Sie wuchsen in behüteten Verhältnissen auf und mussten dann während der Nazi-Diktatur Elend, Not , Vertreibung oder sogar den Tod erleiden – Am Sonntagnachmittag widmeten sich die Salonièren Silvia Guhr, Melanie Vogt und Angelika Ziegler jüdischen Dichterinnen , die die deutsche Kultur bereicherten. Im zum Frauenliteratursalon umgewandelten Café Kitsch ging es um Jüdisch-Sein, Exil und Gefangenschaft aber auch um Schönheit, Poesie, Liebe und Hoffnung in einer Mischung aus ernsten und heiteren Texten.

Ende in Ausschwitz

„Du siebzehnjähriges Mädchen , dem sie die Locken zerfetzt. Du junger armer Mensch, dem sie grausam die Rippen brechen. Verzweifeln will ich, will aufweinen, elend, verletzt. Und singen dem Vogel gleich, dem Nadeln das Auge stechen!“ – Gertrud Käthe Chodziesner (1894 - 1943) scheint in ihrem Gedicht „An die Gefangenen“ aus dem Jahre 1933 ihr eigenes Schicksal vorauszusehen. Geboren in Berlin, veröffentlicht sie 1917 ihren ersten Gedichtband unter dem Pseudonym Gertrud Kolmar. Während ihren Geschwistern die Flucht gelingt, bleibt sie ihrem Vater zuliebe in Deutschland. Ihr Todesurteil: 1943 wird sie nach Ausschwitz deportiert und ermordet.

Eine Reihe solch bedeutender deutschsprachiger Dichterinnen des 20. Jahrhunderts stellten die Salonièren in literarisch geformten Kurz-Portraits vor. Sie alle hinterließen große Wortwelten und diejenigen, die den Holocaust überlebten, setzten sich mit ihren Erfahrungen auseinander - so wie die Lyrikerin Rose Ausländer (1901 - 1988), geboren als Rosalie Beatrice Scherzer in Czernowitz. 1939 kommt sie in ihrer Heimatstadt erst in sowjetische Gefangenschaft ; später ins Ghetto. Sie überlebt in einem Kellerversteck. Die Einsamkeit, verursacht durch den Verlust der Heimat, ist eines ihrer zentralen Motive. In letzter Minute gelingt Nelly Sachs (1891 - 1970) 1940 die Ausreise nach Stockholm. Die Anordnung ihrer Deportierung ist schon geschrieben. 1965 - an ihrem 75. Geburtstag - wird sie mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. In ihrem anmutigen „Chor der Geretteten“ zeichnet sie die Nachkriegszeit aus der Perspektive geretteter KZ-Häftlinge, die in das normale Leben zurückkehren wollen; es aber aufgrund ihres Traumas kaum schaffen. Auch im „Chor der Steine“ gestaltet sie Bilder großer Verletzlichkeit.

„Ein alter Tibetteppich“ thematisiert die individuelle Liebeserfahrung zweier Menschen und die damit verbundene Vielfalt von Eindrücken und Gefühlen. Es wurde 1910 von Else - eigentlich Elisabeth - Lasker-Schüler (1869 - 1945) veröffentlicht. Mit ihrer tief gehenden skurril-fantasievollen Dichtkunst gilt sie als herausragende Vertreterin der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus in der Literatur. Am 22. Februar 2002 verstarb Hilde Domin , eigentlich Hilde Palm, im Alter von 96 Jahren in Heidelberg. In „Abel steh auf“ appelliert sie an Abel, das Opfer, wieder aufzustehen und dem Täter , Kain, eine zweite Chance zu geben. Bereits 1932 emigriert sie nach Italien. Von dort ins Exil nach England und in die Dominikanische Republik. Ihr Künstlername ist eine Ableitung aus dem Namen dieses Landes: Domin. 1954 kehrt sie nach Deutschland zurück.

Als „den schwersten Job, den ich je gemacht habe“, bezeichnete Hilde Marx (1911 - 1986) den Besuch ihrer alten Heimatstadt Bayreuth, während dessen sie eine Lesung in ihrer ehemaligen Schule gab. 1938 verließ sie Deutschland, ging erst nach Prag und kurz danach in die USA. Drei Gedichtbände veröffentlichte sie; keiner wurde ins Englische übersetzt. Am Sonntag waren unter anderem ihre süffisanten Liebesgedichte „Konsequenz einer enttäuschten Frau“ und „Wiedersehen nach Jahren“ zu hören.

Sie alle vor dem Vergessen zu bewahren, ist unser aller Aufgabe – und auch ein großes Anliegen von Silvia Guhr, Melanie Vogt und Angelika Ziegler, die feinfühlig-sensibel den Zugang zu den Werken eröffnen, den Worten Raum und Tiefe gaben.

Dass an diesem Tag der Humor nicht zu kurz kam, ist auch der Dichterin Mascha Kaléko (1907 – 1975) zu verdanken. 1938 emigriert sie in die USA, später lebt sie in Jerusalem und in der Schweiz. Eine eigentümliche Mischung aus Melancholie und Witz, steter Aktualität und politischer Schärfe macht ihre Texte so unwiderstehlich und zeitlos. Mit ihrem „Take it easy“ endete der Nachmittag.