Mesut Özil ist kein Mann großer Worte, spricht er doch einmal vor Kameras, flüchtet er sich in Worthülsen. Man weiß nicht, wer dieser Mann ist, wie er tickt und was er fühlen könnte. Aussagekräftige Statements des nun Ex-Nationalspielers gab es bislang nicht. Bis Sonntagabend. Da verschickte der 29-Jährige über Twitter ein mehrseitiges Communique, gespickt mit Frontalangriffen gegen DFB, Medien, Politik und Gesellschaft. Und verbunden mit seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft. Ein Statement, das Wellen schlägt, und die Frage aufwirft, wie weit es mit der Integration in Deutschland tatsächlich ist.
Unsere Zeitung hat sich bei Fußballern und Trainern umgehört, die ihre Wurzeln ebenfalls in der Türkei haben. Die Antworten waren - wie nicht anders zu erwarten - sehr emotional und teilweise bemerkenswert.

Mehmet Ciray, der aktuelle Trainer des A-Klassisten DJK/FC Seßlach, bezieht eindeutig Stellung. Der langjährige Landes- und Bezirksoberligaspieler (beim TSV Scheuerfeld, DVV Coburg) coachte 2017 auch den SV Bosporus Coburg: "Ich finde die Entscheidung von Özil richtig und konsequent. Man hatte das Gefühl, der Junge hat die WM allein gespielt, was da an Kritik auf ihn gefallen ist. Mesut hat über Jahre hinweg unter enormem Druck gespielt, und - wie ich finde - zum Teil überragend. Einen Sportler so an die Wand zu nageln wegen eines Fotos, finde ich übertrieben. Wir sollten Sport und Politik trennen können. Immerhin sprechen wir über einen Spieler mit Migrationshintergrund, der 94. Länderspiele für Deutschland bestritten hat. Schlechte Leistungen können passieren und sind auch menschlich, aber bitte dann alle Nationalspieler gleich behandeln. Grindel, Bierhoff und Löw haben ja auch alle komplett versagt, vor allem in Sachen Krisenmanagement. Özil hat Rückgrat bewiesen, ich bin gespannt, ob diese Herren überhaupt ein Rückgrat haben."

Sinan Bulat, Spielertrainer des Kreisligaaufsteigers SV Türkgücü Neustadt, spielte viele Jahre in der Bayern- und Landesliga (VfL Frohnlach, TSV Mönchröden) und hat auf den Sportplätzen viele Erfahrungen gesammelt. Zum Fall Özil meint der in Kürze Vaterfreuden entgegensehende Neustadter: "Ehrlich gesagt, ist das ganze Theater um Özil schon sehr traurig. Aber ich kann seine Äußerungen nur teilen und respektieren. Er hat Großes für die deutsche Nationalmannschaft geleistet. Seit der Flüchtlingskrise hat sich der Blickwinkel gegen uns Deutsch-Türken sehr geändert. Rassismus und Intoleranz gegenüber Ausländern ist extrem gestiegen. Ich kann meine Frau zu manchen Auswärtsspielen gar nicht mehr mitnehmen. Ich vermisse die Zeiten beispielsweise vor zehn bis 15 Jahren. In den letzten Jahren nimmt die Politik großen Einfluss auf den Fußball, was meiner Meinung nach total falsch und unverständlich ist. Ich werde auf jeden Fall bei Auswärtsspielen strikt gegen ausländerfeindlichen Aussagen vorgehen und falls nötig, meine Mannschaft auch zurückziehen. Sowas geht gar nicht. Das Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken hat super funktioniert, dass nun durch die Politik alles zerstört wird, ist sehr schmerzhaft." tsc/oph

Alper Yürük, einer der besten Schiedsrichter im Spielkreis 2 und seit dieser Saison auch Spielertrainer beim FC Hirschfeld in der Kreiklasse 4, kickte jahrelang für den ASV Kleintettau in der Kreis- und Bezirksliga. Zuvor stand er auch für den SV Friesen in der Landesliga auf dem Rasen. Zum Thema Mesut Özil äußert er sich so: "Eigentlich bin ich ja kein Politik-Fan, aber das Thema habe ich verfolgt, weil es mich interessiert hat. Ich denke, Mesut und Ilkay hätten professioneller handeln müssen, was das Bild mit Erdogan angeht, weil gerade sie bei der Nationalmannschaft spielen. Dass Mesut aus der Nationalmannschaft zurücktritt, war mir eigentlich klar und ist auch die richtige Entscheidung. Einen Sündenbock zu suchen, weil die Nationalmannschaft keinen Erfolg bei der WM gehabt hat, finde ich absolut nicht fair. Klar hätten die zwei das mit dem Bild überdenken müssen, aber jetzt nach der WM einen Schuldigen zu suchen ist nicht in Ordnung. Wäre Deutschland jetzt Weltmeister, würde keiner über das Thema mehr reden."