Mit bewegenden Erinnerungen an Flucht, Verlust und Neuanfang war die Holocaust-Überlebende Mina Gampel zu Gast am Markgraf-Georg-Friedrich-Gymnasium. In der Aula sprachen die beiden vor 71 Schülerinnen und Schülern der 11. Jahrgangsstufe über Gampels Lebensgeschichte sowie darüber, was ihr in schwierigen Zeiten Kraft gegeben hat. Schulleiter Horst Pfadenhauer begrüßte die Zeitzeugin sowie die Buchautorin und Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair zu Beginn der von der Georg-von-Vollmar-Akademie geförderten Veranstaltung.

Mina Gampel bedankte sich herzlich für die Einladung und stellte sich den Jugendlichen vor. Die heute 86 Jahre alte Zeitzeugin wurde im damaligen Weißrussland geboren und blickt auf ein sehr bewegtes Leben zurück. Aus ihrem autobiografischen Buch „Meine vier Leben – Weißrussland, Polen, Israel und Deutschland“ las sie ausgewählte Passagen, die sie mit persönlichen Erläuterungen ergänzte. Begleitend wurden Fotografien aus verschiedenen Lebensphasen gezeigt, auf die sie immer wieder einging.

Beim Einmarsch der deutschen Wehrmacht sei ihre Familie überstürzt aus Weißrussland geflohen, erzählte Mina Gampel. Weil ihr Vater Fischer gewesen sei, habe die Familie zunächst mit einem Boot fliehen können. Es folgten Monate voller Unsicherheit, in denen sie mit Zügen, Fuhrwerken und anderen Transportmitteln unterwegs gewesen seien. Während der Flucht sei ihr Vater von der Roten Armee zwangsrekrutiert worden. Es sei ihm jedoch gelungen zu desertieren, sodass er glücklicherweise wieder zu seiner Familie zurückkehren konnte.

Besonders eindrucksvoll war ihre Schilderung eines Erlebnisses, das sie bis heute präge. Während der Flucht ging eines ihrer Geschwister auf einem Bahnhof verloren und konnte erst Wochen später wiedergefunden werden. Seitdem, erzählte sie den Schülerinnen und Schülern, sei sie grundsätzlich mindestens eine Stunde vor jeder Zugabfahrt am Bahnhof – aus Angst, eine Abfahrt zu verpassen. Drei ihrer Geschwister überlebten die Flucht nicht. Zwei starben an Typhus und Ruhr, ein weiterer Bruder wurde von einem deutschen Soldaten mit einem Stein erschlagen. Auch ihre Großeltern väterlicherseits wurden von deutschen Truppen ermordet.

Nach dem Krieg wollte sie zunächst in ihre Heimat zurückkehren. Dies war jedoch nicht möglich, weshalb sie im polnischen Stettin einen Neuanfang wagten. Dort erlebte Mina Gampel nach eigenen Worten eine ihrer schönsten Lebensphasen und lernte auch ihren späteren Ehemann Henek kennen. 1957 wanderte sie nach Israel aus, ehe sie auf Anregung ihres Bruders 1967 nach Deutschland kam – ein Schritt, der ihr angesichts der deutschen Vergangenheit zu-nächst schwerfiel.

Nach den Schilderungen ihrer Lebensgeschichte berichtete Mina Gampel schließlich davon, was ihr trotz aller Verluste immer wieder Kraft gegeben habe. Einen besonderen Platz nahmen dabei ihre persönlichen „Zehn Gebote“ ein – Lebensregeln, die sie über Jahrzehnte begleitet haben. „Dazu gehören unter anderem, niemals zu verbittern, den Mut nicht zu verlieren, Veränderungen anzunehmen und alles mit Liebe zu tun.“ Immer wieder betonte sie, dass ihr vor allem drei Dinge Kraft gegeben hätten: ihre Familie, ihr Freund Heinrich und die Kunst.

Seit 1979 widmet sie sich intensiv der Malerei, die sie von der Pike auf erlernte, und verarbeitet in ihren Werken häufig jüdische Motive und persönliche Erfahrungen. Die Kunst helfe ihr, Erlebtes auszudrücken.

Mit Sorge beobachte sie den zunehmenden Antisemi-tismus und die gesellschaftliche Radikalisierung. Umso wichtiger sei es, Haltung zu zeigen und sich für ein friedliches Miteinander einzusetzen.

In der anschließenden Fragerunde nutzten die Schülerinnen und Schüler die seltene Gelegenheit, einer Holocaust-Überlebenden persönliche Fragen zu stellen. Sie interessierten sich vor allem für die Flucht, den Alltag in Kirgisistan, den Verlust von Familienangehörigen und den Umgang mit diesem Schicksal sowie für die Bedeutung ihres Glaubens und die Rolle der Kunst bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse. Ebenso interessierte die Jugendlichen, wie Mina Gampel den zunehmenden Antisemitismus, den Aufstieg rechtsextremer Kräfte in Deutschland sowie den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis heute beurteilt.

Zum Abschluss stellte Birgit Mair ihre langjährige Arbeit mit Holocaust-Überlebenden vor. Dabei berichtete sie unter anderem von Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wie Charlotte Knobloch, Franz Rosenbach und Eva Franz und lud die Schülerinnen und Schüler zu einem weiteren Online-Zeitzeugengespräch mit dem Holocaust-Überlebenden Ernest Glaser ein.

Organisator Alexander Zeuß dankte beiden Referentinnen für ihren eindrucksvollen Besuch. In seinen Schlussworten betonte er, dass die Begegnung mit einer Holocaust-Überlebenden für die junge Generation ein besonderes Privileg sei. Zugleich erinnerte er die Schülerinnen und Schüler daran, dass sie künftig selbst Verantwortung dafür tragen, die Erinnerungen der letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen weiterzugeben und jeder Form von Antisemitismus, Geschichtsvergessenheit und Menschenfeindlichkeit entgegenzutreten.

Nach der offiziellen Verabschiedung nutzten viele Jugendliche die Gelegenheit, noch persönlich mit Mina Gampel ins Gespräch zu kommen.  Alexander Zeuß

Holocaust-Überlebende Mina Gampel (rechts) und Birgit Mair beim Zeitzeugengespräch am MGF.