ist die Übernahme von Online-Elementen auch in die Präsenzlehre. Das Gespräch führte

Klaus Angerstein