Als Ausgangspunkt für ihr Stück wählte die Theatergruppe Joseph von Eichendorffs Gedicht „Die zwei Gesellen“ aus dem Jahr 1818. Doch wer eine angestaubte Romantik-Adaption erwartete, wurde schnell eines Besseren belehrt.
Das Motiv der zwei Handwerksburschen, die zunächst gemeinsam ins Freie ziehen und dann völlig unterschiedliche Wege einschlagen, übertrugen die Schüler geschickt mit selbst geschriebenen Texten in die Gegenwart.
Werdegang unterschiedlich
Im Zentrum der Handlung steht ein Geschwisterpaar, deren Wege nach dem Schulabschluss nicht unterschiedlicher sein könnten und in deren Welt sich viele der Jugendlichen wiederfinden könnten: Andreas (Paul Hüttemann) entscheidet sich für die vermeintliche Sicherheit und gesellschaftliche Norm. Er macht Karriere in einer Firma, heiratet, baut ein Haus und gründet eine Familie. Toni (Sophie Herold) hingegen zieht es in die Ferne. Sie reist durch die Welt, knüpft unzählige Bekanntschaften, lässt sich treiben und lebt für den Moment und die Kunst.
Mit einer gelungenen Mischung aus alltäglichen Situationen, stimmungsvoller Musik und parallel laufenden Handlungen auf der Bühne wurden die Lebensentwürfe direkt gegenübergestellt.
Spannungsfeld Familie
Besonders authentisch wirkte das immer wiederkehrende Element des familiären Spannungsfelds: Beide Geschwister müssen sich am heimischen Esstisch oder bei Familientreffen für ihre Lebensentscheidungen rechtfertigen und geraten unabhängig ihrer Entscheidungen in Momente des Hinterfragens ihrer Lebenssituationen. Dabei bewiesen die jungen Darstellenden auch ein waches Bewusstsein für aktuelle soziale und politische Konflikte, die geschickt eingewoben wurden.
Glücklich mit Entscheidung?
Der emotionale und erzählerische Wendepunkt des Stücks führte schließlich zur zentralen Kernfrage: Ist man am Ende wirklich glücklich mit seinen Entscheidungen geworden? Oder würde man die Zeit lieber zurückdrehen? Zweifel, einsetzende Selbstreflexion und der Mut aus dem eigenen Lebensentwurf auszubrechen – diese Perspektiven durften alle mitgedacht und miterlebt werden.
Die Gruppe unter der Leitung von Ulrike Deavin-Spindler hat gezeigt, dass klassische Literaturmotive auch für Jugendliche nahbar sein können und einen klugen und ehrlichen Spiegel der eigenen Gedankenwelt auch in der Gegenwart bieten.