In seinem richtigen Leben ist der Garitzer Nicolas Sauer Jurist, Fachanwalt für Medizinrecht in einer Schweinfurter Sozietät - also eine höchst ernsthafte Angelegenheit. Aber einmal im Jahr macht er sich freiwillig zum Narren. Dann tritt die andere Seite des Nico Sauer nach vorne. Dann ist er Vorsitzender des Garitzer BTC, des "Biertümpelclubs" - und damit der Hausherr über zwei Veranstaltungen, die schon lange Kultcharakter haben, für die es Karten fast nur noch auf dem Schwarzmarkt gibt: die beiden legendären Elferratssitzungen in der Garitzer Turnhalle. Dann geht's närrisch ans Eingemachte, dann steht ein ganzer Stadtteil Kopf.

Aber in diesem Jahr? Wer heute durch Garitz geht, erlebt keine närrischen Aktivitäten, keine nervöse Vorfreude, sondern leere Straßen in Schockstarre: Der Garitzer Fasching ist abgesagt, die Turnhalle bleibt zu, Corona sei's gepfiffen und getrommelt. Aber ganz so dramatisch scheint's nicht zu sein. Denn auch die BTC-ler wissen, dass das Leben nach Corona weitergeht, weitergehen muss. Und so machte auch Nico Sauer einen durchaus gefassten Eindruck, als er auf die Absage angesprochen wurde.

Wie fühlt man sich als Obernarr, wenn die Narretei abgesagt wird?

Nico Sauer Da ist man natürlich traurig, dass man es nicht wie gewohnt durchziehen kann, zumal bei uns eine große Routine in den Abläufen vorhanden ist. Andererseits besteht auch großes Verständnis dafür, dass das alles in der gegenwärtigen Situation unangemessen beziehungsweise unpassend wäre.

Wie weit waren Sie denn mit den Vorbereitungen der Elferratssitzungen, als der Lockdown kam?

Letzten Endes, was die Rednergruppen oder Büttenredner oder auch das Bühnenbild anbelangt, war bis dahin kein Aufwand betrieben worden, weder bei Texten noch bei Abläufen. Allerdings, die Tanzgarden sind ja immer schon ab Sommer am Trainieren. Aber nachdem absehbar war, dass in der kommenden Session pandemiebedingt nichts laufen würde, ist das auch abgesagt worden. Also, von daher hält sich der bereits erfolgte Aufwand sehr in Grenzen.

Wann war denn für Sie der Tag des Absagens?

Letztlich der Tag, an dem auch die Generalversammlung des BTC abgesagt werden musste, also im November. Da wurde auch die Entscheidung über die Elferratssitzungen getroffen.

Es waren also auch noch keine Teams zusammengestellt oder Rollen vergeben?

Wir hätten natürlich schon ein Thema zur Hand gehabt ....

Welches?

.... soweit waren die Vorbereitungen schon, aber dazu sind keine konkreten Ausarbeitungen erfolgt.

Und wie wäre das Thema gewesen?

Das kann ich Ihnen nicht verraten, denn das wird ja gegebenenfalls wiederholt oder zu einem anderen Zeitpunkt entsprechend mit Leben gefüllt. Dazu will ich mich nicht äußern.

Wäre "gegebenenfalls" außerhalb des Faschings?

Nein, nicht außerhalb des Faschings. Aber das Thema kann ja unter Umständen in den Sitzungen von 2022 oder 2023 wiederverwendet werden. Deshalb will ich mich dazu nicht äußern.

Strenge Sache! Staatsgeheimnis!

Ja, so ungefähr.

Ab wann hatten Sie denn damit gerechnet, dass es mit den beiden Elferratssitzungen nichts werden könnte?

Mit dem zweiten Lockdown im November war eigentlich absehbar, dass das bis zum Februar vermutlich nichts werden würde. Das komplette Vereinsleben musste ja runtergefahren werden. Das betrifft auch andere BTC-Veranstaltungen. Es konnte schon im laufenden Jahr das Germanenfest nicht durchgeführt werden, obwohl es grundsätzlich bei Outdoor-Veranstaltungen Möglichkeiten gegeben hätte. Die Hygienevorschriften mit Masken und Desinfektionsmitteln lassen sich bei solchen Festen am Ende aber auch nicht einhalten.

Haben Sie irgendwann einmal erwogen, wenigstens ein bisschen BTC-Fasching online anzubieten? Manche Vereine wollen das ja machen.

Ja, wir haben das erwogen. Unser Problem ist halt: Wenn man etwas online anbieten will und das Ganze dafür aufzeichnet, um es auszustrahlen oder irgendwie zu veröffentlichen, müssen ja auch wieder Gruppen auf die Bühne, und die müssen auch gruppenweise trainieren. Und das können wir nicht gewährleisten. Ich weiß nicht: Alle einzeln aufzuzeichnen und dann zusammenzuschneiden - erstens ist der Aufwand technischer Art zu hoch, und zweitens bin ich mir nicht sicher, ob das Ergebnis das wäre, was wir uns davon gewünscht hätten. Und deshalb haben wir am Ende davon abgesehen.

Man bräuchte ja auch für die Bühne zumindest eine Teildekoration.

Ja, genau. Es geht halt alles nur in Gruppenarbeit. Ich kann nicht einen Einzelnen abkommandieren und sagen: Mach das mal. Nachdem ein gruppenweises Zusammenkommen aktuell einfach nicht möglich ist, sind derartige Pläne dann auch verworfen worden.

Ist bei Ihnen und den Garitzer "Biertümplern" die Enttäuschung groß?

J a, die ist selbstverständlich groß, weil man auch merkt, dass insbesondere die Jüngeren und die Kleineren, die da eben durch ein gewisses regelmäßiges Training in der Vorbereitung zusammengefunden haben, darunter leiden, dass die sozialen Kontakte ihnen jetzt fehlen. Aber das ist ja auch in den anderen Vereinen spürbar, etwa in den Sportvereinen, in denen Trainingseinheiten nicht mehr angeboten werden können.

Aber letzten Endes stellen wir uns da in den Dienst der Gesellschaft, indem wir nicht auf Teufel komm raus einen Hotspot verursachen wollen. Uns ist allen klar, dass wir auch bei Einhaltung aller Hygienevorschriften so eine Veranstaltung in diesem Jahr nicht durchziehen können, weder für die Aktiven noch für die Zuschauer. Wir wollen definitiv nicht als Superspreader-Veranstaltung in Erscheinung treten.

Es hatte sich bei uns eine gewisse Routine entwickelt. Man musste nur die zum Mitwirken bereiten Personen kontaktieren und einen bestimmten Rahmen vorgeben, was zu erledigen ist. Und dann hat es in den letzten Jahren eigentlich immer sehr gut geklappt. Der Zusammenhalt war da gigantisch. Es hat sich auch jeder, wenn klar war, dass und wann die Veranstaltungen stattfinden, den nötigen Zeitraum nach Weihnachten bis zum Fasching irgendwie freigehalten und damit Möglichkeiten geschaffen, dass er teilnehmen kann.

Befürchten Sie nicht, dass dieser Zusammenhalt im Moment auf eine harte Probe gestellt wird, weil die Motivation gekappt wurde?

Ich bin persönlich ein bisschen in Sorge, dass das mit einem Jahr Verzug vielleicht nicht mehr so sein wird, denn wenn das jetzt ein bisserl einreißt, dass eine Notwendigkeit der Mitwirkung nicht erforderlich ist - ich weiß nicht, ob in einem Jahr die Bereitschaft dann immer noch so ist. Ich kann es nur hoffen, aber wissen im Voraus kann man das natürlich nicht.

Sie treten auf als Nico Sauer. Haben Sie sich nie überlegt, sich zu einer wiedererkennbaren Figur zu machen?

Nein, das habe ich nicht, weil ich eigentlich flexibel mit dem eigentlichen Thema der Elferratssitzung umgehen möchte, aber auch mit dem ganzen Geschehen drumherum. Und das immer in ein Korsett zu zwingen, das war nie meins. Ich fand, dass der Bernd Holzheimer das über die Jahre ganz toll gemacht hat. Aber ich hatte nie die Absicht, als Rolle in seine Fußstapfen zu treten. Ich wollte mich da immer den Themen der Abende anpassen, nicht meine Rolle dem Sitzungsprogramm aufzwingen. Das machen andere auch so. Auch die Garden richten ihre Uniformen und Kostüme an den jeweiligen Themen aus, und die Aktionsgruppe tut das auch. Es wäre nicht mehr zeitgemäß zu sagen: Ich mache eine fixe Rolle und ziehe die durch, komme, was wolle.

Mal ins Graue gefragt: Was entgeht dem BTC durch die Absage der beiden Elferratssitzungen?

Letzten Endes haben wir keine Probleme damit, weil wir nicht auf einen betriebsnotwendigen Gewinn aus sind, sondern wir achten nur darauf, dass wir kostendeckend arbeiten. Und nachdem uns in diesem Jahr für Kostüme, Technik, Dekoration und Saalmiete keine Kosten entstehen, weil wir schlicht und ergreifend die Halle nicht brauchen, ist auch der Einnahmeausfall zu verkraften, weil das Geld eigentlich nur zur Kostendeckung hergenommen wird. Somit ist auch der Ausfall der Veranstaltung zu verkraften.

Das ist etwas ungewöhnlich für einen Verein, im Augenblick nicht über seine finanzielle Lage zu jammern.

Wir sind dankenswerterweise vom Landratsamt Bad Kissingen angeschrieben worden, das uns darauf aufmerksam gemacht hat, dass es vom Freistaat Bayern ein Förderprogramm gibt auch für Vereine, die sich dem Fasching verschrieben haben. Ich habe aber schon zurückgeschrieben, dass wir für den Hinweis danken, aber definitiv davon keinen Gebrauch machen werden, weil wir keine Verluste haben. Das Geld sollen die Vereine bekommen, die von den Absagen massiv gebeutelt werden, die Verpflichtungen eingegangen sind und eingehen mussten, auf denen sie jetzt sitzen bleiben. Wir werden die öffentlichen Kassen damit nicht belasten. Der ganze Garitzer Fasching beruht ja auf ehrenamtlichem Engagement. Da kann das Finanzielle sehr gut hintanstehen.

Und das Menschliche?

Dramatischer ist, dass man halt nicht mehr zusammenkommt, die Aktiven, die Ehemaligen in Proben oder am Stammtisch. Da kann man nur hoffen, dass das möglichst rasch wieder in normale Bahnen kommt. Aber das steht und fällt wohl alles mit den Impfungen.

Also in diesem Jahr: komplette Fehlanzeige?

Nicht ganz. Wir haben für unsere Aktiven auch für dieses Jahr wieder Orden beim Fastnachtsverband bestellt. Eine eigene Veranstaltung zur Verleihung kann es natürlich nicht geben. Es ist auch schwierig, von Haus zu Haus zu tingeln. Und die Orden mit der Post zuzuschicken wäre ein bisschen strümpfig. Da sind wir noch am Planen, wie wir da vorgehen wollen. Denn der Verein will zeigen: Es gibt uns noch. Und wir wollen uns in irgendeiner Form erkenntlich zeigen in der Hoffnung, in der Zukunft auf die Mithilfe der Mitglieder zurückgreifen zu können.

Was machen Sie mit der gewonnenen Zeit?

(lacht) Das ist eine gute Frage. Mit einem Wort: Sport. Für etwas mehr Freizeit, die ich durch die Absage gewonnen habe, bin ich angesichts der beruflichen Einspannung durchaus nicht undankbar. Die empfinde ich trotz allen Bedauerns auch als wohltuend.

Das Gespräch führte

Thomas Ahnert