Wilhelm* (Name geändert), 74, aus dem Kreis Coburg wurde vor über 60 Jahren im Kinderheim vom Direktor, einem katholischen Priester, missbraucht (wir berichteten). Die Vergewaltigungen schutzloser Jungen sind jedoch nur der Gipfel unfassbaren Leids, das den Kindern in den 50er und 60er Jahren dort in Kallmünz unter der Leitung des damaligen Direktors zugefügt wurde. Das Heim gibt es bis heute, der Priester ist auf dem örtlichen Friedhof beerdigt. Wie geht ein Ort mit solch einem Schandfleck in seiner Geschichte um?

"Abseits von den modernen Verkehrsstraßen, ferne vom Getriebe der Städte, durchflossen von der bräunlichen Naab und der grünlichen Vils, die von da geeint der Mutter Donau zustreben, liegt (...) der Flecken Kallmünz, so traulich in seiner unberührten Frische, so wunderschön in seiner hoch romantischen Umrahmung, dass er auf jeden Naturfreund, der sich dahin verirrt, einen einzigartigen zauberhaften Reiz ausübt." So steht es in dem Reiseführer "Kallmünz, die Perle des Naabtals", 1904 herausgegeben von Johann Baptist Laßleben. Der Heimatforscher lebte in dem Ort, und war zweifelsohne stolz darauf.

Daran hat sich 118 Jahre später bei den knapp 3000 Einheimischen nichts geändert. Ein aus der Zeit gefallener Ort in der Oberpfalz, 30 Kilometer vor den Toren Regensburgs, wo die Flüsse Vils und Naab zusammenfließen und dem Spaziergänger die Orthodoxie in Form von Jesusfiguren, Kreuzen und Marienskulpturen an jeder Ecke ins Gesicht springt. Die Kallmünzer sind stolz auf ihre sechs katholischen Kirchen, die alte Burgruine oben auf dem Schlossberg und ihr Marktrecht. 2008 schmückte Kallmünz die Titelseite des Reisemagazins GeoSaison, und bei gutem Wetter pilgern dutzende Touristen durch die verschlafenen Gassen. Postkartenidylle pur. Über den dunklen Teil Kallmünzer Geschichte steht nichts in den Reiseführern.

Bürgermeister Ulrich Brey, gebürtiger Kallmünzer, hat als Kind in den 70er Jahren mit den Jungen aus dem Heim Fußball gespielt. Diese Kinder seien in Kallmünz voll integriert gewesen, erinnert er sich. "Das Kloster, wie wir das Heim bis heute nennen, war kein Sperrbezirk. Das waren alles Kinder von Kallmünz." Der 54-Jährige erzählt, wie er gemeinsam mit den Heimkindern auf den Feldern Kartoffeln geklaubt hat und empfand das als willkommene Abwechslung. "Uns hat das Spaß gemacht, das kannten wir von zuhause ja so nicht."

Ob er jemals den Eindruck gehabt hat, dass die Heimkinder zu der schweren Arbeit gezwungen wurden, dass das Kinderarbeit ist? Ulrich Brey schüttelt den Kopf. "Das war eine andere Zeit. Klar, die Arbeit musste erledigt werden. Das Kloster hat sich ja damals selbst bewirtschaftet." In Gewächshäusern auf dem Gelände wurde Gemüse angebaut, aus den Äpfeln von der eigenen Plantage wurde Mus hergestellt, aus den Hagebutten Marmelade. Auch hätten die Heimkinder nie einen verstörten Eindruck gemacht, nie habe er blaue Flecken oder Striemen gesehen, die auf Misshandlung hingedeutet hätten.

Allerdings: Als Ulrich Brey zu den Heimkindern Kontakt hatte, war der teuflische Heimdirektor, Johann Baptist Mehler, bereits zehn Jahre tot, das Heim hatte eine neue Leitung - und die Zustände für die Kinder hatten sich in den 70er Jahren offenbar deutlich verbessert. Was sich hinter dem Eisentor und den Mauern des Geländes aber Anfang der 60er zugetragen hat, schildert Wilhelm (74) aus seiner Erinnerung:

Nach der morgendlichen Messe in der angrenzenden Kirche gab es für die Kinder eine Scheibe Brot und ein wenig Butter. Eine Küchenhilfe habe den Hunger der Kinder nicht mit ansehen können und ihnen heimlich aus einem Fenster manchmal Essen zugesteckt. "Wir mussten höllisch aufpassen, dass keine Ordensschwester das mitbekommt. Sonst hätte es wieder Schläge gesetzt. Und die Küchenhilfe hätte wahrscheinlich ihre Arbeit verloren."

Viel häufiger als in den Unterricht ging es nach dem mageren Frühstück hinaus aufs Feld, wo die Kinder den ganzen Tag lang schwere Steine von einem Hügel aufsammeln und in Eisenkörbe hieven mussten. "Wir mussten auf einer Anhöhe etwa einen Kilometer außerhalb des Ortes, im sogenannten Marienwald, Bäume pflanzen." Im Sommer sammelten sie Getreideballen ein, im Herbst ernteten die mageren Jungen in hauchdünnen Jacken auf dem Feld Rüben. "Nebenan gab es ein Altenheim, und wir mussten ja die Bewohner versorgen."

Am schlimmsten seien die Tage gewesen, wenn kurz zuvor ein Schwein geschlachtet worden ist. "Dann gab es für jeden von uns ein sehr fettiges Stück Fleisch, an dem noch Borsten hingen." Der Ekel war zu groß, Wilhelm konnte das Fleisch trotz größten Hungers nicht herunterwürgen. Weil er wusste, dass es von Schwester Sigismunda dann aber wieder Prügel setzen würde, wickelte er es in ein Taschentuch, steckt e es in seine Hosentasche und sagte, dass er auf die Toilette müsse. "Ich hatte es gerade heruntergespült, da stand Schwester Sigismunda schon hinter mir und hat mich gepackt." Sie prügelte auf den wehrlosen Jungen ein, zerrte an seinen Haaren und knallte seinen Kopf mit dem Gesicht voran so gegen die Wand, dass Wilhelms Nase geblutet hat. Anschließend, er sieht die Szene noch heute vor sich, musste er sein Blut von der Wand wischen.

Mädchen und Jungen wurden in dem Heim strikt voneinander getrennt, doch manchmal begegneten sie sich auf der Treppe. Einmal hatte Wilhelm kurz mit einem der Mädchen geredet. Schwester Sigismunda verprügelte ihn dafür mit dem Rohrstock. "Entweder mussten wir die Hände aufhalten oder sie schlug uns auf den Rücken." Jeden Tag seien Kinderschreie durch das Haus gehallt.

Ein Ort schwieg

Manchmal hätten die Leute im Ort "Ihr armen Kinder" gesagt, wenn mal das Hemd nach oben gerutscht war und die Male der Schläge zu sehen gewesen seien. Aber etwas unternommen, sagt Wilhelm, habe niemand. Und die Kinder hätten zu große Angst gehabt, zu fliehen. Einmal hätten es doch vier von ihnen versucht. Sie banden in der Nacht Bettlaken aneinander und seilten sich aus einem Fenster des Schlafsaals im zweiten Stock ab. Sie kamen bis in den Nachbarort, wo sie sich in einer Scheune versteckten. Doch der Bauer entdeckte die Kinder und verriet sie.

Zurück im Heim wurden die "Deserteure" in Anzüge gesteckt, die an Sträflingskleidung erinnerten, mussten sich im Hof in einer Reihe aufstellen und wurden verprügelt. Wilhelm und die anderen Kinder mussten die Szene mitansehen. "Schaut euch das gut an. Wenn ihr das auch versucht, ergeht es euch genauso und ihr kommt da hin, wo es euch noch schlechter geht", soll eine Ordensschwester die anderen Kinder gewarnt haben. "Manchmal konnte man sich aus Angst im Unterricht gar nicht mehr konzentrieren", sagt Wilhelm. Die Kinder hätten Angst um ihr Leben gehabt. "Es hätte nur noch gefehlt, dass sie uns deportiert hätten."

Nicht nur die Schläge fraßen sich in die Kinderseelen. Einmal "musste" Wilhelm wieder bestraft werden. Im Altenheim nebenan war gerade ein Mann gestorben. Die Schwestern sperrten den Jungen in das Zimmer, wo der Tote noch in seinem Bett lag. "Das war das Schlimmste. Ich dachte, ich muss die Scheibe einschlagen."

Die Ordensschwestern, erklärt der heutige Pfarrer von Kallmünz, Andreas Giehrl, seien Mallersdorfer Schwestern gewesen, ein römisch-katholischer Frauenorden mit seinen Wurzeln in Pirmasens. 4000 Schwestern soll der Orden laut dem Pfarrer einmal gehabt haben, heute vielleicht noch 600 - die Hälfte wohne inzwischen aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters in Pflegeheimen. Etwa 25 hätten damals im Kallmünzer Kinder- und Altenheim gelebt und gearbeitet - und das noch sehr lange. "Die letzte von ihnen wurde erst 2015 aus Kallmünz abgezogen", erzählt Andreas Giehrl. "Sie hat sich bis zuletzt viel mit den Bewohnern im Altenheim beschäftigt und auch sonst viel für das Allgemeinwohl getan." Dem Personal fehle dafür häufig schlicht die Zeit.

Dass es nun keine Ordensschwestern mehr gibt, die solche Aufgaben übernehmen, sei ein herber Verlust für Kallmünz. Da sind sich Pfarrer und Bürgermeister einig. Die Schwestern hätten in all den Jahren viel Gutes im Ort geleistet. "Sie haben die medizinische Versorgung in Kallmünz gewährleistet", schildert der Bürgermeister, dem die Schwestern in seiner Kindheit selbst Hausbesuche abgestattet hatten. Nicht immer sei sofort der Arzt greifbar gewesen - dann seien die Schwestern gekommen. Sein Amtsvorgänger habe die Schwestern sogar seine "Infanteristen" genannt.

Angesichts der verstörenden Schilderungen von ehemaligen Heimkindern wie Wilhelm klingt es paradox, wenn Pfarrer und Bürgermeister von den großen Verdiensten sprechen, die die Ordensschwestern geleistet hätten. "Durch die Taten einzelner schwarzer Schafe gehen solche Lebenswerke dann leider ein Stück weit kaputt." Die von den Heimkindern geschilderten Misshandlungen seien nicht zu entschuldigen, betont der Pfarrer. "Aber man muss bedenken, dass das eine andere Zeit war damals, dass im Rahmen des Züchtigungsrechts Schläge und Hiebe mit dem Rohrstock praktiziert wurden." Leider Gottes sei im Kinderheim die Schwelle zur Körperverletzung offenbar mehrfach überschritten worden. "Dass das damals im Ort die Runde gemacht hätte, das war nicht so", beteuert der Bürgermeister.

Dass sich der damalige Direktor Johann Baptist Mehler ganz offenbar an mehreren Jungen vergangen hat, hätten sie erst 2017 erfahren, als sich der damalige Generalvikar des Bistums Regensburg, Michael Fuchs, in Kallmünz angekündigt hatte, nachdem bei den Schilderungen von Missbrauchsopfern immer wieder der Name des damaligen Heimdirektors gefallen war. "Sexueller Missbrauch war uns bis dahin absolut fremd. Das alles ist absolut erschreckend." Das besagte Kinderheim wurde seitdem mehrmals umgebaut und wird heute von der Stiftung Kallmünz geleitet. Vorsitzender sind der Pfarrer und der Bürgermeister. Heute, sagen sie, könnten sie dafür garantieren, dass es den Kindern dort gut geht. Mit den dunklen Kapiteln aus der Vergangenheit muss der Ort nun leben, genauso wie die Opfer des teuflischen Priesters, der 1966 starb, mit seinem Grabstein. Die Inschrift lautet: "Er war ein wahrhaft frommer Priester und gütiger Helfer in der Not. Ein Vater der Kinder und alten Leute. Gott gebe ihm den ewigen Lohn."

Vor ein paar Jahren ist Wilhelm für ein Treffen der ehemaligen Heimkinder nach Kallmünz zurückgekehrt. Er war auch am Grab seines Peinigers.

Und er hat den Nadelwald gesehen, den er damals mit den anderen Heimkindern auf der Anhöhe pflanzen Musste. Die Fichten und Tannen sind inzwischen 20 Meter hoch.