"Pferde bewerten ihr Gegenüber nicht nach Aussehen oder Herkunft. Pferde schauen tief in unsere Seele." Das sagt Kerstin Deichsel, Trainerin der "Grizzly Ranch" in Wehelitz. Seit über vier Monaten bietet sie Reitstunden für die Kinder und Jugendlichen des Awo-Rehbergheims der Mathilde-Trendel-Stiftung in Kulmbach. Möglich gemacht wurde dieses Projekt durch eine großzügige private Spende.

Die Reitstunden in dem Neudrossenfelder Ortsteil sind nicht nur eine gelungene Abwechslung vom Alltag, sondern haben auch schon einiges bei den jungen Bewohnern bewirkt.

Seit August besuchen zehn Kinder und Jugendliche des Rehbergheims regelmäßig in Zweier-Gruppen die "Grizzly Ranch". Der jüngste Teilnehmer ist sieben Jahre alt, die Ältesten sind gerade volljährig. Egal ob Junge oder Mädchen, alle sind hellauf begeistert.

Bei den Besuchen in Wehelitz geht es nicht nur ums Reiten. Die Bewohner lernen den Umgang mit Pferden, sie putzen sie, misten den Stall aus, bereiten das Futter vor und machen Bodenarbeiten mit den Tieren. Außerdem übernehmen sie auch ein Stück weit Verantwortung, wenn beispielsweise einer das Pferd führt, während der andere darauf reitet.

Das Lieblingspferd heißt Betty

Auch in den Wohngruppen gibt es seit Wochen oft nur ein Thema: Pferde und Reiten. Die Bewohner schauen Videos zum Thema "Kommunikation mit Pferden" an oder leihen Pferdebücher aus. Für viele Bewohner sind die Besuche auf der "Grizzly Ranch" schon so fest im Alltag integriert, dass sie den nächsten Termin bei "ihrer Betty", dem Lieblingspferd, kaum erwarten können.

Ein jugendlicher Bewohner sagte einmal nach einer Reitstunde: "Ich war heute ganz durcheinander, weil wir nicht die Betty hatten, sondern ein anderes Pferd." Auch das lernen die Kinder und Jugendlichen in der Arbeit mit den Pferden: sich auf neue Situationen einzulassen und damit umzugehen. Besonders spannend sind die Nachmittage, an denen die Bewohner einen Einblick bekommen, wie man nur durch Körpersprache mit Pferden kommunizieren kann. Sie dürfen es bei der "Freiarbeit" selbst ausprobieren und sind ganz stolz, wenn es klappt.

Unglaublich bereichernd

Kerstin Deichsel von der "Grizzly Ranch" empfindet das Projekt als unglaublich bereichernd für alle Beteiligten: "Alle Kinder und Jugendlichen sind unseren Pferden gegenüber sehr aufgeschlossen. Sie zeigen eine große Sorgfalt bei der Pflege und genießen die Zeit, die sie mit den Tieren verbringen. Anfängliche Unsicherheiten sind schnell verschwunden, es ist sehr schön, wenn jemand, der zuerst sehr unsicher im Sattel war, auf einmal singend auf dem Pferd sitzt."

Es ist tatsächlich beeindruckend zu sehen, wie die Kinder mit den Pferden umgehen. Sie begegnen den Tieren respektvoll und reagieren teilweise anders, als sie das in ihrer Einrichtung tun. Während manche in der Wohngruppe eher hibbelig sind, sind sie im Umgang mit den Pferden ruhig und zurückhaltend. "Die Probleme, die jedes einzelne Kind im Alltag hat, scheinen in Wehelitz kleiner zu werden", so Kerstin Deichsel.

Aktuell kann das Projekt noch durch die großzügige private Spende finanziert werden. Über die längerfristige Weiterführung macht man sich derzeit aber viele Gedanken, um den Bewohnern auch in Zukunft Begegnungen mit Betty und den anderen Pferden der "Grizzly Ranch" zu ermöglichen. red