„Jeeedermann!“ Das Stück vom Sterben des reichen Mannes ist in diesem Jahr Kern der Kronacher Rosenberg Festspiele . Das Bühnenspektakel, dessen Urfassung aus dem 16. Jahrhundert stammt, fasziniert das Publikum bis heute – und es ist aktueller denn je. Das hat viele Gründe.

Wenn der Jedermann, Hugo von Hofmannsthals reicher Mann, entdeckt, dass er nicht nur Geld, sondern auch Angst hat, dass er ein Wesen mit Herz und Seele ist, dann ist der Moment gekommen, in dem sein Erlösungstod naht. Diese Erkenntnis ereilt den Jedermann seit 100 Jahren in jedem Sommer vor dem Dom der Festspielstadt Salzburg – und in diesem Jahr auch erstmals in der Festspielstadt Kronach .

Der Tod kann jeden jederzeit treffen – das ist die Kernbotschaft der moralisierenden Urfassung. Die erste nachweisbare Ausgabe stammt aus dem Jahre 1529, die in England unter dem Titel „Every­man“ erschienen ist. In einer Zeit, in der die Schrecken des „Schwarzen Todes“ sicher noch nicht vergessen waren und andererseits das Aufblühen von Produktion und Handel aber auch die reformatorische Bewegung die Frage nach gültigen Werten aufwarf.

Im Jahr 1920, dem Jahr der Uraufführung des Jedermanns in der Fassung von Hugo von Hofmannsthal in Salzburg, waren die Schrecken des Ersten Weltkriegs noch sehr präsent und eine neue Pandemie, in Form der Spanischen Grippe, kostete Unzähligen das Leben. Der Autor schien begeistert von den mittelalterlichen Mysterienspielen, die dem Volk neben Unterhaltung eine gewisse moralische Erziehung mitgaben.

Der Inhalt des Stücks: Weil sich die Menschen von Gott abgewandt haben, will dieser ein Exempel statuieren und den reichen, ungläubigen Jedermann vor das göttliche Gericht zitieren. Jedermann liebt das pralle Leben, verprasst seinen Reichtum, arme Bittsteller verhöhnt er. Als der Tod kommt, um ihn zu holen, fleht er Gott um Gnade an und bereut sein ausschweifendes Leben. Er durchläuft eine Reihe von Prüfungen, in denen Freundschaft und Liebe und vor allem sein irdisches Werk und sein Glaube zentrale Rollen spielen. Jedermann stirbt. Doch durch Gottes Gnade kommt seine Seele in den Himmel.

Ein Archetypus

Der Jedermann steht für den Archetypus des Menschen, der im Angesicht des Todes sein Leben überdenkt und Fehler bereut. Für Anja Dechant-Sundby, die in diesem Jahr die künstlerische Leitung der Kronacher Rosenberg Festspiele übernommen hat, gibt es triftige Gründe, den Jedermann jetzt zu inszenieren: „In diesem Jahr ist uns allen bewusst geworden, wie schnell sich unser Leben wandeln kann, wie plötzlich Pläne und Lebensentwürfe über Bord geworfen werden müssen. Wir werden vor existenzielle Fragen gestellt: Wie will ich leben? Was ist mir wichtig? Welche moralische Richtschnur habe ich? Was passiert mit mir im Angesicht des Todes?“

Anja Dechant-Sundby weiter: „Der Tod wird in unserer Kultur, in der Jugend, Lifestyle, Schönheit die vorherrschenden Ideale sind, völlig verdrängt. Aber um ein bewusstes Leben zu führen, ist es wichtig, einen reflektierten Zugang zur Endlichkeit zu finden. Das sind Themen, die Menschen über alle Generationen und in allen Kulturen beschäftigen. Und deshalb ist der Jedermann immer aktuell – und vielleicht im Moment aktueller denn je.

Der Jedermann, das sind wir alle. Er zeigt den Menschen im Spannungsfeld zwischen Lebensdurst und Sinnsuche.

Das Stück entstand in einer Zeit des reformatorischen Aufbruchs. Kronach als Wiege des Malers Lucas Cranach d.Ä. und kongenialen Unterstützers Martin Luthers bietet dafür den passenden historischen Bezug und die perfekte Kulisse.“ Dechant-Sundby führt beim Jedermann auch Regie. Flößt ihr das Respekt ein? „Das ist eine großartige, künstlerische Herausforderung. Kerstin Löw, die als Tourismuschefin der Stadt Kronach die Festspiele verantwortet, hat ebenso wie ich ganz klar das große Potenzial gesehen, das dieses Stück in dieser Zeit bietet. Wir werden eine für den Festspielort Kronach angepasste und eigenständige Version entwickeln“, so Anja Dechant-Sundby. Nicht alles werde, wie von Hofmannsthal ersonnen, in Versform vorgetragen. Die erfahrene Theaterfrau wird der allegorischen Ausarbeitung der Figuren besonderes Augenmerk schenken. „Allegorien und reale Figuren spiegeln sich in diesem Stück. Um dies zu unterstreichen, werden wir beispielsweise Tod und Schuldknechts Weib, die Werke und die Mutter , den guten Gesell und den Teufel sowie Schuldknecht und Mammon in Doppelrollen besetzen.“

Uli Scherbel in der Hauptrolle

Für den Jedermann konnte Anja Dechant-Sundby den aus Kronach stammenden Musicaldarsteller und Schauspieler Uli Scherbel verpflichten. „Wir haben uns ganz bewusst nicht für einen alternden, gezeichneten Jedermann entschieden. Uli Scherbel verkörpert die Figur jung, schön und verführerisch. Sein Jedermann steht für das pralle Leben. Man nimmt ihm ab, dass er sich nur schwer vom Diesseits und den weltlichen Wonnen lösen kann. Das schafft Identifikation. Und genau das wollen wir ja erreichen. Wir wollen das Herz unserer Zuschauer berühren.“

Die Rolle der lebenslustigen Buhlschaft übernimmt die international tätige TV-, Film- und Theater-Schauspielerin Anne Scherliess. Auf kirchliche Anspielungen wird verzichtet. Es werde bei ihr auch keine Mönche oder Nonnen geben, so Dechant-Sundby. „Wir werden das Stück weiter fassen und unterschiedliche kulturelle Einflüsse einarbeiten.“

Trotz aller Moral biete das Stück in ihrer Bearbeitung auch hinreißend komische Szenen. Die künstlerische Leiterin setzt auf eine märchenhafte Inszenierung mit fantasievollen Kostümen und einem entsprechenden Bühnenbild. Dafür hat sie sich die Österreicherin Ruth Pulgram ins Team geholt. „Der Jedermann wird bei uns ein farbenprächtiges Bühnen-Spektakel, bei dem auch das Leben und das Feiern nicht zu kurz kommen. Schließlich soll das Publikum für gut zwei Stunden die derzeit schwierige Situation im Außen vergessen.“