Dieses Jahr hat Spuren hinterlassen. Individualsport war zwar größtenteils möglich, doch viele Sportvereine kamen aus dem Tritt bei Ausbildung und Training. Wir sprechen mit der Bezirksvorsitzenden des Bayerischen Landes-Sportverbandes (BLSV) Monika Engelhardt aus Burgkunstadt darüber, wie sie selbst durchs Jahr kam und worin die Probleme für Sportvereine bestehen.

2020 ist ein besonderes Jahr. Vieles, was in den Jahren zuvor ganz alltäglich war, konnte heuer nicht stattfinden. Wie haben Sie die beiden Lockdowns bisher erlebt?

Ich glaube, so eine Situation haben wir alle noch nicht erlebt. Die letzte Pandemie war meines Wissens die Spanische Grippe gegen Ende des Ersten Weltkrieges. Unsere Generation ist da mit etwas für uns noch nie Dagewesenem konfrontiert worden. Es war schon ein stückweit gespenstisch, unwirklich und beängstigend, die leeren Straßen beim ersten Lockdown zu sehen, eingeschränkt zu werden. Eine Überschwemmung kann man sehen, ein gebrochenes Bein auch, aber ein Virus ist unsichtbar - das hat das Ganze so unreal gemacht.

Wir alle mussten von 100 auf null herunterfahren. Das war eine komplette Umstellung auf eine andere Art von Berufs- und Privatleben. Plötzlich hat man keine Termine und Verpflichtungen mehr, kein Hobby, das man mit anderen teilen kann. Ich selbst habe die Zeit genutzt - das Wort mag jetzt komisch klingen -, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten und längst Überfälliges zu erledigen. Ich habe außerdem einen großen Garten, der oft herhalten musste und wo ich mich ausgetobt habe. Schnippeln, graben, pflanzen, jäten... ging immer. Und ich hatte den Vorteil, trotz Ausgangsbeschränkungen jederzeit draußen sein zu können.

Der zweite Lockdown war angesichts der Ansteckungszahlen unvermeidlich und absehbar. Und digitale Formate von Sitzungen, Video- und Telefonkonferenzen, Home-office und andere Neuerungen, die wir seit dem Frühjahr hatten, sind für uns schon gängig geworden. Obwohl kein Format die persönliche Begegnung und das persönliche Gespräch in Mimik, Gestik und Emotionen ersetzen kann.

Mittlerweile haben wir uns an die Alltagsmasken gewöhnt, mit Einschränkungen lernt man umzugehen. Natürlich in der Hoffnung und der Zuversicht, dass wir alle irgendwann wieder ein normales Leben mit allen Freiheiten haben werden.

Wie halten Sie sich fit? Viele Sportstätten mussten ja geschlossen werden. Haben Sie einen Hometrainer im Keller, gehen Sie in Wald und Flur joggen oder ernähren Sie sich einfach nur bewusster?

Ich habe tatsächlich einen Hometrainer in meinem Arbeitszimmer, genauer gesagt sogar mehrere Sportgeräte: Allein durch meine Einsätze als Referentin für Übungsleiterfort-bildungen hat sich da über die Zeit einiges angesammelt: Vom Theraband über Igelbälle, Gewichtsmanschetten und Kleinhanteln, über Redondoball, Staby, Faszienrolle und Elastiband. Quasi privat habe ich dann noch einen Elliptical-trainer und ganz neu einen richtigen Profi-Stepper.

Aber ehrlich gesagt lasse ich auch manchmal meinen inneren Schweinehund die Oberhand gewinnen und bin faul. Andererseits freut man sich nach einer kompletten Woche mit abendlichen Digitalsitzungen bzw. Videokonferenzen schon auf Bewegung, das tut dann gut, da hab ich richtig das Bedürfnis, mich auszupowern.

An meiner Ernährung habe ich wegen Corona nichts geändert. Dass trotzdem ein wenig mehr Hüftgold gewachsen ist, liegt eher an den fehlenden festen Trainingsterminen im Verein und bei meinen Sportkursen - und dann kommt kalorientechnisch ja Weihnachten erst noch mit den vielen Verlockungen...

Was raten Sie unseren Leser, von denen heuer viele im Home-office saßen und sich selbst eingestehen, dass sie sich zu wenig sportlich betätigt haben?

Kurz und prägnant: Hoch den Hintern! Die Ausrede, keine Sportgeräte zu Hause zu haben, zählt nicht. Man kann mit dem eigenen Körpergewicht trainieren. Und Platzmangel als Ausrede lass ich auch nicht gelten. Man braucht keinen separaten Trainingsraum, ein wenig Muskelkräftigung kann ich überall machen, auch im Wohnzimmer vor dem Fernseher.

Und warum nicht am Schreibtisch des Home-office-Arbeitsplatzes ein paar Übungen machen? Außerdem ist Outdoor-Sport ja nicht verboten - also raus an die Luft!

Wie ist die Situation zur Zeit bei den Vereinen am Obermain? Gibt es genügend Nachwuchs, oder ist schon jetzt eine Delle in der Mitgliederstatistik zu verzeichnen?

Viele Vereine fürchten natürlich den Austritt von Mitgliedern - und das trifft auch den kompletten BLSV. Aktuell sind bayernweit bereits über 80 000 Austritte registriert, weitere Kündigungen zum Jahreswechsel sind schon abzusehen. Wir rechnen mit über 100 000 Austritten. Das war - leider - zu erwarten. Nach der erneuten Schließung der Sportstätten und dem Ausfall von Gruppen- und Vereinssport überlegen manche Vereinsmitglieder schon, sich den Beitrag zu sparen. Menschen, die zum Beispiel von Kurzarbeit betroffen sind, schauen freilich drauf, wo sie Geld einsparen können. Andere haben - zwangsläufig - den Individualsport für sich entdeckt und entdecken müssen. Ich mache ja auch zuhause etwas Training. Dennoch fehlt einem die sportliche Gemeinschaft, das soziale Miteinander, die Gruppendynamik, der Austausch, der gegenseitige Ansporn, das Mitziehen, der Teamgeist - das können auch noch so viele Sportvideos oder häusliche Trainingseinheiten nicht ersetzen. Ein Verein ist mehr als die Summe seiner Abteilungen!

Die Vereine trifft die Pandemie insgesamt sehr hart. Es brechen Einnahmen aus Veranstaltungen und von Sponsoren weg, Rücklagen gibt es kaum - sie sind auch nicht das Hauptziel eines gemeinnützigen Vereines. Wenn jetzt noch Mitgliedsbeiträge fehlen, werden manche Vereine schon mit dem Überleben zu kämpfen haben.

Andererseits habe ich doch die Hoffnung, dass die Mitglieder - und ich denke, dass man da schon einen Unterschied zu Stadt und Land sehen kann - gerade bei uns in Oberfranken ihrem Verein treu bleiben. Für mich ist die Pandemie kein Grund, meinen Verein im Stich zu lassen. Der Verein trägt ja keine Schuld. Im Gegenteil: Ich kenne viele Vereine, die während des ersten Lockdowns den Kontakt zu ihren Mitgliedern gehalten haben - vor allem auch zu den älteren Mitgliedern, die besonders ausgegrenzt und isoliert waren. Da gab es gedruckte Übungsideen im Briefkasten, Online-Videos, Telefonkontakte - ganz viele kreative Ideen. Sogar Einkaufshilfen wurden organisiert. Andere Vereine haben teilweise auf den Mitgliedsbeitrag verzichtet, da sie das Angebot zum Sporttreiben nicht halten konnten.

Bei den ersten Lockerungen haben unsere Vereine dann maßgeschneiderte und vorbildliche Hygienekonzepte erarbeitet und sich wirklich enorm bemüht, Sport zu ermöglichen. Deswegen sollten wir erst recht zusammenhalten und zu unserem Verein stehen!

Haben Sie Rückmeldungen von Trainern und Sportlehrern über die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen? Fehlt die Zeit, um Mannschaften heranzubilden und um Schülern aufzuzeigen, wie wichtig Ausgleichssport ist?

Der fehlende Sport für Kinder und Jugendliche wird noch fatale Folgen nach sich ziehen. Mit der Schließung der Sportstätten für den Breitensport bleibt den jungen Leuten im Moment nur noch der Schulsport - und der ist meist das erste, was gestrichen wird, wenn Lehrer knapp werden und Unterricht ausfallen muss. Aber dadurch macht man eine Spirale nach unten auf, einen Teufelskreis. Durchs Homeschooling wurden unsere Kinder schon zur Untätigkeit gezwungen; Medienkonsum statt Bewegung war angesagt. Sicher, der Unterricht konnte teilweise nur in dieser Weise stattfinden, aber unseren Kindern bricht dadurch eine feste Struktur weg. Sport ist nicht nur körperliche Betätigung, sondern Bildungsarbeit und Persönlichkeitsformung: Die Kinder lernen Teamfähigkeit, Zusammenhalt, Fairplay, Rücksichtnahme, Geduld, Engagement, Anpassung, sie lernen mit Siegen und Niederlagen umzugehen. Und nicht zuletzt werden die Kinder und Jugendlichen zu Ehrenamtlern von morgen, die sich in der Abteilungs- und/oder Vereinsführung engagieren. Das alles droht wegzufallen. Wir nehmen unseren Kindern dadurch ein Stück persönliche Entwicklung. Ich fürchte, dass uns da in der Zukunft ganze Jahrgänge wegbrechen.

Gleichwohl bin ich ein positiver Mensch, der hofft, dass die Politik baldmöglichst die Turnhallen für den Breitensport wieder öffnet - öffnen muss! - und sich die Kinder und Jugendlichen endlich wieder mit ihren Freund/innen und Mannschaftskamerad/innen treffen können. Und genau da möchte ich unseren BLSV-Präsidenten Jörg Ammon zitieren: "Sport ist ein Teil der Lösung, nicht ein Teil des Problems".

Das Gespräch führte

Matthias Einwag.